Sodele, in Hamburg ist die große bunte Bunny, ähem, Spidey Show nun auch Geschichte… ich werd’ mal versuchen, mich einigermaßen kurz zu fassen… einerseits, weil ich zu den beiden am letzten FFF-Abend gesehenen Filmen gar nicht soviel zu sagen habe (was immer das bei mir oller Sabbelschnute auch heißen mag…
), andererseits, weil ich gerade hundemüde bin und morgen trotz arbeitsfreiem Tag schon wieder früh aus den Federn Alpakahaaren muss…
Dignity and motherhood don’t always line up
"I heard her holler, I heard her moan
My lovely daughter, I took her home"
(PJ Harvey, „Down By The Water“)
Mit Extrem-close ups , gefilmt aus der Perspektive einer schwangeren jungen Frau, welche dem gesamten Spektrum der Apparatemedizin hilflos ausgeliefert ist (in diesem Moment wissen wir noch überhaupt nicht, worum es geht, nur daß die Situation offensichtlich sowohl für das Ungeborene als auch die Mutter lebensbedrohlich ist) steigen wir in den Film ein, und die vollkommene Hilflosigkeit und ungeheure Verletzlichkeit, welche ein Mensch in einer solchen Situation beinahe zwangsläufig erfahren muss, übertragen sich quasi unmittelbar auf uns Zuschauende. Etwas, das man selbst in dieser Form niemals erleben möchte, und vermutlich den meisten auch beim bloßen Zusehen schon kaum erträgliches Unbehagen bereitet. Jedoch ist dies nur der Auftakt zu einer wahren tour de force durchs Krankenhaus(un-)wesen, das abstrus ausufernde Schwangerschaftsbusiness und die wild wuchernde Geburtsindustrie, zu der sich die moderne Prä- und Perinatalmedizin in den nordwestlichen Postindustriegesellschaften inzwischen ausgeweitet hat. Es wird noch viele solcher sowohl für die Charaktere auf der Leinwand als auch für das Publikum im Kinosaal fast schon körperlich unangenehmer Momente in diesem um Mutterschafts-Diskurse, wissenschaftlichen Machbarkeitswahn und eine geburtsmedizinische Alltagspraxis, die bereits jetzt schon in vielen Bereichen groteske Ausmaße angenommen und ethisch-moralische Grenzen wenn nicht schon überschritten hat, so doch zumindest dergestalt in Frage stellt, dass man sich bei vielen ihrer Vertreter:Innen unwillkürlich an das Denken und Handeln eines Victor Frankenstein, eines Herbert West oder einer Elsa Kast erinnert fühlt, kreisenden Mütter-Töchter-Drama geben. Da werden ellenlange Nadeln in Fruchtblasen gestochen, Embryonen zwecks Stammzell-Entnahme in übergroßen Glaskolben aufbewahrt, oder auch bizarr entstellende Operationen am weiblichen Unterleib und Fortpflanzungsorganen vorgenommen. Wenn dies hier nicht ein waschechter Horrorfilm ist, dann weiss ich aber auch nicht. Die Entwürdigung, welche eine Frau dabei erfährt, wenn sie in einer solch sensiblen Zeit wie der Schwangerschaft vor Allem auf ihre Körperlichkeit und ein Funktionieren-Müssen im Dienste des noch Ungeborenen reduziert wird, zeigt „Birth / Rebirth“ in einigen drastischen Szenen, zwischen erzwungenem Kaiserschnitt im Kreißsaal, ohne wirklich die Zustimmung einer voll über die Konsequenzen informierten Schwangeren einzuholen, bis zum Ultraschallbild der Amniozentese, bei dem die Nadel den Kopf des Fötus nur um wenige Zentimeter verfehlt. Auf der anderen Seite zeichnet der Streifen das Bild einer Wissenschaft, bei der es nur um bloße klinische Erfolge, einzig und allein um medizinische Durchführbarkeit geht, und die jegliche Empathie vermissen lässt, für die Emotionen, Liebe und Trauer nur Störfaktoren auf dem Weg zum experimentellen Erfolg sind. Das wird von Marin Ireland in der Rolle der durchgeknallt-derangierten Pathologin Rose ebenso befremdlich-bizarr wie grotesk komisch in Szene gesetzt. Daneben glänzt auch Judy Reyes, bei deren überzeugendem Schauspiel ich nicht eine Sekunde an Carla denken musste, in der Rolle der liebend-verzweifelten Mutter, welche die Trauer um ihre Tochter nicht zulassen kann und will, und sich somit weigert, den Verlust eines geliebten Menschen anzunehmen und damit leben zu lernen. Nur die Tochter Lila selbst kommt zwischen diesen beiden extremen Polen, deren Positionen sich mit zunehmender Laufzeit immer mehr annähren, leider etwas kurz. Da hätte ich mir durchaus noch ein wenig mehr screen time für und mit der ganz goldigen und sehr natürlich aufspielenden A.J. Lister gewünscht. Ändert am positiven Gesamteindruck aber weiter nichts, auch so ist „Birth / Rebirth“ ein beklemmend-betroffenmachender (Wieder-)Geburtsvorbereitungs-(Ex)Kurs zwischen Kreißsaal und Pathologie, zwischen Hoffen und Bangen, zwischen Scham und Angewidertsein, mit zwei monströs-megalomanen Müttern aus der Hospital-Hölle, die immer nur das Beste wollen und doch das Schlimmste tun… alles im Namen der Wissenschaft und der Liebe, natürlich.
Ach ja, schöner Soundtrack auch - diese heißkalt-lasziven Songs mit einem distanziert-entrückten Gesang voller unterkühlter Sinnlichkeit, getragen von sedierend-somnambuler Percussion wirkten auf meine Ohren doch ziemlich betörend.
"Little fish, big fish, swimming in the water
Come back here man, gimme my daughter"
(PJ Harvey, „Down By The Water“)
Eight Legs bad, two legs badder
Die Spinnenplage erreicht die Vorstädte… das Banlieue-Tierhorrordrama „Vermines“ bildete dann also den diesjährigen Abschlussfilm. Bedauerlicherweise kann ich nicht so ganz in all die bislang angestimmten Lobeshymnen mit einstimmen… für mich eher okayer Durchschnitt, der mich so leidlich gut unterhalten hat, mich aber nicht wirklich packen konnte. Vielleicht muss ich dazu sagen, dass ich auch absolut keine irgendwie gearteten Probleme mit Spinnen habe. Im Gegenteil, ich finde die meist sogar ganz putzig. In der Anzahl und Größe, wie sie dann hier später im Film vorkommen, würde das in der Realität aber natürlich dafür sorgen, dass ich schleunigst die Beine in die Hand nehme. Aber wir sind hier ja immer noch in einem Film, und für einen solchen verlässt sich „Vermines“ leider vielzu sehr auf eine sattsam bekannte Story, die für mich auch kaum (bzw. wenn, dann doch etwas sehr spät im Film) eigene Akzente setzen konnte. Und schafft es mangels ausreichender Exposition auch so gut wie gar nicht, mir seine doch extrem schablonenhaften Figuren, die über bloße Typisierungen kaum hinauskommen, irgendwie nahezubringen. Erst im letzten Drittel, als eher die menschlichen Kontrahent:Innen in Form der polizeilichen Spezial-Einheiten auf den Plan treten, kam bei mir überhaupt so etwas wie wirkliche Spannung und ernsthaftes Interesse am Schicksal der Charaktere auf. Dass der Staatsmacht die Prekarisierten in den Banlieues herzlich egal sind und sie sich deren Problemen wenn überhaupt, dann nur in Form von Gewaltausübung annimmt, sollte uns Allen ja inzwischen aus dutzenden Filmen, die uns ebendiesen soziokulturellen Sprengstoff aus den französischen Trabantenstädten, der La France ja alle paar Jahre wieder mit schönster Regelmäßigkeit um die Ohren fliegt, und seine vielfältigen Ursachen in den letzten paar Jahrzehnten wieder und wieder nahegebracht haben (angefangen bei „Der Tee im Harem des Archimedes“, über „La Haine“, bis zum superb-unterschätzten „Bande De Filles“), bestens bekannt sein. Aber dennoch schafft der Film es hier dann doch endlich einmal, wirkliche Konfliktlinien zu etablieren und emotionale Involviertheit auszulösen. Nun höre ich Euch Alle natürlich längst schon raunen: „Ey komm schon, das ist hier immer noch und zuallererst mal ‚n Partyfilm, also stell‘ Dich mal nicht so an“. Na gut, ich will’s mal so sagen: Generell sind diejenigen Parties, wo ich die Setlist des DJs schon vorher in- und auswendig kenne, und bereits bei jedem einzelnen Gast weiss, was er oder sie mir gleich erzählen wird, weil sie es so oder ähnlich schon zig1000mal vorher getan haben, für meinen Geschmack nicht so die mitreißendsten und erinnerungswürdigsten. War aber schon okay. Ein wenig mehr Eigenständigkeit und Risikobereitschaft, der Mut, auch mal ein bisschen was zu wagen anstatt nur auf Nummer Sicher zu gehen, hätten dem Streifen meiner Meinung nach aber dennoch wirklich gut getan. Kein Vergleich jedenfalls zu beispielsweise „Attack The Block“, der zwar sicherlich auch nicht immer rund lief, aber wenigstens streckenweise irgendwie mehr sein eigenes Ding durchgezogen hat - if you know what I mean.
Von daher - ganz nett, hab’ mich nicht gelangweilt, muss ich in diesem Leben (oder irgendeinem anderen, for that matter) aber auch nicht nochmal sehen.
Vielen lieben Dank auch noch an Rosebud / Alamode Film, oder wen-auch-immer, für die beiden „It Lives Inside“-Freikarten. Will nur hoffen, dass der hier in HH dann aber auch irgendwie, irgendwo in der Originalversion läuft.
Okay, das mit dem Mich-Kurz-Fassen hat natürlich wieder nicht geklappt…aber naja, ich hoffe, ihr könnt mir das irgendwie nachsehen. Bin halt doch nur 'ne olle Plaudertasche…
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Mein Fazit werd’ ich dann irgendwann die Tage (eventuell am Wochenende, wenn mir das Filmfest Hamburg dann Zeit dafür lässt) im entsprechenden thread nochmal runterhämmern…