„Where do ghosts go, when you don’t need them anymore?“
„Mother Mary“
(David Lowery / 2026 / Kino (DCP) / OmdU / Erstsichtung)
"I was sick and tired of everything / When I called you last night from Glasgow
All I do is eat and sleep and sing / Wishing every show was the last show
So imagine I was glad to hear you’re coming / Suddenly I feel all right
And it’s gonna be so different when I’m on the stage tonight
Tonight the super trouper lights are gonna find me
Shining like the sun (super trouper) / Smiling, having fun (super trouper)
Feeling like a number one
Tonight the super trouper beams are gonna blind me (super trouper)
But I won’t feel blue (super trouper) / Like I always do (super trouper)
'Cause somewhere in the crowd there’s you
Facing twenty-thousand of your friends / How can anyone be so lonely?
Part of a success that never ends / Still I’m thinking about you only
There are moments when I think I’m going crazy / But it’s gonna be alright
Everything will be so different when I’m on the stage tonight
Tonight the super trouper lights are gonna find me (super trouper)
Shining like the sun (super trouper) / Smiling, having fun (super trouper)
Feeling like a number one
Tonight the super trouper beams are gonna blind me (super trouper)
But I won’t feel blue (super trouper) / Like I always do (super trouper)
'Cause somewhere in the crowd there’s you
So I’ll be there when you arrive / The sight of you will prove to me I’m still alive
And when you take me in your arms and hold me tight / I know it’s gonna mean so much tonight
Tonight the super trouper lights are gonna find me (super trouper)
Shining like the sun (super trouper) / Smiling, having fun (super trouper)
Feeling like a number one
Tonight the super trouper beams are gonna blind me (super trouper)
But I won’t feel blue (super trouper) / Like I always do (super trouper)
'Cause somewhere in the crowd there’s you"
( ABBA, „Super Trouper“ )
"Don’t blame me, love made me crazy / If it doesn’t, you ain’t doin’ it right
Lord, save me, my drug is my baby / I’ll be usin’ for the rest of my life
I get so high, oh / Every time you’re, every time you’re lovin’ me
You’re lovin’ me / Trip of my life, oh
Every time you’re, every time you’re touchin’ me / You’re touchin’ me"
(Taylor Swift, „Don’t Blame Me“ („Reputation Tour“ performance ))
„Take us to church, Taylor!“
(Swifties-chant at the height of „Don’t Blame Me“, „The Eras Tour“, 2023 - 2024)
"Time won’t fly, it’s like I’m paralyzed by it
I’d like to be my old self again, but I’m still tryin’ to find it
After plaid shirt days and nights when you made me your own
Now you mail back my things and I walk home alone
But you keep my old scarf from that very first week
'Cause it reminds you of innocence and it smells like me
You can’t get rid of it / 'Cause you remember it all too well
'Cause there we are again when I loved you so
Back before you lost the one real thing you’ve ever known
It was rare, I was there
I remember it all too well"
(Taylor Swift, „All Too Well“ (10 Minute Version))
Der weltberühmte Mega-Pop-Star Mother Mary taucht eines Abends unangemeldet und überraschend im strömenden Regen bei ihrer ehemaligen Costume-Designerin Sam auf, um sie um einen Gefallen zu bitten. In wenigen Tagen steht ihr lange vorbereiteter Comeback-Auftritt an, nachdem ein ominöser On stage-Unfall während eines Live-Gigs ihrer damaligen Welt-Tournee sie zu einer längeren Pause vom Rampenlicht und öffentlicher Aufmerksamkeit zwang. Und ausgerechnet Sam, die jahrelang nichts mehr von ihrer einstigen Weggefährtin gehört oder gesehen hat, soll ihr dafür mal eben so das perfekt passende und stimmig ausdrucksvolle Kleid schneidern. Doch Sam zögert - denn sie hat noch unfinished business mit Mary… und das bezieht sich beileibe nicht nur allein aufs Geschäftliche…
Ein Gespenst geht um in David Lowerys „Mother Mary“ - und nein, es ist selbstschreibend nicht das des Kommunismus. Die unheimliche Präsenz, die den Film beständig heimsucht, welche die Bilder haunted, und in der schwierig-vorbelasteten Beziehung seiner beiden Pro- und Antagonistinnen herumspukt, ist das Gespenst einer lange in die Brüche gegangenen relationship, die sich über die geschäftlich-professionellen Aspekte der zwei Frauen hinaus erstreckt. Vielleicht der Geist einer former friendship turned sour, möglicherweise aber sogar das schemenhafte Phantom einer zerbrochenen Liebe (wer mich auch nur ein kleines bisschen kennt, sollte mittlerweile wissen, dass ich als grosse:r Liebhaber:In von so-called „Frauenfilmen“ (no © @splattercheffe ) im Allgemeinen, und solchen mit lesbian love stories im Speziellen, natürlich zu letzterer Lesart tendiere…). Eine Erscheinung, welche immer wieder in die Bilder, in die Dialoge, ja sogar in die Körper hinein fährt, und sich partout nicht abschütteln lassen will. Wenn Mary von Sam dazu aufgefordert wird, ihr die dance routine zu ihrem neuen Comeback-Song (passender Weise „Spooky Action“ tituliert) quasi „auf dem Trockenen“, also ohne die dazugehörige Musik (denn Sam hat sich geschworen, nie wieder Marys Musik anzuhören) vorzutanzen, dann steigert sie sich dabei zum Ende hin in eine wahnhaft anmutende Art von Besessenheit, und wälzt sich in konvulsisch zuckenden Bewegungen auf dem Dielenboden herum, so als würde sie gerade eine Art Teufels- oder Dämonen-Austreibung vollführen (Seit dem selbstvernichtend-verrenkten Ballet-Todestanz aus Luca Guadagninos „Suspiria“-Neu-Interpretation hat mensch eine solch beeindruckend-bestürzende Tanz-Vorführung nicht mehr auf der Leinwand gesehen). Was sich dann auch in den Dialogen weiter fortsetzt: Mary möchte eigentlich gar nicht mehr über die gemeinsame Vergangenheit sprechen, und sich rein auf die Ebene einer geschäftlichen Beziehung zurückziehen, Sam aber beharrt darauf, dass sich ihre ehemalige Freundin endlich öffnen möge, ja, müsse, um eine bislang nicht gezeigte Form von biographischer Authentizität in den Fertigungs-Prozess des stofflichen Endprodukts einfliessen zu lassen. Und selbstschreibend möchte sie von Mary auch, und zuvorderst, wissen, warum diese sich damals von ihr abgewandt, und sie „verraten“ hat. Beide leiden sie bis heute unter den Geistern der gemeinsamen, und immer noch unaufgearbeiteten Vergangenheit… einer Vergangenheit, die just in dieser Nacht wieder in der Gegenwart sich manifestiert, und sie zwingt, der Realität endlich ins Auge zu sehen. Wobei diese Textzeilen gerade eingangs zuerst einmal wie der bescheuert-strunzblödeste, und hanebüchenste Unsinn überhaupt anmuten. Ja, die Wortgefechte und Rede-Duelle zwischen den beiden sind scharfzüngig geschliffen, bitter-boshaft, geistreich (<— pun not intended), quälend bohrend - aber wie sie von ihrer Form, und zu sprechenden Text her ver- und abgefasst sind, das dürfte den allermeisten Zuschauer:Innen doch arg gekünstelt, gestelzt, und reichlich bemüht vorkommen. Und haderte auch ich zu Film-Beginn mit dieser merkwürdigen Form des Ausdrucks, und der Artifizialität der Dialoge. Doch mit zunehmender Laufzeit gaben sich diese Probleme dann mehr und mehr, und begann mich der Streifen auf eine seltsame Art und Weise zu faszinieren, wie magisch anzuziehen, und hatte mich irgendwann komplett am Haken. Ich weiss immer noch nicht so ganz genau, wie genau Lowery, Hathaway und Coel das geschafft haben, und vielleicht will ich es auch gar nicht so genau wissen - Aber oh my goodness, habe ich mein Herz an diesen Film verloren! Denn ja, die Argumente, welche gegen den Streifen ins Feld geführt werden, sind einerseits zwar zutreffend, unterstreichen sein Anliegen und seine Vorgehensweise dabei aber umso mehr. Es stimmt ja unbestritten auch: Kein Mensch redet so! Genau diese Bühnenstück-hafte Künstlichkeit des Gesprochenen hilft aber nochmal immens dabei, eines der Kernthemen von „Mother Mary“ zu verdeutlichen: Das Verschwinden eines realen Menschen hinter seiner ihrer Bühnen-Persona, und stage performance. Das eigene Aufgezehrtwerden von den Anforderungen des Popstar-Biz. Als würde Taylor Swift auf ihrer „Reputation“-Tour (welche nicht nur eine ihrer bislang besten, sondern laut Aussage des Regisseurs auch eine der Haupt-Inspirations-Quellen für das Stage Set, die Bühnen-Routinen und Tanz-Choregraphien in den Ausschnitten von Marys Live-Konzerten war) backstage einen Exorzismus vollführen. „The Life of A Showgirl“ meets William Friedkin. Oder als hätte Max Frisch zu seinen „Die Physiker“-Zeiten die Soap Opera-Version eines Zwei Personen-Stücks von Sarah Kane zu schreiben versucht, das sich mit dem heutigen Musik-Business auseinander setzt. Anne Hathaway, die sich scheinbar in den Kopf gesetzt hat, in jedem zweiten grösseren (Nicht nur-)Genre-Film des aktuellen Kinojahres mitzuspielen, gibt hier Alles, und dann nochmal Einiges mehr, als zum Seelen-Striptease und zur Psycho-Beichte gezwungene Pop-Chanteuse mit vermeintlich makellos perfektem Star-Antlitz, hinter dem sich in Wahrheit eine zutiefst vereinsamte, sich irgendwann, irgendwo selbst verloren gegangene, trist-traurige Seele verbirgt. Ein Mensch, der hinter all den Masken, Kostüm-Wechseln und Stage-Personae schon gar nicht mehr weiss, wer sie selbst ist. Geschweige denn, was das überhaupt noch bedeuten könnte, sie selbst zu sein. Und wird von Michaela Coel kongenial ergänzt, die als ihr counter part und ihre other half eine berückend-beglückende Unmittelbarkeit und sarkastisch-fantastische Unnachgiebigkeit in ihre Rolle mit einbringt, zugleich aber ebenso eine tiefe Verletztheit erfahrbar macht, eine immer noch blutende Wunde in ihrer filmischen Präsenz offenlegt, die sich nie geschlossen hat. Hunter Schafer als Sams Assistentin Hilda hat dabei leider nur eine unwichtig-vernachlässigenswerte Nebenrolle, und dient rein als blosse Stichwort-Geberin, und Herbei-Beschafferin des jeweils gerade vom Sam benötigten Stoffes, oder Arbeits-Utensilien. Und kann somit nie ihr wahres Talent zeigen, oder erhält genug Raum, um mit ihren acting skills zu glänzen. Wie nun beide Frauen zusammen die zurückliegende(n) shared past (experiences) erforschen, dabei nach und nach die Schichten der je individuell-eigenen relationship injuries offenlegen, anerkennen, und zu heilen versuchen, das ist vielleicht nicht für jede:n Zuschauer:in so wirklich was - war aber für mich an jenem Kino-Abend einfach nur reine Film-Magie, und ich wahrhaftig und wortwörtlich hin und weg, wie tief verzaubert von diesem Streifen, der Gottes Göttinnen-Dienst, und Séance zugleich ist, der Bekenntnis und Bannformel vereint, der Begehren und Trauer zusammenführt, der ebenso innigste Liebes-Erklärung, wie sehnsuchtsvollstes-schmerzhaftestes allerletztes Abschieds-Wort ist. Und das Alles schon, bevor es dann wirklich und wortwörtlich spooky wird, auch das Geheimnis um Marys Bühnen-Unglück endlich gelüftet wird, und der Streifen zum Ende hin endgültig eine absurd metaphysische Ebene erklimmt, die ihren Ursprung doch ganz im Irdischen hat.
Die (wenigen, und nur sparsam immer mal wieder eingestreuten) Konzert-Szenen sind von einer beinahe über- und ausserweltlichen Opulenz, und auf eine Art und Weise abgefilmt, dass mensch aus dem Staunen mit offenem Mund fast gar nicht herauskommt. Auch Mother Marys verschwenderisch-prächtige Bühnen-Kostüme rauben Einer:Einem ein ums andere Mal den Atem, so unfassbar prunkvoll designed und überbordend entworfen sind sie. Wie provokant-phantasmatische, fetischhaft-Ikonenmalerische mash up-Versionen von Lady Gaga- und Madonna-Outfits. Vor Allem ein Kleid (das Kleid) ist dabei von dermaßen schlichter, und doch erhabener Eleganz, dass ich den Fummel am Liebsten sofort und gleich auf der Stelle aus der Leinwand, und dem Film, heraus geklaubt hätte, und damit aus dem Kino hinaus gerannt wäre. Ausgerechnet die Songs allerdings bilden eines der ganz wenigen low lights in „Mother Mary“. Nun war, bin, und werde ich wohl nie mehr der Welt grösster Charli XCX-Fan, aber die original songs, welche für den Streifen geschrieben wurden, stammen ja sowohl aus ihrer Feder, als auch zu vermutlich fast gleichen Anteilen auch aus der von Jack Antonoff. Und der ist - neben der Tatsache, dass er Ehemann von Margaret Qualley ist - auch für viele der Über-Hits von Taylor Swift, Lana Del Rey und Annie Clark (a.k.a. St. Vincent) verantwortlich. Wirkte aber gerade in seiner Funktion als song co-writer und -composer, sowie music producer in den letzten paar Jahren schon reichlich erschöpft, ideenlos und fast schon ausgebrannt auf mich. Von den Tracks, welche er zusammen mit Charli XCX für den Film geschrieben hat (und die tatsächlich allesamt auch von Anne Hathaway selbst eingesungen wurden), sticht jedenfalls gerade mal „Burial“ und - mit Abstrichen „Dark Cradle“ - noch so eben heraus. Der Rest sind eher unspektakuläre, beliebig-austauschbar klingende, nicht prägnant genug produzierte, kaum im Gedächtnis verbleibende, und schnell wieder vergessene Flüster-Pop-Nummern. Aber auch diese kleine Nichtigkeit kann die magisch-betörende, magnetisch-melancholische, soghaft berauscht in Fesseln schlagende Kraft von „Mother Mary“ kaum abschwächen. Eine Kraft, die mich für die Dauer des Films, und noch weit über sein Ende hinaus, derart einnehmend in ihren Bann schlug, dass ich mich nach dem Verlassen des Kinos so elevated fühlte, wie seit nach der Erstsichtung von Mascha Schilinskis „In die Sonne schauen“ nicht mehr. Als wäre ich selbst ein Gespenst, welches durch die Welt schwebte. Von einer lange verlorenen Liebe träumend. Während meine tief empfundene Liebe für „Mother Mary“ aber gerade erst begonnen hatte.
Mensch kann es „Mother Mary“ gar nicht hoch genug anrechnen, dass Lowerys Film das Versprechen, welches die Pop-Musik ihren Zuhörer:Innen und Fans macht, nie auch nur in einer einzigen Sekunde verrät, sondern es im Gegenteil so erst nimmt, wie nur irgendwas.
Das Versprechen, dass die Illusion, die Imagination, realer ist als die Realität.
Dass die herbei ersehnte Wunschvorstellung wirkmächtiger ist, als das Alltags(Er-)Leben.
Dass das Flüchtig-Momenthafte dauerhafter und beständiger ist, als (D)eine ganze Existenz.
Dass die Inszenierung, die Show, wirklicher ist, als die Wirklichkeit.
Dass der Song, den Dein angehimmelter Star da oben auf der Bühne singt, für die Dauer des Konzerts wirklich der beste Song aller Zeiten ist.
Dass sie:er diesen einen Song in diesem einen Moment, da ihr einander in die Augen blickt, nur für dich, und Dich ganz allein, singt.
Dass die Liebe die einzig wirklich bestimmende, und alles Andere überdauernde Kraft ist.
That the stars are real. (Breat Easton Ellis, „Glamorama“)
Where do ghosts go, when you don’t need them anymore?
Nun, sie werden zu Kleidern, so strahlend schön, und ätherisch anmutig, wie Eure Liebe am ersten Tag.
Sie werden zu heartachingly painful break up songs about the lost love of your life.
Und sie werden zu Filmen.
Zu Filmen, wie „Mother Mary“.

"And did the twin flame bruise paint you blue?
Just between us, did the love affair maim you too?
'Cause in this city’s barren cold / I still remember the first fall of snow
And how it glistened as it fell / I remember it all too well
Just between us, did the love affair maim you all too well?
Just between us, do you remember it all too well?
Just between us, I remember it all too well
Wind in my hair, I was there, I was there
Down the stairs, I was there, I was there
Sacred prayer, I was there, I was there
It was rare, you remember it all too well"
(Taylor Swift, „All Too Well“ (10 Minute Version))
"We gather here, we line up, weepin’ in a sunlit room
And if I’m on fire, you’ll be made of ashes too
Even on my worst day, did I deserve, babe / All the hell you gave me?
'Cause I loved you, I swear I loved you / 'Til my dying day
I didn’t have it in myself to go with grace / And you’re the hero flying around, saving face
And if I’m dead to you, why are you at the wake? / Cursing my name, wishing I stayed
Look at how my tears ricochet
We gather stones, never knowing what they’ll mean
Some to throw, some to make a diamond ring
You know I didn’t want to have to haunt you / But what a ghostly scene
You wear the same jewels that I gave you / As you bury me
I didn’t have it in myself to go with grace / 'Cause when I’d fight, you used to tell me I was brave
And if I’m dead to you, why are you at the wake? / Cursing my name, wishing I stayed
Look at how my tears ricochet
And I can go anywhere I want / Anywhere I want, just not home
And you can aim for my heart, go for blood / But you would still miss me in your bones
And I still talk to you (when I’m screaming at the sky)
And when you can’t sleep at night (you hear my stolen lullabies)
I didn’t have it in myself to go with grace / And so the battleships will sink beneath the waves
You had to kill me, but it killed you just the same / Cursing my name, wishing I stayed
You turned into your worst fears / And you’re tossing out blame, drunk on this pain
Crossing out the good years / And you’re cursing my name, wishing I stayed
Look at how my tears ricochet"
(Taylor Swift, „My Tears Ricochet“ („The Eras Tour“, Final Show Performance, 08.12.2024))