Burning !SPOILER!

Wer diesen Film noch nicht gesehen oder trotz Spoiler-Warnung hier gelandet ist, sei gewarnt. Die folgenden Gedanken sollte man nicht vor Sichtung des Films kennen.

Ich habe diesem Film die Höchstwertung gegeben, weil er einfach perfekt eine Geschichte erzählt. Und sich dabei die nötige Zeit nimmt, um das klar zu machen. Dass es nur eine Geschichte ist. Im Grunde sehen wir einem Schriftsteller bei der Arbeit zu. Genauer gesagt wie er sich zu dieser Geschichte inspirieren lässt.

Jong-su weiß nicht was er schreiben soll, das hören bzw. sehen wir immer wieder, während um ihn herum Geschichten erzählt werden, die entweder übertrieben dargestellt oder erfunden sind! Darum fügt er seiner Geschichte (also der, die wir betrachten durften) selbst etwas hinzu, wie Hae-mis Verschwinden, ihre Uhr im Bad von Ben oder die Ermordung von Ben und wer weiß was noch. Weil in Wirklichkeit nichts wirklich aufregendes passiert ist.

Genau genommen ist hier also gar kein Rätsel, wie das Programmheft uns weismachen will. Was aber genau der richtige Ansatz ist, um uns neugierig zu machen, diesen tollen Film anzusehen. :wink: Was meint ihr?

Ich finde, der Film lässt Raum für Interpretation.

Passiert das wirklich? Gibt es diese Rivalität zwischen den beiden Männern wirklich? Verschwindet das Mädchen wirklich? Ist Ben ihr Mörder? Brennt er die Scheunen ab und will er unseren Helden auf seine dunkle Seite ziehen.

Oder bildet sich unser Held das nur ein und das Mädel und Ben sind seine Geschichte, an der er schreibt, und existieren nicht wirklich? Oder ist Hae-mi seine Inspiration?

Möchte unbedingt nun die Kurzgeschichte lesen. Zwei Filmbesucherinnen meinten, Murakami wäre ein toller Autor, inspirierend und bei dem es nicht weiter schlimm ist, wenn nicht alles sofort oder überhaupt einen Sinn ergibt.

Eben. Nichts ist eindeutig. Und genau so soll es auch sein.

Gut, kann man sicher so wahrnehmen und ist als Sicht auf den Film sehr “laid back”, passend zur Atmosphäre und dem langsamen Tempo des Films. Einen Schriftsteller bei der Arbeit zusehen als Rahmenhandlung des Films zu setzen befreit den Zuschauer in gewisser Hinsicht von der Notwendigkeit nach einer plausiblen psychologischen (Auf-) Lösung und so etwas wie Wahrheitsgehalt der Story suchen zu müssen. Das selbst kann schon erlösend sein. Doch es nimmt dem Film auch etwas den Punch aus der Dramaturgie, da er mit diesem Aufbau größere Distanz des Zuschauers zur Hauptperson schafft. Direkt folgen wir nicht zwingend der Geschichte einer Person sondern eben der Geschichte selbst. Letztlich kann allerdings wiederum der Rahmen selbst nebensächlich sein, wenn man die Arbeit eines, oder mancher Schriftsteller als autobiografisch, als Aufarbeiten der eigenen Geschichte begreift. Unter diesem Gesichtspunkt sehe ich Burning eher als den Prozess der Läuterung eines Menschen, nicht zuletzt durch einen Satz aus der zu Grunde liegenden Kurzgeschichte begründet, dazu gleich mehr. Mir hat Burning so für sich auch sehr gefallen - Tempo -Atmosphäre - Cast - Sounddesign, alles Klasse, ein bisschen lang für die Substanz. Doch gerade in Bezug auf die Vorlage ist das Ergebnis für mich nicht völlig befriedigend. Warum folgt in Kürze.

@Frank Du schreibt im anderen Thread von einem möglichen FIGHT CLUB Szenario. Genau das ging mir heute beim Ende des Films durch den Kopf (ohne Deinen Beitrag vorher gelesen zu haben), allerdings mit einem ganz anderen Twist: Der Makeup-Koffer und der Schmuck (inklusive der geschenkten rosa Uhr) im Badezimmerschrank sowie die Katze in Bens Wohnung lassen ja die Interpretation zu, dass Ben und Haemi von Anfang an ein und dieselbe Person waren und Jong Su in Wirklichkeit in Ben verliebt ist. Schließlich sagt ihm Haemi beim ersten Treffen, sie habe “cosmetic surgery” gehabt :wink:. (Did I blow your minds right now?)

Wow, das ist ja mal ne Interpretation. Auf sowas wäre ich ja gar nicht gekommen. Hmmm.

Dieses “Great Hunger” Szenario scheint ja auch irgendwie sehr wichtig zu sein.
Ich hatte den Eindruck, dass dieser “Great Hunger” die Frage nach dem Sinn des Lebens aufgreift und so etwas bei depressiv veanlagten Menschen, ja auch gerne in Suizid Gedanken mündet.
Die flammende Bewegung der Arme von Hae-mi gen Himmel, welche Sie beim Tanz vollzieht, könnte auch eine Selbstverbrennung darstellen, mit den Flammen/dem Rauch, die zum Himmel ziehen.

Diesen Gedanken wiederum hatte ich auch

Das ist interessant. Als Ben seinen Makeup Koffer aus dem Schrank holte, schoss mir durch den Kopf “ach so einer isser” und es lag eine Transgender Thematik in der Luft. Als er dann eine Frau damit schminkt war das aber schon wieder vergessen. Zumindest Ben’s Züge, seine glatte Erscheinung, die vollen roten Lippen -er hat etwas Katzenhaftes an sich, würden sich in solch ein Szenario einfügen. Haemi kam mir in dem Zusammenhang nicht in den Sinn, kann mich auch leider nicht mehr daran erinnern, das sie gesagt hat, sie habe Cosmic Surgery gehabt.
Interessant ist, das die gesamte sexuelle Komponente, alle Szenen mit Bezug zur Sexualität kein Bestandteil der Kurzgeschichte ist/sind, (von wenigen Gedanken des Ich Erzählers mit beschreibender Funktion mal abgesehen, in der Art wie “Ihre Brustwarzen zeichneten sich unter dem T Shirt ab”) Und davon gibt es im Film ja reichlich, der Liebesakt zu Beginn, Haemi’s Tanz, Jong su’s Selbstbefriedigungs Sessions äh…Ausbrüche, Ben’s Schminksession. Auch die Cosmic Surgery bleibt in der Kurzgeschichte unerwähnt.
Natürlich ist für den Film auch die PANTOMIME ein Schlüsselelement und die Mandarinenschälszene erhält in dieser Variante eines Fight Club Szenarios -deinen Faden der sexuellen Variante weiter aufgegriffen, ebenfalls interessantes Potenzial zur Auslegung. Wir erinnern uns das Haemi sagt, Pantomime sei doch ganz einfach:

"Dazu braucht man kein Talent. Man darf nur nicht denken, das hier Mandarinen sind , sondern man muss vergessen das hier keine sind."

Allerdings kann diese Erklärung von Haemi vermutlich den meisten Deutungen dieses Films ein plausibles philosophisches Fundament geben. In meiner Deutung oder Sicht auf den Film ist das Wort “vergessen” darin von besonderem Gewicht. Ich starte das mal der Übersicht halber in neuem Absatz gleich.

Tolle Interpreationen und Denkansätze und Deutungen und Details hier :slight_smile: Danke dafür.

Der fantastische Film gewinnt dadurch nur noch mehr… zweite Sichtung daheim unumgänglich!

Okay, weiter geht’s :slightly_smiling_face:
Meine Wahrnehmung von Burning unterschied sich vermutlich durch die Lektüre der Kurzgeschichte den Abend zuvor von denjenigen, die davon gänzlich unbeeinflusst waren, doch angesichts der Tatsache das der Rahmen größten Teils 1:1 übernommen wurde, sogar die Dialoge, sind dies wohl eher Verfärbungen. Zur Erinnerung: Nach der Lektüre aber vor dem Film hatte ich Diese Gedanken hier geäußert, wobei ich besonders die FIGHT CLUB Variante spannend finde. Nach Sichtung des Films sogar in verschiedener Auslegung. Die Short Story weist in einem Satz auf diese Möglichkeit hin. Die Szene ist genau wie im Film, wo sie den Joint rauchen und Ben (der Reiche) Jong-su erzählt, das er Scheunen abbrennt. Im Buch gibt es da den Satz wo er ( Jong-su) später denkt:

" Manchmal dachte ich, das er mich dazu bringen wollte, die Scheunen selbst abzubrennen.Er hatte mir die Idee vom Scheunenabbrennen in den Kopf gesetzt, und jetzt blies sie sich auf, als ob (…) Ab und zu überlegte ich wirklich ob es nicht schneller sei, selbst mit einem Streichholz die Scheunen anzuzünden (…) Aber das ginge wohl zu weit"

Letzteres Detail wurde ja im Film auch gefilmt als er bei seiner Visite möglicher Scheunen das Stück Plane einer Scheune in Brand setzt…

VERGESSEN-ERINNERUNG-PROJEKTION. Das sind aus meiner Sicht des Films die zentralen Grundbausteine des Films, so wie ich ihn wahrgenommen habe und sicher auch wie ich ihn vor dem Hintergrund der Kurzgeschichte gerne sehen möchte :wink:
Jung-su als Hauptfigur erinnert sich bzw. versucht es. Seine Methode ist das Schreiben und als Schriftsteller ist es seine Herausforderung Vorstellungen und Träume zu ordnen, vergessenes, verdrängte Erinnerungen, traumatische Erlebnisse in die Gegenwart zu holen und wahres von Projektionen zu unterscheiden. Da wir als Zuschauer nicht klar ins Bild gesetzt werden wann wir was sehen, rätseln wir.
So kann man es z.B. so sehen, das das Mädchen Haemi in seiner Kindheit bei einem Unfall ums Leben gekommen ist, den er verursacht hat oder für den er sich zumindest verantwortlich fühlt. Das Mädchen gab es wirklich, seine Jugendfreundin, erste Liebe oder so. Doch die heutige Haemi ist entweder nicht existent oder quasi Platzhalter für seine Erinnerung an sie. Er versucht seine Schuld aufzuarbeiten und es scheint möglich, das sie durch einen (von ihm verursachten?) Scheunenbrand ums Leben kam. Es gibt da dieses Bild im Film wo wir einen kleinen Jungen vor einer brennenden Scheune sehen. Obwohl zugegeben nicht eindeutig war, das er es ist. Betrachtet man die Bilder des Films vor dem Hintergrund des Wechsels von Erinnerung und möglicher Projektionen erscheint mir vieles plausibel: Seine Suche nach den Scheunen, das Bild einer abbrennenden Scheune an das sich das Kind erinnert, das leere Zimmer der Freundin Haemi die plötzlich weg ist, seine Tagträume und Sehnsüchte mit den sexuellem Ventil, das man als Kompensation für unerfüllte Sehnsüchte, einen großen Verlust sowie Schuldgefühle deuten kann.
Nehmen wir jetzt nochmal die Aussage Haemi’s zur Pantomime,

"Dazu braucht man kein Talent. Man darf nur nicht denken, das hier Mandarinen sind , sondern man muss vergessen das hier keine sind."

so kann dieser Satz von Haemi eine ziemlich krasse Bedeutung erfahren. Jung-so erwidert etwas in der Art, wie das er das nicht versteht, wie sie das macht…Darin kann die simple Analogie, der Spiegel, liegen, das er es, sich selbst, nicht versteht. Er ist im Grunde derjenige, der unwissentlich Pantomime praktiziert, ausgelöst durch ein Trauma. Er hat vergessen, das hier keine ist. Haemi ist seine Mandarine. :cold_sweat:
Sogar Haemi’s Äußerung Pantomime sei doch ganz einfach kann man hier für das Szenario auslegen, denn Kinder (Jung-su als Kind) suchen sich im Gegensatz zu Erwachsenen häufig die einfachen Wege, in diesem Fall die Vorstellungskraft, zur Bewältigung von Problemen

Er projiziert also, erweckt Dinge zum Leben, holt Verlorenes ins Leben. Ob er das nun als Schriftsteller tut und sich alles nur ausdenkt und wir ihn bei der Arbeit zusehen, oder ob es seine wirkliche Geschichte ist, finde ich bei näherer Betrachtung tatsächlich nicht entscheidend wichtig. Die Schriftsteller Figur fügt dem Ganzen eine Art Meta Rahmen hinzu oder ist einfach nur eine kleine respektvolle Geste für Haruki Murakami ? :slightly_smiling_face:

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Mir ist selbst noch nicht völlig klar, wie sich Ben in dieser möglichen FIGHT CLUB Variante in das Konzept einfügt. Einen Ansatz hatte ich in der Szene gesehen, als Ben ihm erzählt, das er Scheuen abbrennt. Ich sehe Ben hier als sehr sensitiven, hochsensibel wahrnehmenden Menschen und in dieser Auslegung übrigens nicht ! als den Bösewicht, sondern als den medial veranlagten Menschen, der die Bilder Jong-su’s sieht. Die Bilder von den Scheunenbränden, möglicherweise sogar das eine Bild, was wir als Zuschauer auch sehen: Das Kind vor der brennenden Scheune. Ben sieht einfach die Erinnerung, die bei Jung-su an der Oberfläche liegt, der ja so bemüht ist zu verstehen, zu erinnern und als Methode schreibt. Ben hilft ihm damit; indem er ihm sagt, das er Scheunen abbrennt, führt er Jung-so auf den Weg sich zu erinnern. Das ist bestimmt effektiver als zu sagen: “Hey, du hast als Kind eine Scheune abgebrannt, und dabei ist jemand ums Leben gekommen den du liebtest.” Es macht auch Sinn, das Ben ihm das sagt während sie ihren Joint rauchen, denn Gras ist ja bekanntlich ein Halluzinogen, das die sensitive Wahrnehmung positiv beeinflussen kann, das Gespür für solche Dinge wie z.B. ein Bild was in der Luft liegt. Darüber hinaus könnte das auch eine Erklärung dafür sein, das Jung-so keine weiteren abgebrannten Scheunen findet. Weil es nur die eine gibt aus der Erinnerung seiner Kindheit. Ben hat nur das Bild genommen und für seine Story vom Scheunenabbrennen ausgemalt.

Für mich ist keineswegs eindeutig, das Ben hier der Bösewicht ist. Es gibt konkret eigentlich nichts, was dies sicher bestätigt. Klar, Drehbuch seitig wird ein Charakter gezeichnet, der vermutlich von vielen Menschen auf Anhieb keine keine großen Sympathien erhalten dürfte. Das ist ganz bewusst so angelegt, denke ich. So wie er sich anfangs über die menschliche Rasse äußert und sich selbst als ein überlegender Teil der Spezies darstellt, die Art und Weise wie er seinen Wohlstand zeigt. Auch das die Katze von Haemi in seiner Wohnung herumläuft macht den Zuschauer skeptisch.

Und, um nochmal auf meine Theorie zu kommen: Nachdem Haemi aus Afrika zurückkehrt, erscheinen sie und Ben immer zusammen, so lange, bis sie aus dem Film verschwindet…

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Danke! Darauf wollte ich auch nochmal kommen. Die gemeinsame Screentime zwischen den beiden oder eben die zwischen Jung-sp und ihr scheint mir auch ein wichtiges Indiz. Habe den Gedanken allerdings noch nicht weiter verfolgt. Ich würde mich ja freuen wenn diese Theorien miteinander vereinbar wären. :wink:

Burning ist scheinbar ein Release Mysterium!?
In Asia konnte ich bis dato keinen Release finden?
Frankreich veröffentlicht am 05.02.2019


UK hat scheinbar keine Rechte?
Der Rest der Welt released am 05.03.2019

Was geht da ab?

So wie es aussieht gibt es den Directors Commentary leider nur auf der koreanischen Limited Edition ohne engl. UT.
Dafür habe ich hier ein interessantes Interview gefunden, bei dem der Regisseur auf ein paar Mysterien seines Films eingeht.
Besser wie nix.

Wie Ihr merkt, habe ich „Burning“ leider erst viel zu spät entdeckt, bin dafür aber umso begeisterter von diesem wunderbar geschmeidig fließenden multi-auslegbarem Film.
Bei mir hat eine kurze Einstellung so ziemlich zum Ende hin, einen Erkenntnisschalter umgelegt und die vielen Blüten dieses bunten „Mehrsprößlings“ in meinem Hirnkastel kaskadenhaft geöffnet. Als Single Twist würde ich diese Erkenntnis nicht bezeichnen wollen, das wäre zu trivial, eher als stille multiple Erleuchtung, die sanft die Synapsen kitzelt:
Der Blick vom Fernsehturm aus, hinein in das vermeintliche Zimmer von Haemi, in dem Jung-su vor dem Fenster sitzt und busy in die Tasten seines Laptops haut.
Bisher hatte man aus diesem Fenster immer nur mehrfach in Richtung des Fernsehturms hinausgeschaut. Die umgekehrte Einstellung aber, ins Zimmer hinein, gab es nur ein einziges Mal, bedächtig gezoomt und meines Erachtens nach genau der Moment der Erkenntnis und die einzig überhaupt reale Szene des ganzen Films!!! Jung-su im Prozess des „kreativen Schreibens“. Alles was wir davor und danach sehen sind die Fantasien und Sehnsüchte des Jungschriftstellers Jung-su bzw. das was uns der Regisseur Glauben schenken will, was sein Protagonist sich für seinen Roman wohl hätte ausdenken können.
Für mich wären das 3 Bewußtseins- und Erzählebenen in einem Film.
Schwurbel Schwurbel, man kann bei und mit Burning so wundervoll in die Gehirnwindungen abtauchen. Das nenne ich mal einen echten Mehrwert. Zweitsichtung unter meiner persönlichen Ersterkenntniswahrnehmung ist definitiv geplant. Mal schaun, ob die Story und der Film unter diesen, meinen eigenen angedachten Erklärungsversuchen, überhaupt nachvollziehbar ist, funktioniert und am Ende auch aufgeht?
Ich könnte noch stundenlang weiterschreiben, aber für heute ist erstmal Ende.

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Hier ist doch die britische Blu-ray:

Oder meinst du was anderes?

Gibt es hier eigentlich einen separaten Thread, in dem man die schönsten f3a-Zitate sammeln kann? :innocent:

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Ja, hab ich auch gesehen, dass es mittlerweile einen UK release gibt, nur damals im Jan19 war die Situation halt noch eine andere, hat sich jetzt aber erledigt.