„The girl is still missing!“
„Mulholland Drive“
(David Lynch / 2001 / Kino (DCP) / OmdU)
War es nun in unterbewusster Erwartung des Films, oder evozierte das Vorab-Wissen um die Kinosichtung am gestrigen Sonntag abend, dass ich in der Nacht zuvor von einer geliebten Person träumte, die ich lange - zu lange - nicht wiedergesehen hatte, und auch nie mehr werde wiedersehen können, weil sie vor Jahren schon verstorben ist? Der einzige Mensch in meinem Leben, für den ich jemals so etwas wie „Liebe“ in einem Begehrens- / Beziehungs-Kontext (also keine Liebe dergestalt, wie ich sie für meine Eltern, meinen jüngeren Bruder, einige enge Freund:Innen, etc. pp. gefühlt habe / fühle, und auch nicht „Liebe“ als eine Haltung der Welt gegenüber) empfunden habe. Eine Person, für deren Tod ich durchaus und selbstverständlich nicht verantwortlich war und bin, whom I didn’t kill, but still they died, nonetheless. Nicht, dass ich nicht sowieso, und ohnehin schon oft - viel zu oft - von diesem Menschen träumen würde. Aber dennoch - Im Kontext des abendlichen Kino-Besuchs erhielt auch dieser Traum noch eine neue Dimension, erschien mit einer neuen Bedeutung aufgeladen zu sein… und verursachte mir eine der schmerzlichsten und verheerendsten, mich emotional gründlichst und vollständig zerstörenden Filmsichtungen nicht nur seit langer Zeit, sondern vielleicht - vermutlich - sogar überhaupt. Nun liesse sich zwar mit Fug und Recht einwenden, dass ich darauf - vor Allem nach meinen Erfahrungen im Anschluss an David Lynchs Tod, und der darauf erfolgten nach-mitternächtlichen Drittsichtung von „Mulholland Drive“, die mich beinahe ebenso aufwühlte, und innerlich zerbrechen liess - ja doch wenigstens ein kleines bisschen hätte vorbereitet sein können, und müssen. Und vielleicht war ich das auch, habe aber - aus purem Selbstschutz - die Befürchtung, dass es erneut so weit hätte kommen können, möglicher Weise sogar müssen, gedanklich einfach weggeschoben, und swept under rug. Alleine - Das half natürlich, zumal im Angesicht dieses filmischen Meisterwerks um eine verlorene Liebe, den eigenen inneren Schmerz, die innerlich das Selbst langsam aber sicher zerfressenden Schuldgefühle, und die bleak emotional devastation when faced with the loss of a dearly loved person, and the inner turmoil caused by your own guilt stricken psyche, absolut rein gar nichts. Wobei es eingangs noch überhaupt nicht danach aussah - Ich hatte zwar keinerlei Schwierigkeiten dabei, in den Film zu finden, und war auch bei dieser Sichtung wieder (fast) vollständig involviert, zumindest, was das Narrativ und auch dessen emotionalen impact anbelangte… Allein, gewisse kleinere Mängel in puncto Vorführung(-stechnik) liessen mich zu Beginn noch nicht ganz so ein- und abtauchen, und blieb deshalb auch in der ersten Hälfte der in meinen obenstehenden postings beschriebene rauschhafte Sog, den ich noch bei meinen beiden letztjährigen Heimsichtungen verspürt hatte, aus. Zum Einen war das Bild ganz leicht dunkel, und nicht ganz so farbintensiv, wie ich das gerne gehabt hätte, auch die Konturen etwas schwammig-verschwommen, und nicht so klar, wie ich es in Erinnerung hatte (wobei das ja auch erst meine zweite Kinosichtung des Streifens war, nach der Erstsichtung im Winter 2002). Auch kam mir der Ton etwas dumpf und hohl vor, und war mir zudem ein bis zwei Winzigkeiten zu leise. Was gerade bei diesem Film, und seinem phänomenalen Sound Design, doch etwas schmerzte. Mit zunehmender Laufzeit begann das aber, mehr und mehr egal zu werden, und erlebte ich das Schluss-Drittel in gefühlsmässiger Aufgelöstheit, und emotionalem Ausnahmezustand. Schon bei der Sex-Szene musste ich hemmungslos weinen, was sich dann bis zum Filmende hin noch mehrere Male (im Club Silencio / beim Song / als Camilla Diane den geheimen Pfad entlang führt, und und und…) wiederholen sollte. Und als dann der Abspann über die Leinwand zu laufen begann, da war ich - wieder einmal - auf ein leise wimmerndes, innerlich gebrochenes Häuflein Elend reduziert, vollkommen am Boden zerstört, bis auf den Grund meiner Seele ge-, und berührt. Ich glaube, es gibt ganz einfach auch gar keinen anderen Film, dem das so mühelos gelingt, wie Lynchs Opus Magnum. „Mulholland Drive“ war ziemlich genau um 20:30 Uhr zu Ende, aber ich musste noch fast die ganze Rückfahrt aus Hamburg hinaus, gute eineinhalb Stunden lang, Tränen vergiessen und meine broken soul zu kitten versuchen. Die wohl be- und anrührendste Kinosichtung des ganzen Jahres. Sicher, auch „The Chronoloy Of Water“ (den ich ja erst am Abend davor gesehen hatte) puts you through the wringer (na gut, beim dritten Mal vielleicht nicht mehr ganz so intensiv, wie noch bei der Erstsichtung) - Aber gegen das, was „Mulholland Drive“ bei, in und mit mir angerichtet hat, war und ist das rein gar nichts gewesen. Weshalb ich bis zur nächsten Sichtung jetzt wohl erst einmal eine ganze Weile warten werde… zu sehr nimmt mich das Alles mit, als dass ich mir das guten Gewissens alsbald noch einmal antun wollte. Was aber natürlich nur für die enorme Kraft und kaum fassbare Wirkmächtigkeit dieses einer meiner drei absoluten Lieblingsfilme (genau genommen vier, weil Lynch sich ja mit Mascha Schilinskis „In die Sonne schauen“ den dritten Platz teilen muss) überhaupt spricht.
Die Vorstellung war übrigens erfreulich gut besucht - von den 152 Sitzplätzen dürften wohl die meisten besetzt gewesen sein. Schön, das freut mich für den Film, und vor Allem auch für all die anderen Besucher:Innen. Dennoch hätte ich nur zu gerne das letztjährige 35mm-screening im „Metropolis“-Kino besucht… dafür hätte ich sogar getötet. Obwohl, in Anbetracht des Films, und was so ein Mord auslösen kann, on second thought dann vielleicht doch besser nicht.
Inhaltlich habe ich meinen obigen Ausführungen zu den beiden Sichtungen vom letzten Jahr eigentlich nichts mehr weiter hinzu zu fügen… bis auf eine winzig kleine Kleinigkeit noch: Bei dieser Fünftsichtung habe ich „Mulholland Drive“ nun ein für allemal, endgültig, und bis ins allerkleinste Detail, und jedes einzelne frame (für mich selbst, und mein Verständnis des Films) entschüsselt, dekodiert und enträtselt. Alles. Nichts, absolut gar nichts an und in „Mulholland Drive“ ist mir jetzt noch ein Rätsel, der ganze Film, alle seine Metaphern, Mysterien, Traum-, Wunsch- und Trugbilder, jede Szene, liegen offen und klar, vollkommen verständlich vor mir. Wodurch der Film - konträr zum 2025 von mir Geschriebenen, dass den Streifen vollständig aufzuschlüsseln heissen würde, ihn seiner Wirkmächtigkeit und seiner Magie zu berauben - jedoch nicht nur nicht an Wirkung einbüsste, oder auch nur ein μ seines Symbolgehalts verlor, sondern im Gegenteil sein ohnehin schon immenser emotional impact sich in meinem Erleben sogar noch vergrösserte. „Mulholland Drive“ mit seiner todtraurig-tragischen Liebesgeschichte ist und bleibt auch weiterhin ein absoluter Ausnahmefilm, ein (wortwörtlich) beängstigendes Meisterwerk, ein mich tief im Innersten treffender Alptraum in der Stadt der Träume.
Es ist schon seltsam, dass dieser Tag, an dem ich einen Film sah, in dem es, viel intensiver und eindrücklicher als im einfältig-doofen „Inception“, dem eher trashig-naiven „Dreamscape“ oder auch dem psychedelisch-wahnhaften „Jacob’s Ladder“, um Träume, um Er-träumtes und Ge-träumtes ging, mit der Erinnerung an einen Traum begann, nicht unähnlich jenem, vom dem auch „Mulholland Drive“ handelt. Ich werde nun diesen post beenden, auf „Antworten“ klicken, den soeben getippten Text damit hier einstellen, und dann schlafen gehen, und hoffentlich ein wenig nächtliche Ruhe finden. Wovon ich in dieser Nacht wohl träumen werde? I’ll see soon…
„Silencio!“

