Antichrist (vorsorglich mit Spoilerwarnung)

Der Film war zumindest mal im Gespräch, auf dem FFF zu laufen. Ich habe ihn nun gestern gesehen. Abgesehen von einer - wie üblich - starken Bildsprache zeigt sich Lars von Trier ziemlich explizit. Die beiden Mädels neben mir dürften etwa ein Drittel des Films nicht gesehen haben, speziell das letzte Kapitel dürfte an ihnen komplett vorbei gegangen sein. Auch vorher ist der Film nicht unbedingt zurückhaltend.

Inhaltlich ist dagegen von Trier alles andere als genau, im Gegenteil, die meisten seiner Bilder und Symbole entziehen sich einer eindeutigen Interpretation. Auch die Frage, ob es hier einen Antichrist gibt, und wenn ja, welche der beiden Figuren denn der Antichrist nun sei, muss sich jeder selbst beantworten.

Warum ich aber überhaupt den Film hier anreiße: Ich habe noch keinen blassen Schimmer, ob ich einem genialen, kraftvollen Werk oder einem unglaublich platten und vordergründigen Werk meine Zeit geschenkt habe. Ich wäre froh, wenn ihr hier mal eure Eindrücke schildern könnt, auch wenn mir klar ist, dass es vermutlich nicht viele geben wird, die sich den Film anschauen. Aber vielleicht entwickelt sich so eine Diskussion.

[ Diese Nachricht wurde bearbeitet von: GeorgeKaplan am 16.09.2009 12:10 ]

!!!ACHTUNG SPOILER!!!

Waren wir im gleichen Kino :wink: Ich war gestern Abend auch in dem Film und habe ebenfalls einen Teil (im ersten Drittel) nicht gesehen. Allerdings, weil ich eingenickt bin… insoweit war der Film für mich schon mal schwierig, da er anfänglich extrem ruhig und für mich auch streckenweise recht langweilig/-atmig inszeniert war.

Der Antichrist ist m.E. SIE, die Frau. Das entnehme ich erstmal dem Schriftzug. Wogegen SIE allerdings ist und/oder welche falschen Lehren SIE verbreitet, ist mir auf Anhieb nicht ganz klar… denn der Antichrist ist ja eigentlich der Gegenspieler von Jesu… somit wäre ER der Christ!? Begründet sich demnach IHRE Antilehre durch IHR (unchristliches) Tun?

Also mein erster Gedanke war, SIE hat einen ziemlichen „Knacks“ und panische Angst vor dem Verlassen werden. So will SIE all ihre Männer an sich binden. Drum zieht SIE ihrem Sohn auch die Schuhe falsch herum an, um ihn am Weglaufen zu hindern. So wie sie es später auch mit IHM und mit dem Klotz an seinem Bein macht. Als SIE irgendwann in EDEN vom Apfel der Erkenntnis knabbert, wird SIE sich ihrer bewusst (mit ihren Ängsten, Defiziten etc.). Das ganze gipfelt dann schlussendlich in ihrer Selbstkasteiung (Selbstverstümmelung). Natürlich nicht ohne vorher IHM (Christ?) klargemacht zu haben, wo der Hammer hängt und was ER von IHR (der UR/NATUR/GEGENGEWALT/SATAN/DAS WEIB) zu erwarten hat. Und landet zum (guten?) Schluss (wie alle Hexen) auf dem Scheiterhaufen. Demnach wäre also ER in diesem Kammerspiel der Christ!? (btw: von Trier ist wohl streng Katholisch und hat zudem ein gestörtes Männer/Frauenbild).
Anders ausgedrückt: es ist auch ein Kampf von Irrationalität (Emotion) (SIE) gegen Ratio (ER)! Wobei man hier von Trier Misogynie vorwerfen könnte, denn IHR Tod durch IHN als logische Konsequenz der vorangegangenen Handlungen scheint gerechtfertigt. Somit wird der Sieg der Rationalität (männlich) über die Irrationalität (weiblich) proklamiert. SIE, unberechenbar, leidenschaftlich, aktiv, gewaltig und exzessiv. ER, obwohl gefühlskalt (scheint über keine Trauer über den Verlust des Sohnes zu verfügen; wie auch Sex halt so bei IHM geschieht, ohne erkennbare Leidenschaft lediglich auf Kommando bei IHM durch SIE stimuliert) geht letztendlich als einziger Überlebender und somit als Sieger (?) aus der ganzen Geschichte heraus. Aber mit welchem erkennbaren Gewinn?

Soweit so gut. Dann kamen diese ganzen Raben, Füchse (Das Chaos regiert!), Rehe und schlussendlich jede Menge Menschen ohne Gesicht!? WHAT THE FUCK!? Ich habe ich es dann nicht mehr kapiert und mich ernsthaft gefragt: Blick ich es grad nicht oder habe ich mich gerade 2 Stunden meiner Lebenszeit Lars von Triers Hirnwichse hingegeben? Bekanntermaßen litt er ja während des Drehs an einer schweren Depression und ist auch ansonsten kein einfacher Mensch….
Zurück zu den Bildern und Symbolen, mit denen ich teilweise nicht viel anfangen konnte… entweder, weil ich nicht Bibelfest genug bin oder mir sonst was entgangen ist oder weil es da einfach schlicht und ergreifend nix zu deuten gibt!?
Das ein Reh z.B. für die weibliche Sexualität steht (wie mir meine Begleitung erklärte), wusste ich bis dato nicht (ich weiß allerdings immer noch nicht, auf wessen Symbolik sich das begründet). Anderes, wie zum Beispiel der tatsächliche „Klotz am Bein“ spricht für sich. (War das vielleicht eine Foltermethode im Mittelalter oder woher kommt der Ausdruck?). Was will mir aber folgendes sagen: Ein Fuchs frisst sich selbst auf. Einem Reh hängt das tote, halb geborene Kitz aus dem Leib. Ein Rabe verrät den, der sich schützen wollte? Die drei Tiere sollen wohl auch das Sinnbild für die drei Bettler des Sternzeichens (Trauer, Schmerz, Verzweiflung) sein!? Was will uns das sagen?

Schöne (s/w) Bilder hat er. Allein der Prolog zu den Klängen der Arie “Lascia ch’io pianga” aus der Händel-Oper “Rinaldo” ist ein optischer wie akustischer Augenschmaus, wo das Gesehene im krassen Gegensatz zum Gehörten steht.

Schlussendlich bleibt vermutlich die Frage: „Wann ist Kunst Kunst!?“ Eventuelle Antwort: „Wenn es der Künstler sagt!“ :wink:

Kunst hin oder her. Der Film lässt mich ratlos zurück. Er bringt mich nicht weiter, ich habe mich nicht gut unterhalten geschweige denn wurde ich emotional bewegt. Selbst die Expliziten Szenen haben mich recht kalt gelassen. Alles war mir irgendwie zu artifiziell, zu exzessiv, zu künstlerisch…. um glaubwürdig zu sein. Trotzdem beschäftigt er mich und hinterlässt eine gewisse Verwirrtheit bei mir und wirft mehr Fragen auf, als ich vor dem Film hatte…

Übrigens:
Der im Abspann genannte Andrei Tarkowski war übrigens ein sowjetischer Filmregiesseur. Und zu seiner Kunstauffassung: „Die Kunst darf nach Tarkowskis Auffassung niemals eindeutig sein, sie muss vielmehr Widersprüchlichkeiten in sich vereinen im Sinne von Marx (Die Tendenz in der Kunst muss unbedingt versteckt werden, damit sie nicht wie eine Sprungfeder aus dem Sofa ragt) und Engels (Je verborgener die Absichten eines Autors, um so besser ist es für die Kunst).“ ( Die Kunstauffassung Tarkowskis ) Insoweit wäre die Sache dann ja wieder rund

Bin auf andere Meinungen gespannt!!!

Danke! Das bringt mich schon mal ne ganze Ecke weiter. Zum einen: ich bin nicht alleine mit meiner “war das nun Kunst oder - Zitat - Hirnwichse”-Verwirrung.

Zumindest auf das sprichwörtliche “Klotz am Bein” bin ich einfach nicht gekommen. Danke noch mal!

Weiterhin: ich bin nicht alleine mit meiner “Schön, und was soll der Titel?”-Frage, die ich mir WÄHREND des Films kein einziges mal gestellt habe, weil ich diesen ganzen religiösen Überbau einfach mal kurzentschlossen zur Seite gelegt habe, um mich auf die Konfrontation zu konzentrieren. Im Kino habe ich den Film dann konsequenterweise auch nur als körperliche Erfahrung seelischer Schmerzen verstanden, als Materialisierung der eigenen Ängste.

Aber natürlich kam die Frage nach dem Antichrist hinterher. Mein ERSTER Eindruck war auch, SIE ist der Antichrist, dann meinte mein Freund, nein, ER wäre der Antichrist, alles was er sieht, ist tot, und er ist derjenige, der tötet. Äääh, ja, nein, oder vielleicht doch, und wenn nicht wieso?

Zu der These, SIE sei der Antichrist ist, deutet vielleicht die Wiederholung des Intros zum Ende hin, die sich in einer Kleinigkeit, aber dafür umso deutlicher unterscheidet. Was aber ihr Handeln danach ziemlich in Frage stellt.
Und natürlich das WTF?-Schlussbild mit den unkenntlichen Frauen, die auf IHN zuströmen. Mir ist im Nachhinein das Bild von Jesus und seiner Bergpredigt eingefallen, irgendwie ähnelte das. Dazu kommt, dass Dafoe sich in diesem Bild auch optisch Jesus annähert. Aber warum dann nur Frauen?

Die Symbole Reh, Fuchs und Rabe würde ich mal ganz klar der deutschen Märchenwelt zuordnen. Reh als weibliche Sexualität? Ehrlich??? Hm. Damit hab ich mich noch nie bechäftigt. Und der Rabe? Der Todesbringer bei Poe? Ach keine Ahnung. Aber spannend.

Ich war übrigens in der Filmpalette in Köln, und Tarkowski sagt mir was, ich habe seinerzeit “Opfer” und “Solaris” gesehen.

Habe mir den von mir lang erwarteten ANTICHRIST gestern auch angesehen. Ich kenne alles von Trier und einiges von Tarkowski.

Beim Kunstbegriff halte ich es mit dem schönen Zitat “I don’t know much about art, but I know what I like”. ANTICHRIST hat mir (leider) nicht besonders gefallen.

Die Anfangssequenz gehört zum Schönsten, was ich je im Kino gesehen habe. Und selbst sie hat mich – wie der Rest des Films, auch in seinen expliziten Szenen – völlig kalt und unbeteiligt gelassen. Das ist im Übrigen auch ein Grund, weshalb ich ANTICHRIST nicht als Horrorfilm kategorisieren würde, denn die Absicht eines Horrorfilms ist es ja gerade, diese Distanz zu überwinden und die Erfahrung auf der Leinwand spürbar und körperlich erfahrbar zu machen.

Ich liebe anspruchsvolle Filmkost und bin ein großer Fan von David Lynch. Während dieser jedoch intuitiv seiner Traumlogik folgt und so den Interpretationsrahmen seiner Werke weit offen lässt, kam ich mir im ANTICHRIST vor wie bei einem Test, der mich ständig mit symbolgeladenen Bildern auffordert, ein Rätsel zu entschlüsseln, auf das es tatsächlich auch nur eine richtige Antwort geben kann. Die o.g. Interpretationsansätze (die ich durchaus interessant finde) suchen ja auch danach.

Das kann man mögen, ich bevorzuge in dem Fall die alten Filme von Triers wie ELEMENT OF CRIME oder auch David Lynchs Alptraummeditation INLAND EMPIRE.

[ Diese Nachricht wurde bearbeitet von: Herr_Kees am 17.09.2009 17:06 ]