Wer den Wal hat, hat die Qual
…das stimmt - zumindest, was die Wahrnehmung von „Una Ballena“ durch meine Person anbelangt - zwar gar nicht, ich fand’s als potentiellen Titel aber griffig genug, als dass ich es nicht verwerfen wollte, und somit beibehalten habe (und es trifft ja, wenigstens im Ansatz, auch auf die Hauptfigur zu). Wobei ich immer noch verwundert darüber bin, dass diese headline dem ansonsten ja doch sehr fabulierungsfreudigen f3a-Foren-Kollegen @Leimbacher-Mario (dem der Film ja bedeutend weniger zugesagt hat, als meiner Wenigkeit) für sein Negativ-review nicht eingefallen zu sein scheint… oder wenn doch, diese ihm vielleicht einfach auch als viel zu platt erschien. Aber Ihr kennt mich - ich lasse ja keine Peinlichkeit und kein Fettnäpfchen aus, mir ist nichts zu doof, kann keine Schlagzeile blöd genug sein.
Von daher… ![]()
Nun gut - Kommen wir dann mal zum Film selbst. Ich muss zugeben, dass auch ich eingangs erst einmal ziemliche Schwierigkeiten hatten, mich in die undurchsichtig-opak geschilderte Geschichte und die ja doch sehr trist-skizzenhafte Bildsprache einzufinden… Ich kam mit dieser graublauen Farbpalette zu Beginn gar nicht klar, tappte doch auch sehr lange im Dunkeln, was die Motivation der einzelnen Charaktere und ihre Beziehungen zueinander anging - Klar, das ist Alles vom Regisseur / Drehbuch-Autor in Personal-Union genauso gewollt, machte es mir aber nicht gerade einfach, zum Leinwandgeschehen emotional anzudocken, oder das Gesehene irgend zu mir selbst ins Verhältnis zu setzen. Zumal dann ja die Narration auch eher schroff-spartanisch ist, der:dem Zuschauer:In ständig nur kleine Brocken hingeworfen werden, man immer bloß Bruchstücke eines viel grösseren Mosaiks zu sehen bekommt, und es eine ganze Weile dauert, bis man diese passend zusammensetzen kann. Aber mit zunehmender Laufzeit entwickelt der Streifen um die wortkarg-gefühlsarme Auftragskillerin und den desillusionierten ältlichen Schmuggler doch einen sehr angenehmen flow, der zwar niemals auch nur im Ansatz den rauschhaften Sog seines (über-)großen Vorbilds „Under The Skin“ zu entwickeln vermag, zumindest mich aber dennoch genug fesselte, dass ich es sehr genossen habe. Und wies die Story nachher auch genug philosophisch-existentialische Tiefe auf, dass ich ab der zweiten Hälfte doch sehr gebannt auf die Leinwand starrte. In Sachen Bildgestaltung und Photographie / Kamera-Arbeit kann man „Una Ballena“ jedenfalls nichts vorwerfen: Der Film hat eine Vielzahl an wirklich ausserweltlich-schönen Bildern und atmosphärisch-realitätsentrückten Szenerien vorzuweisen. Stilistisch ein Gedicht! Eine der schönsten Szenen zeigt die schwarze Silhouette der Auftragsmörderin vor einer Fensterfront, durch die milchig-weissliches Licht fällt, und in der ihr Profil samt der bei ihren Jobs stets aufgesetzten Badekappe sie selbst wie ein reptilienhaftes Unterwassergeschöpf erscheinen lässt (siehe das obige film still). Gelegentlich fühlt man sich auch an die Ikonographie des video games „Death Stranding“ erinnert, wenn Ingrid eine andere Dimension / Wirklichkeit betritt, und ätherisch-fremdartige (Unterwasser oder doch outer space?-)Welten voll schwarzen Lavagesteins durchschreitet. Dass diese opulent betörenden Szenerien bisweilen etwas unvermittelt und zusammenhanglos nebeneinander stehen: Geschenkt, hat mich jetzt nicht so gestört. Was die Schauspieler:Innen angeht, so machen sowohl die zwar äusserst reduziert und zurückgenommen, dafür aber überaus prägnant aufspielende Ingrid García Jonsson als distanziert-verschlossene hit woman from out of this world, als auch der stoisch-knorrige, pragmatisch-melancholisch agierende Ramón Barea als verpassten Chancen nachtrauernder Gangster eine wirklich gute Figur, und ergänzen sich in ihren gemeinsamen Szenen schon beinahe unheimlich perfekt. Last but not least sei noch der zwar durchaus stimmungsvolle, mir selbst aber nicht einprägsam genug klingende und zudem für mein persönliches Empfinden oft (zu oft) etwas zu sehr sich im Sound-Hintergrund haltende score genannt. Für mich ein wirklich schöner, durchaus auch länger nachhallender Neo Noir-Sci-Fi-Mystery-Thriller um Schuld und Sühne, Identität und emotionale Isolation, Erinnerung und lebensgeschichtliche Erstarrung. Als Einstieg in den Tag zudem auch gut programmiert. Wiewohl viele andere Mitgucker:Innen das auch anders sahen, und viele wohl auch nicht so angetan waren wie ich. HH-Local Staff-Rosebud-die Sven jedenfalls sah sich genötigt, als ich ihm gleich nach der Vorstellung mitteilte, dass der Streifen mir durchaus gefallen habe, direkt bei Fredi anzurufen, und ihr im Brustton der Begeisterung die frohe Kunde, dass immerhin ein:e im Kinosaal Anwesende:r nicht komplett enttäuscht war, persönlich mitzuteilen - O-Ton: „Hallo Fredi, wir haben [eine Person], [die:der] den Film okay findet!“…
Weiss jetzt aber nicht, ob er sie auch persönlich dran hatte, klang eher so, als habe er ihr auf die voice-mailbox gesprochen.
„Una Ballena“ ist spröde erzähltes, gelegentlich ein wenig zähes, aber letztlich durchaus lohnendes, verkopftes Sci-Fi-Kino im Stil von Jonathan Glazer und Stanley Kubrick, gepaart mit einem Neo Noir-Thriller, der gerade auch in der Unzugänglichkeit und emotionalen Erstarrtheit seiner Protagonstin sehr an Jean-Pierre Melvilles (<— Wer den Streifen gesehen hat, der:dem dürfte der Name bekannt vorkommen, und ich bin immer noch felsenfest der Meinung, dass diese Namensgleichheit nix, aber auch gar nix, mit dem Romanautor von „Moby Dick“, sondern mit ebenjenem französischen Regie-Genie zu tun hat) „Le Samouraï“ (der laut Aussage von Regisseur Pablo Hernando auch eines der grossen Vorbilder für diese lakonisch-hypnotische Sci-Fi-Ballade war) erinnert, voller magisch-betörender Bilder, stilsicher komponierter Tableaus und über den Kontext der Geschichte hinausweisender Themen, das klug genug ist, nicht auch gleich auf jede aufgeworfene Frage eine passgenaue Antwort geben zu wollen, sondern die Zuschauenden für mündig und aufgeklärt genug hält, sich selbst einen Reim auf das Gesehene machen zu können und wollen. In short: Kino für Kenner:Innen, eine wunderschön abgefilmte Indie-Perle mit Tiefgang und opak schimmernden Oberflächen, in denen sich die Ungewissheit über das eigene Sein und den individuell-biographischen Sinn widerspiegelt. Grosse Seh-Empfehlung für Alle, die sich im Kinosaal gerne mal in fremde Welten, die sie nicht unbedingt verstehen können / müssen, entführen lassen, die keine Probleme haben, wenn sie von einem Film auch mal zum Selberdenken aufgefordert werden, und die nicht gleich entschlummern, wenn’s mal etwas unverständlich-gemächlicher zugeht. Ein kleiner Lichtstrahl der Hoffnung am Horizont des anspruchsvollen europäischen Genre-Kinos, der nicht Jeder / Jedem gefallen will.


