A Roadmovie without a road
Rolf De Heers „The Survival Of Kindness“ markierte dann also gestern nachmittag meinen ganz persönlichen Einstieg ins diesjährige FFF - und der begann mit einer ausgedorrten, festgebackenen Wüstenlandschaft voller bizarrer Ameisen, die aus Rissen und Spalten im drögen Lehmboden krabbeln und alsbald von einer anderen, weitaus aggressiveren Ameisenart angegriffen und vernichtet werden… ein durchaus bezeichnender Symbolismus für den darauf folgenden Film, welcher in nur oberflächlich ruhigen Bildern die triste tour de force einer Aborigine-Frau durch eine seuchengeplagte und von weissen Rassist:Innen dominierte Postapokalypse schildert. Phantastische Kamera-Arbeit mit vielen superben Landschaftsaufnahmen, aber auch immer wieder eindringlichen mimischen close-ups und interessanten Subjektiven (bespielsweise als die namenlose Protagonistin im weiteren Verlauf eine Gasmaske findet und aufsetzt). Ich hab’ daheim erstmal nachgeschaut, wer da als DOP verantwortlich zeichnet… den Namen Maxx Corkindale muss ich mir mal merken. Der Schnitt war auch sehr bemerkenswert, de Heer zitierte im - wie schon vielfach hier und anderswo erwähnt - pretty charming Grußwort eine Cannes-Kritik mit den Worten „Tarkovskij with pace“… da ja die narrative Geschwindigkeit eines Films vor Allem durch den Schnitt bestimmt wird, kam das schon ganz gut hin. Wobei „Survival…“ gegen die meditativ-zeiteinfrierenden, minutenlangen Einstellungen des russischen Regie-Großmeisters beinahe ja schon wie ein wahres Schnittgewitter anmutet. Dennoch, genau das richtige Erzähltempo für diese minimalistisch-eindrückliche Parabel auf Rassismus, kolonialistisches Dominanzgebaren und postcolonial solidarity. Nicholas Roegs „Walkabout“ wechselt die Perspektive und trifft im australischen Outback auf „The Last Of Us“, erzählt mit den filmischen Mitteln von „Under The Skin“…wobei ich mich zeitweise (nicht nur der Gasmasken wegen) auch an das postnukleare Drama „Briefe eines Toten“ erinnert fühlte. Trotzdem hat de Heers bedrückendes Sozialdrama einen ganz eigenen Tonfall und Stil. Ich mochte eigentlich den ganzen Film… bis auf das Ende, welches im Kontext des Streifens zwar total konsequent, mir persönlich aber doch eine Spur zu nihilistisch war. Ein roadmovie without a road, sozuschreiben - denn eine Straße sollte im Regelfall ja irgendwo hinführen… wobei der Weg in diesem Film ja nur wieder zurück zum zum hoffnungslos-endgültigen Ausgangspunkt führt. Da hätte ich mir persönlich dann doch eher ein offeneres, un-eindeutigeres Finale gewünscht. Aber gut, das Leben (auch das cineastische) ist nunmal kein Wunschkonzert. Trotzdem ein wichtiger, toller Film mit einem starken emotional impact, der auch unbedingt auf die große Leinwand gehört. Umso bedauerlicher, dass er genau dort außerhalb der festival circuit leider wohl kaum bewundert werden wird… und umso mutiger vonseiten der Rosebud-dies, ein so sperriges und abstrakt-artifizielles Werk auf dem FFF zu screenen.
Schöner persönlicher Festival-Auftakt, der mir gut gefallen hat und viel Stoff zum Nach- und Weiterdenken gab… heute abend geht’s dann weiter mit dem frenchy Coming-Of-Age-Tiermutantenstadl.