10. Korean Film Festival Frankfurt

Wirst Du zu den anderen Filmen auch noch was schreiben?

Könnte ich vielleicht nachher im Zug mal machen. Habe nämlich jetzt kein Buch mehr zum Lesen und mir aus Versehen für die Fahrt nur die erste Folge der Netflix-Doku „Raincoat Killer“ runtergeladen. Von daher könnte ich das mal machen.

Escape from Mogadishu war natürlich Auftakt nach Maß. Deutschlandpremiere und Koreas Oscarbeitrag. Leider hatte Ku Kyohwan nicht mehr Sprechzeit.

Dust-Man ist zweifelsfrei der beste Superheldenfilm der letzten Jahre. Davon kann sich Marvel eine Scheibe abschneiden. Shim Dalki ist auch eine Garantin für gute Indiefilme.

A Distant Place konnte ich nur schwer folgen. Irgendwie war meine Aufmerksamkeit im Keller. Handelt von einem schwulen Paar, dass in einem kleinen Dorf eine Tochter groß zieht. Ich habe aber irgendwie nicht mitbekommen, ob es wirklich die Tochter des einen Mannes, der „Mutter“ (eomma) genannt wird, ist, oder die seiner Schwester. Ist vermutlich ein guter Film aber irgendwas muss ich verpasst haben, dass ich keine Lehre aus dem Film ziehen konnte.

Sinkhole war dann zum Glück eine leichte Komödie und ein echtes Highlight. Besser als erwartet. Ich denke, ein Szenario, dass das gerade bezogene Eigenheim im Erdboden verschwindet, gab es noch nicht häufig. Mir fällt kein solcher Film ein. Hat auch ein bisschen an den Roman The Disaster Tourist erinnert… Wobei diese Sinkholes die einzige Gemeinsamkeit ist. Hervorragend besetzt. Aber es wäre schön, wenn Kim Hye-jun mehr screen time gehabt hätte.

The Book of Fish war wie zu erwarten ein weiteres Highlight. Immerhin von Lee Joon-ik. Und Lee Joon-ik macht nur gute Filme. Ein sehr philosophischer Film. Mit einer Überraschung: Nie hätte ich Min Dohee in einem Film von Lee Joon-ik erwartet. Schön zu sehen, dass sie als Schauspielerin so viel erfolgreicher ist als als Popsängerin.

Hard Hit war eingetlich wie erwartet. Man kennt ja ähnliche Szenarien von Speed oder dem Film, wie die ganze Zeit jemand an einer Telefonzelle steht. Gute Action. Hat natürlich auch gut nach Book of Fish gepasst, in dem Jo Woojin in einer Nebenrolle als etwas dämlicher Magistrat zu sehen ist. Und dann eben in Hard Hit nach endlos vielen Nebenrollen in seiner ersten Hauptrolle.

The Book of Fish {2021, Lee Joon-ik}
Als der Gelehrte Jeong Yak-jeon (SOL Kyung-gu) 1801 auf die Insel Heuksando verbannt wird, entwickelt er Interesse an der Fischerei. Im Austausch gegen sein Wissen bringt der junge Fischer Chang-dae (BYUN Yo-han) ihm alles über die See bei. Doch die beiden geraten aufgrund unterschiedlicher Wertvorstellungen immer öfter aneinander.

Historiendrama der eher gemächlichen Gangart. War mir phasenweise fast zu gemächlich, doch gerade daraus zieht der Film seine Kraft. Denn die Geschichte passt und die Charaktere halten einen bei Laune. Dafür gibt’s viele große und einige kleine tolle Momente und eine wunderschöne Schwarzweißoptik mit einigen beeindruckenden Bildern. Wenn man den Film beim Abspann sich etwas setzen lässt, ist man mehr als zufrieden und erinnert sich sofort die schönsten Momente und Dialoge. Einfach ein schöner Film ohne Hektik, in den man sich fallen lassen kann.
8/10

Hard Hit {2021, Kim Changju}
Der packende Thriller Hard Hit spielt in der südkoreanischen Hafenstadt Busan und handelt von dem Geschäftsmann und Familienvater Seong-gyu (JO Woo-jin). Auf dem Weg zur Arbeit empfängt Seong-gyu einen Anruf von einer unbekannten Nummer. Der anonyme Anrufer teilt dem Geschäftsmann mit, dass sich eine Bombe in seinem Wagen befindet und diese explodieren wird, sobald jemand aus dem Auto steigt oder die Polizei benachrichtigt wird. Eine gefährliche Irrfahrt durch Busan beginnt, doch wie wird sie enden?

Gefühlt noch mal 'nen kleinen Tacken zackiger als die spanische Variante „El Desconocido“. Von Minute eins an rasant inszeniert ohne Verschnaufpausen. Der Hauptdarsteller macht einen klasse Job. Spannung, Optik, Verfolgungsjagden … alles so, wie man sich das bei einem gelungenen Actionthriller wünscht. Der ganze Ablauf ist im Übrigen quasi deckungsgleich mit der spanischen Vorlage, auch in vielen Details.
8/10

Recalled {2021, Seo You-min}
Nach einem Unfall findet sich Soo-jin (SEO Yae-ji) ohne jegliche Erinnerungen wieder. Sie besitzt jedoch plötzlich die Fähigkeit, die Zukunft ihrer Mitmenschen zu sehen. Während sie versucht, die Puzzleteile ihres Gedächtnisses wieder zusammenzusetzen, stößt sie auf ein schockierendes Geheimnis, welches die Beziehung zu ihrem Mann Ji-hoon (KIM Kang-woo) für immer verändern wird.

Als Zuschauer ist man zu Beginn genauso im Ungewissen wie die Hauptperson selbst. Was kann man glauben, wem kann man trauen? Im Verlauf der Geschichte erfährt man immer mehr und die Puzzleteile werden stück für Stück zusammengesetzt. Zum Ende hin wird das Tempo immer schneller und man bekommt ein paar coole Twists präsentiert. Zwischendrin ist das gefühlt fast zu viel, wird aber zum Finale hin äußerst gelungen abgeschlossen. Optik und Score haben ebenfalls gefallen. Cooler Mysterythriller mit vielen kleinen coolen Details, den man sicherlich noch ein zweites Mal anschauen kann, um noch mehr zu entdecken.
8/10

Bei den ab morgen streambaren Titeln freu ich mich schon auf Josée und Samjin Company English Class . Ansonst entscheiden Laune und Zeit, ob ich’s schaff :slight_smile:

Ich werde mir alles ansehen außer Spa Night und Bedsore. Aber Samjin sollte das Highlight sein.

Heute war auch nochmal ein Highlight-Tag. Die Jungregisseure Kwon Min-pyo und Seo Hansol hatten für ihren Debütfilm Short Vacation (Originaltitel auf Deutsch: „Endstation“) die Idee, vier Mittelschülerin auf eine Reise ans Ende der Welt zuschicken. Ein kurzweiliger Film über Freundschaft.

Viel unterschiedlicher hätte der darauffolgende Film mit Aloners kaum sein können (ein Slasher wäre aber auch ein starker Kontrast gewesen). Aloners noch vor Sinkhole wohl der nachvollziehbarste Film des Festivals. Etwas überraschend in einem Indiefilm ist die Fernsehdarstellerin Gong Seung-yeon in der Hauptrolle. Die Szenen, wie sie in der Mikrowelle Fertigessen aus dem Convenience Store warm macht oder in der Mittagspause beim Essen meokbangs anschaut, sind natürlich komisch ironisch, wenn man bedenkt, dass ihr Vater im echten Leben Fünf-Sterne-Koch ist.

Yoo Da-in, die immer im Vorspannvideo zu sehen ist und dem Filmfestival alles gute zum 10jährigen wünscht und auch die Hauptdarstellerin von I don’t Fire Myself ist, der am Mittwoch streambar ist, hat gestern geheiratet.

Josée war nicht wirklich was für mich. Guter Film, den man sich ansehen kann. Aber naja.

Vimeo letztes Jahr hat mir auch für das Streaming besser gefallen als Festival Scope. Letzteres bietet nämlich keine App für FireTV an und läuft auch nicht auf Amazons Silk Browser. So musste ich am PC schauen.

Ich finde I Don’t Fire Myself war einer der besten Filme. Die ersten 20 Minuten fand ich zäh, aber dann war es mal wieder ein klasse Indiefilm in dem Yoo Da-in viel Durchhaltevermögen zeigt.

Short Vacation {2020, Kwon Min-pyo, Seo Han-sol}
Kurz vor den Sommerferien erhalten vier Schülerinnen eine sonderbare Aufgabe von ihrem Lehrer: Sie sollen das Ende der Welt fotografieren. Zunächst etwas ratlos, beschließen die Vier mit der U-Bahn an den Rand der Stadt zu fahren. Doch das ist erst der Beginn ihrer Reise.

Indiefilm mit einem guten Flow, der wahrscheinlich zu einem gewissen Teil auch improvisiert wurde. Man folgt den Mädchen gerne auf ihrer Tour und ist gespannt, wohin sie wohl gehen wird. Die beiden Regisseure schaffen es, dass man sich selber an frühere Erkundungstouren erinnert, an die Neugier, das Unbekannte, das Zögern, das Mutigsein. Der Film wirkt ein wenig wie ein Experiment, für das man nur einen ganz groben Plan hat und dann mal schaut, was man draus machen kann. Vielleicht nicht jedermanns Geschmack, aber sehr sympathisch.
7/10

Aloners {2021, Hong Sung-eun}
„Aloners“ handelt von einer jungen Frau, die als Angestellte in einem Callcenter einer Kreditkartengesellschaft arbeitet. Sie verrichtet gute Arbeit, jedoch umgeht sie jegliche sozialen Kontakte mit ihren Arbeitskolleginnen. Auch im privaten Leben vermeidet sie es, Beziehungen mit ihren Mitmenschen aufzubauen. Nach einem Vorfall erreicht sie einen Wendepunkt in ihrem Leben. Sie wird mit Beziehungen, die sie im Berufs- und Privatleben vermieden hat, konfrontiert.

Die optisch - nicht erzählerisch - eher zurückhaltende Inszenierung widerspiegelt das Verhalten unserer Hauptprotagonistin gut. Sie als unterkühlt in ihrem Wesen zu bezeichnen, ist noch geschmeichelt. Die Schauspielperformance trägt den ganzen Film. Es gibt durchaus sehr interessante Nuancen und Facetten an der Figur, die einen hoffen lassen, dass sich alles zum Besseren wendet. Die spannende Frage, ob das gelingt bleibt spannend bis zum Schluss. Gelungene Gesellschaftskritik mit einem gutem Drehbuch und dem ein oder anderen kleinen Kinnhaken, der eine doch recht komplexe Charakterzeichnung gelingt. Und mal wieder ein Beweis, dass das koreanische Indiekino nach wie vor tolle Filme hervorbringt.
8,5/10

Three Sisters {2020, Lee Seung-Won}
„Three Sisters“ erzählt die Geschichte von drei Schwestern, die nach außen scheinbar keine Probleme haben: Die älteste Schwester Hee-sook ist eine beschäftigte Ehefrau und Mutter, die sich lieber entschuldigt, statt ihre wahren Gefühle zu zeigen. Die mittlere Schwester Mi-yeon möchte den Schein eines perfekten Lebens wahren, doch die Affäre ihres Mannes ist dabei hinderlich. Die jüngste Schwester Mi-ok ist eine frustrierte Theaterautorin, die ohne Alkohol nicht leben kann.

Ziemlich heftiges und trostloses Familiendrama, das einen ganz schön runterzieht. Jede der drei Schwestern hat ihr - nicht ganz kleines - Päckchen zu tragen. Entfremdung und Zusammenhalt sind die zentralen Themen. Neben den vielen traurigen Szenen und Ereignissen kann man sich auch an die wenigen schönen Momente klammern. Das Finale setzt dem Ganzen dann noch einen drauf. Gut gespielt, mit vielen beeindruckenden und bedrückenden Momenten. Nix für Frohnaturen, aber starkes Erzählkino mit leichter Kim-Ki-duk-Note.
8,5/10

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Jetzt ist das Festival vorbei. Ich fand letztlich von den Onlinefilmen I don’t Fire Myself am besten. New Year Blues hätte man meines Erachtens nur wegen dem Frankfurter Flughafen im Kino zeigen sollen.

Samjin Company English Class ist ganz lose inspiriert von dem 1991 Nakdong River phenol contamination incident (Link 1, Link 2, Link 3). Aber auch wirklich nur der grundlegende Plot á la „Unternehmen lässt Chemikalien im Fluss ab“. Ansonsten hat der Film keine weiteren Gemeinsamkeiten mit dem realen Vorfall.