FFF 2023 - Fantasy Filmfest

Émiles Tierleben

Das diesjährige centerpiece „Le règne animal“ präsentiert sich als zartfühlend-empathisch erzähltes Coming-Of-Age-Außenseiter:Innen-Drama mit phantastisch-fabelhaften Anklängen. Als hätte Guillermo del Toro beschlossen, nach einem Drehbuch von Éric Rohmer Clive Barkers „Cabal“ (an den ich mich gerade auch zum Ende hin kurzzeitig stark erinnert fühlte (das Eingreifen der militärischen Spezial-Einheiten als Parallele zur polizeilichen „Säuberungs“-Aktion in Meridian)) in der südfranzösischen Provinz zu verfilmen. Schöne schwelgerische Natur-Aufnahmen der sonnenbeschienenen Wasseroberfläche von abgelegenen Tümpeln, dem morgendlichen Graublau von nebelverhangenen Wäldern und der tiefblauen Stille der provinziellen Nacht auf dem Lande kontrastieren mit der rigid-normativen Gesellschaftsordnung, die Alles und Alle, was und die sie nicht verstehen kann (und auch gar nicht erst durch Dialog und / oder Nachfragen zu verstehen sucht), als outsider brandmarkt und entweder durch medizinisch-rechtliche Regime einzufangen (hier ja durchaus wortwörtlich zu verstehen) und auf Linie zu bringen oder aber gleich mit der Schrotflinte in der Hand zu vernichten versucht. Mittendrin, aber doch irgendwie immer nur am Rande stehend unser wuschelköpfig-usseliger Protagonist (Paul Kircher als verwirrt-verlorener Teenage Werewolf in trouble ist einfach die Wucht in Tüten !!!), der zwischen den mal hierhin, dann wieder dorthin schwankenden Anforderungen seines Vaters, der Abwesenheit seiner schon verwandelten Mutter und der aufkeimenden Zuneigung zu einer Klassenkameradin irgendwie seinen eigenen Weg finden muss. Und so nehmen einen Gutteil des Films auch die anfangs bemüht-verzweifelten, später dann zusehends selbstbewusst-dringlicher vorgetragenen Versuche Émiles ein, sich als postpubertäres, adoleszentes Individuum neu zu erfinden und von den Ansprüchen Anderer zu emanzipieren versuchen. Dass die phantastisch-fabulösen Anteile mit den Tierwesen als der „besseren“, weil mitfühlenderen Gesellschaft dabei dennoch nicht zu kurz kommen und auch nicht nur bloße Folie für ein ach so wichtiges Erwachsenwerden darstellen (im Gegenteil stellt der Film eben genau einen solchen „Reife“-Prozeß gar nicht als wünschens- oder erstrebenswert dar), verleiht dem Streifen dann nochmal eine weitere Perspektive als Plädoyer für mehr Akzeptanz von Diversität, für ein ganz anderes und neues Verständnis von Zusammen- und Miteinander-Leben.

Sehr charmantes und berührendes Portrait eines Jugendlichen in einer, wenn nicht der Umbruchphase seines Lebens, und dem Erkenntnisprozeß, was er in seinem zukünftigen Dasein wichtig findet, und wie genau er dieses zu leben gedenkt. Ein Film, der mehr auf den Zustand und das Selbstverständnis, die sittliche und normative Verfasstheit der jetzigen Gesellschaft verweist, als es den meisten von uns lieb sein mag. Genau richtig als centerpiece. Chapeau, monsieur Cailley !

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