Filmfest Hamburg 2016


#1

Dieses Jahr findet das Filmfest Hamburg vom 29.09. - 08.10 statt.
Bis das Programm vollständig ist, müssen wir uns noch ein wenig gedulden. Interessant finde ich auf jeden Fall die gestrige Ankündigung:

DIE UNTOTEN SIND ZURÜCK: FILMFEST HAMBURG ZEIGT GENRE- UND BESONDERE ANIMATIONSFILME

Die diesjährige Zombiewelle des FFF scheint auch vor dem Filmfest Hamburg nicht halt zu machen. Vielleicht nur ein letzter Ausläufer? Mit dem algerischen Kindil el Bahr (2016, Regie: Damien Ounouri) ist zumindest ein klassischer Vertreter des Subgenres bekannt. Aber auch die anderen Ankündigungen dieser Rubrik haben mein Interesse geweckt. Z.B. Elle, der neue Paul Verhoeven, Staying Vertical (2016, Regie: Alain Guiraudie), Motel Mist (2016, Regie: Prabda Yoon) und Personal Shopper (2016).

Das diesjährige Deluxe-Sektion wird als Länderreihe Mexiko in den Mittelpunkt stellen (deutsch-mexikanisches Kulturjahr) mit einigen filmischen Leckerbissen :yum: ; so hört man es zumindest, (ich kenne die folgenden noch nicht) von El Topo (1970, Alejandro Jodorowsky), Battle in Heaven (2006, Carlos Reygadas) oder Das Verbrecherische Leben des Archibaldo de la Cruz (1955, Luis Bunuel).

Klingt vielversprechend. Nach dem FFF geht’s dann hier weiter.:slight_smile:


#2

Was hat das Filmfest Hamburg denn für eine Ausrichtung? Höre ja gerade zum ersten Mal davon. Interessante Beiträge bisher dabei.

Länderreihe Mexiko, " deutsch-mexikanisches Kulturjahr", wusst ich auch nicht. El Topo Naja, gilt ja als Kultklassiker, hab ich aber auch noch nie gesehen. Ist glaub ich mehr Kunst als Story…:wink: Battle in Heaven Sehr, sehr stranger Film mit einer der meistdiskutiertesten Felatio-Szenen…Das Verbrecherische Leben des Archibaldo de la Cruz Luis Bunuel, alles klar…“The delirious journey of a mental disordered man, who is obsessed in making the perfect crime.”…1955…ich ahne, wo die Reise hingeht…:wink:


#3

Hmm, fällt mir schwer das so klar zu beantworten. Immer gerne allgemein anspruchsvoll, auch intellektuell mit Blick über den sozialen, gesellschaftlichen Tellerrand. Leichte politische Ausrichtung ist manchmal anhand einiger Dokus zu erkennen oder seit letztem Jahr gibt es eine eigene Rubrik für politischen Film. Im Großen und Ganzen ziemlich breit gefächert auch mit Komödien, Kinder und TV Programm…


#4

Ich halt mal die Augen offen, wenn das komplette Programm da ist. Klingt nicht schlecht.


#5

Das FFF ist beendet, mein Fazit gerade geschrieben und ein, zwei Reviews noch in der Pipeline, da steht mit dem 24. Filmfest Hamburg bereits das nächste Festival in den Startlöchern.
Seit dem 14. ist das Programm Online. Zeitlich liegen die Festivals dieses Jahr nah beieinander, sodass ich mich von den vielen Infos ein wenig überumpelt fühle. Der ganz große Festival Gänger hat sich bereits auf dem FFF mit den überdimensionierten Karten (ca. 20 cm lang, 8 cm breit) kühle Luft zu gefächert.

Mit gut 160 Filmen sind es dieses Jahr wieder mehr als genug. Die Struktur ist bekannt. In 12 Sektionen gibt es die unterschiedlichsten Filmproduktionen, seit letztem Jahr ist die Rubrik Veto für den politischen Film mit dabei.
Dieses Jahr neu: Ein weiterer Tag, der Zugabe Sonntag, an dem die Möglichkeit besteht Trubel frei unter neun Filmen des Programms zu wählen und sich die schwierige Timetable Gestaltung evtl. etwas zu erleichtern.

Wie meistens sind der Eröffnungsfilm und der Abschlussfilm bereits nach einem Tag ausverkauft gewesen. Opening wird dieses Jahr das Regie Debut von Ewan McGregor im Cinemaxx 1 mit ca. 1000 Plätzen sein. Er heißt Amerikanisches Idyll - American Pastoral und läuft natürlich OF mit dt. UTs. Wer ihn trotzdem noch sehen möchte: Mit Glück ist noch eine der letzten 30 Karten von heute morgen für die dritte Vorstellung verfügbar. Bei der Besetzung mit Jennifer Connelly, Dakota Fanning und Ewan McGregor sowie der Vorlage von Philip Roth kann man wohl von einem Kino Start ausgehen.

Mit der Theaterverfilmung von Henrik Ibsens Stück Hedda Gabler - dem Film Hedda wird das Filmfest dieses Jahr beendet.

Und weiter geht’s:

Neben der ersten und letzten Veranstaltung sind traditionsgemäß einige der Filme aus dem angegliederten Michel Kinder und Jugend Filmfest ausverkauft, sowie manchmal einige der Filme aus der Sektion 16:9 Filme im Kino. Ja, der Tatort im Kino erfreut sich immer großer Beliebtheit! Für mich sind diese Rubriken diejenigen, die ich quasi ignoriere. Das macht sie nicht weniger gut, aber irgendwo muss man anfangen zu reduzieren bei solch üppigem Programm.

Wie letztes Jahr werde ich das Programm kurz überfliegen und Filme, die für mich herausstechen erwähnen und was mir gerade so einfällt. Wer keine Lust auf mein Gelaber hat :speaking_head: oder es lieber vollständig hätte, dem empfehle ich das übersichtlich, mit großen Vorschaubildern gestaltete Online Programm Filmfest HH 2016. Man kann dort wählen zwischen Ordnung nach Sektion oder Datum.

Die Sektion FREIHAFEN zeigt deutsch-europäische Koproduktionen. Hier fällt als erstes Elle ins Auge, der neue Paul Verhoeven :thumbsup: u.a. mit Isabelle Huppert. Kartenbestand noch nicht kritisch, aber deutliches Interesse.

Der Trailer zu Ember gefällt mir. Sieht nach intensiv-eindringlichem Drama in wohl durchdachten Bildern aus. Türkisch-deutsch, Original Titel KOR.
Mit Marie Curie ist ein Biopic dabei.
Das Löwenmädchen erzählt ein Außenseiter Coming-of-Age Drama indem ein Mädchen geboren wird, das am ganzen Körper von feinen Haaren bedeckt ist. Nach einem Roman von Erik Fosnes Hansen. Bislang nur 5,6 in der IMDb, aber ich finde es klingt interessant.
Personal Shopper mit Kristin Stewart erhielt bereits den Regie Preis in Cannes. Von Regisseur Olivier Assayas (mir bislang unbekannt) stammt auch CLOUDS OF SILS MARIA, den Criterion gerade veröffentlicht.
Der griechische Suntan zeigt, wie ein Arzt auf einer Nacktbade Urlaubsinsel im Party Rausch versinkt.

Die Sektion HAMBURGER FILMSCHAU zeigt Filme der Hamburger Film Szene. Allein 9 Dokus dabei, die sich u.a. mit dem Stadteil Altona oder einem Kino an der Ostsee befassen.
Die Doku Timeswings- Hanne Darbovens Kunst befasst sich mit der Hamburger Konzept Künstlerin.
Hmm, ist nichts dabei was mich im Rahmen des FFHH intererssiert, außer vielleicht Die Florence Foster Jenkins Story. Die Opernsängerin wird hier als die Königin der Dissonanzen beschrieben und war wohl so schlecht und Talent frei, das sie dadurch berühmt wurde. Klingt lustig.:laughing:

Die Rubrik VETO für den politischen Film hat einige interessante Filme im Programm, leider nur einen mit Thematik Ökologie/Wirtschaft oder Naturwissenschaften - solche bevorzuge ich -, nämlich die finnische Produktion The Mine. Der Umweltthriller basiert auf einem wahren Fall.
Black erzählt eine Art Romeo & Julia Story unter zwei Gangs in Brüssel. Die Beschreibung: hart und poetisch sowie der Trailer Black haben mich überzeugt. :thumbsup: Ich werde dabei sein.
The Long Night of Francisco Sanctis, eine kurze argentinische Produktion schaut mir einen zweiten Blick wert: Ein Mann irrt (zur Zeit der Militär Junta) in Paranoia durch die Nacht.

Der Rest aus dieser Sektion behandelt sozial-politische Themen wie z.B.die Skandale um den Politiker Weiner oder zeigt z.B. Teenager der unterprivilegierten Vororte Frankreichs in Swagger.

Die Sektion TRANSATLANTIK mit ihren Filmen aus Nordamerika - den USA und Kanada - ist immer sehr beliebt. Der Eröffnungsfilm fällt ebenso hierunter wie der neue Film American Honey (163 Min.!, u.a. mit Shia LaBeouf) von FISHTANK Regisseurin Andrea Arnold wie Certain Women, der neue (Episoden-) Film von NIGHT MOVES Regisseurin Kelly Reichardt, zwei starke Regisseurinnen aus der Independent Szene Amerikas. :thumbsup: Mir scheint auch das Coming-of-Age Drama As you are interessant. Vorstadt-Verbrechen-Freunde-Erinnerungen…Noch ohne Trailer, wenig in Erfahrung zu bringen. Regisseur Miles Joris-Peyrafitte sagt mir nichts.

Es gibt die Iggy Pop Doku Gimme Danger,
Two Lovers and a Bear, ein Liebesdrama mit ORPHAN BLACK Darstellerin Tatiana Maslany im weiß verschneiten äußersten Norden Kanadas :snowflake: und die Doku Life, Animated, bereits mit 8 Punkten in der IMDb !!, die sich mit dem Phänomen Autismus befasst. Die Eltern eines Jungen entdecken, das ihr Sohn über Disney Filme den Zugang zur Außenwelt herstellt. Er enthält viele Animations Sequenzen. Könnte ein echter Tip sein :thumbsup:
Mit dem Genre Film The Transfiguration ist auch ein Vampirfilm dabei :sunglasses:

12 Filme aus der Sektion ASIA EXPRESS, darunter drei Thailänder. Als FFF Gänger werde ich natürlich aufmerksam, wenn Motel Mist als Exploitation-Sci-fi Mix bezeichnet wird. Sieht nach Rotlicht Bezirk Film aus.
Sehr stimmungsvoll finde ich die Trailer zur chinesischen Doku Per Song über den 37 Millionen! Einwohner Ballungsraum Chongqing und den Film By the Time it gets Dark, der über Verbindungen von Zeit und Raum reflektiert. Für filmische Meditationen habe ich etwas übrig.:relieved:

Der philippinische Regisseur Lav Diaz ist wie die letzten Jahre wieder dabei, dieses Jahr mit seinem Film The Woman who left. Mir waren seine Filme bislang immer zu lang um mir eine Karte zu holen. Dieses mal fasst er sich mit 228 Minuten kurz.:grin:
Für Asia Fans empfiehlt sich ein genauerer Blick auf die Beschreibungen und Trailer.

Edit: Sektionen in Großbuchstaben geändert.


#6

Mit dem Blick auf weitere Sektionen setze ich den Überblick zum Programm fort. Mir schien ein neues Fenster zweckmäßig, da sich überlange Beiträge so schwer lesen und man leicht vergisst, bis wohin man gelesen hat. Wenn dieser Doppelpost stört bitte Bescheid geben, dann kann ich sie auch gerne zusammenfügen.

Dauergast Atom Egoyan fehlt dieses Jahr auf dem FFHH, dafür ist Dauergast Xavier Dolan mit seinem neuen Film Einfach das Ende der Welt dabei. Er ist Teil der Sektion VOILA, die 12 französische Produktionen zeigt. Laut Programmtext dieses Jahr mit “Krawall” orientierten Filmen, die die Welt aus den Angeln heben. Ich kenne bislang nicht einen Film von Dolan, möchte diesen aber allein wegen der Besetzung mit Marion Cotillard und Vincent Cassel sehen. Aus Zeitgründen muss ich das wohl auf später verschieben wenn er seinen Kinostart hat.

Diamant Noir ist ein stylischer Thriller und Regie Spielfilm Debut von Arthur Harari. Er spielt im Antwerpener Diamantenmilieu.
Nelly ist ein Biopic über die 2009 verstorbene kanadische Schriftstellerin Nelly Arcan, dessen Beschreibung sich ganz schillernd liest.
Prank wird beschrieben als Film in der Tradition von Richard Linklater und Kevin Smith. Ein Nerd lässt sich dazu überreden bei Pranks - Handyfilmstreichen mitzumachen, die dann ausufern. Na gut, interessiert mich inhaltlich nicht so.
The Girl Without Hands ist ein Anime bei dem Skizzen und Aquarelle mit 2D Animationen kombiniert werden.
Staying Vertical liest sich schräg und soll sich bei Fantasy und Pornografie bedienen.
Gerard Depardieu ist in Tour de France zu sehen.

Schwer einzuschätzende Franzosen Sektion dieses Jahr.

Die Sektion VITRINA ist für spanisch- und portugiesischsprachigen Film zuständig. Man möchte der zunehmenden Gleichförmigkeit lateinamerikanischer Filme mit der Auswahl entgegenwirken, einzigartige und authentische Filme zeigen. 14 sind es dieses Jahr.

Dark Skull lief bereits in Locarno, ein düsteres Drama zwischen Doku und Fiktion, das zum Teil unter Tage (Bergbau) spielt.
Epitaph zeigt spanische Konquistadoren in Mexiko des 16 Jh. wie sie einen Berg besteigen. Die Farben sind entsättigt. Trailer macht mich neugierig, die Intensität der Bergsteiger aus KUROSAWAS DREAMS wird er wohl schwer erreichen.
Hortensia wird stilistisch mit den Filmen von Wes Anderson verglichen und in der Tat erweckt der Trailer Hortensia Erinnerungen an Anderson in Bezug auf Farben, geometrischer Bildgestaltung und humoristisch-melancholischen Tönen.
Last Land ist ein Film ohne Dialog um einen Mann, der seine Trauer verarbeitet.
Über The Night steht im Programmheft: Der Film enthält explizite Sex Szenen. Online heißt es: Der Film enthält zahlreiche! explizite Sex Darstellungen. Aha. Da durften sich Laiendarsteller mal richtig austoben :wink: Hat beim Independent Filmfest in Buenos Aires den Jurypreis erhalten.
That Feeling ist ein Episodenfilm, der von drei Regisseuren gefilmt wurde.

In der Rubrik EUROVISUELL werden Filme vorgestellt, die von unseren europäischen Nachbarn stammen und dort teilweise bereits erfolgreich liefen. Wie zum Beispiel The Days That Confused, der in Estland einer der erfolgreichsten der letzten 20 Jahre war.
Wirklich gut, aber mir persönlich zu schwer diese Tage, sieht der dänische Trailer zu The Day Will Come aus. Die (bekannte) Geschichte über Heimkinder deren Träume unterdrückt werden und die das irgendwann mit Revolte beantworten. Ist vorgemerkt für später.
In Front Of Others ist der neue Film von REYKJAVIK-ROTTERDAM Regisseur.

Die DELUXE Sektion rückt jedes Jahr ein Land in den Fokus, letztes Jahr war es Israel. Dieses Jahr wurde die Rubrik MEXIKO DELUXE von Carlos Reygardas zusammen gestellt, dessen Film Battle in Heaven als 35mm Kopie gezeigt wird.

El Topo hingegen nur als DCP, die restaurierte Fassung.
Mit The Secret Formula ist ein 45 Minuten kurzer Experimentalfilm dabei, der als Wendepunkt in der mexikanischen Filmgeschichte beschrieben wird.

Ich bin ein wenig enttäuscht darüber, das der Länder Schwerpunkt ein bisschen “stiefmütterlich” behandelt wird, in dem man den Filmen jeweils nur eine Vorstellung ohne Alternative gegeben und sie dazu alle bis auf El Topo ins kleine und wenig komfortable B-Movie verfrachtet. Man geht wohl von vorne herein von kleinerem Interesse aus. Schade.

Sangre von Amat Escalante aus dem Jahr 2005 lief bereits in Cannes.

Bleibt die letzte und größte Sektion KALEIDOSKOP mit 29 Filmen, die mit einer bunten Expedition durch die Kontinente eine vielschichtige Auswahl bietet und von denen mehr als ein halbes Dutzend meine Neugier geweckt haben. :slight_smile:

Edit: Hier geht es weiter mit ein paar Eindrücken zu Filmen dieser Rubrik !

All TheseSleepless Nights wurde auf dem Sundance Festival ausgezeichnet. Die Kamera mit fließenden, traumähnlichen Bewegungen beschrieben. Kann mir vorstellen, das das ein hypnotischer Film ist.
Cold Of Kalandar Poetisch mit großem Naturschauspiel? Der Trailer suggeriert mir einen Film von tarkowskischer Schwere.
Graduation erhält knappe 8 Punkte in der IMDb bei immerhin ca. 1000 Bewertungen. Er wurde in Cannes mit dem Regiepreis ausgezeichnet. Schweres Drama vermutlich.
In The Blood zeigt einen Trailer, der einen stilistisch ungewöhnlichen Film erwarten lässt. Es ist ein Regiedebut.
Kindil El Bahr ist ein Kurzfilm (40 Min.) und ebenfalls Spielfilm Regiedebut. Laut Beschreibung eine Parabel um die Diskriminierung von Frauen in der arabischen Welt.
Die Rote Schildkröte ist ein Dialog loser Animationsfilm des Niederländers Michael Dudok de Witt, der seine Handzeichnungen mit Hilfe von Studio Ghibli auf die Leinwand bringt. Ich werde dort sein.
Sami Blood klingt außergewöhnlich. Skandinavische Produktion. Ein 14 jähriges Mädchen kommt in den 30er Jahren in Schweden in ein Internet um den nördlichen Rassen die schwedische Sprache und Kultur zu vermitteln. Sie wird dort rassenbiologischen Untersuchungen unterzogen. Die Beschreibung: Vor einer überwältigenden Naturkulisse und mit einem herausragendem Sound Design hat mein Interesse geweckt.
Dann ist mir noch Zazy aufgefallen. Ein Drama am Gardasee. Von M.X.Oberg, von dem mir STRATOSPHERE GIRL seinerzeit wegen seiner Atmosphäre gut gefiel.

Für folgende Filme habe ich Karten:

Battle In Heaven
Black
Certain Women
Die Rote Schildkröte
Zazy
American Honey
Elle
The Mine
Life, Animated
The Days That Confused

Weitere Vorführungen werde ich dieses Jahr nur spontan besuchen, evtl.

By The Time It Gets Dark
Two Lovers and a Bear
As You Are
Hotel MIst
Cold Of Kalandar
The Journey To Greenland

Vielleicht bleibt es aber auch bei (mittlerweile) 10 Filmen. Für einige Filme sind bereits KINOSTARTS bekannt:

American Honey 13.10.2016
Die Florence Foster Jenkins Story 10.11.2016
Amerikanisches Idyll 17.11.2016
Jeder Stirbt Für Sich Allein 17.11.2016
Marie Curie 01.12.2016
Die Hände Meiner Mutter 01.12.2016
Alle Farben Des Lebens 08.12.2016
Einfach Das Ende Der Welt 29.12.2016
Personal Shopper 19.01.2017
Das Löwenmädchen 26.01.2017

Viele Filme z.B. der Asia Rubrik, oder auch aus dem Mexiko Special wird man so schnell wohl kaum wieder im Kino finden.
Edit: Weitere Kinokarten gekauft :wink:


#7

Ab hier geht’ s los mit Eindrücken zu Fest und Filmen :slight_smile:

Meine erste Vorstellung ging mit einem kleinen Patzer los. Man hat versehentlich den falschen Film abgespielt, das dann aber nach gut 90 Sekunden bemerkt. Die Regisseure des Hauptfilms waren anwesend, schön das es dennoch Anlass für sympathische Lacher war und humorvoll aufgenommen wurde. Gute Stimmung.
Bessere Werbung hätte man außerdem nicht machen können. Wenn THE FLORENCE FOSTER JENKINS STORY auch nur annähernd die großartige Bildgestaltung der ersten Minuten fortsetzt, dürfen wir uns auf ein tolles Kino Event freuen. Hätte ich nicht erwartet, da das Hauptthema des Film ja musikalischer Natur ist. Ist für den regulären Kinostart vorgemerkt.

Bei The Long Night Of Franzisco Sanctis, für den wir alle gekommen waren, handelt es sich um ein Drama, das während der Zeit der Militärjunta in Argentinien spielt. Ein Mann trifft eine alte Freundin, die ihn bittet eine Botschaft zu überbringen. Doch er möchte nicht in politische Dinge involviert werden, sieht sein Gewissen belastet und irrt durch die Nacht auf der Suche nach einer Lösung.
The Long Night… ist ein in 80 Minuten sehr komprimiert inszeniertes Drama. Von der Stadt sehen wir wenig, der Großteil der Handlung spielt bei Nacht. Das Regiedebut Duo bringt uns die wenigen Charaktere mit zaghaftem Humor näher bevor sich die Handlung auf das Erleben von Franzisco Sanctis reduziert.
Die Beschreibung sagt, das Drama dringt tief in einen moralischen Konflikt ein, doch genau diese besagte Tiefe habe ich leider vermisst.
Dabei sind die filmischen Ansätze richtig gut: Kurze Erzählweise mit Reduktion auf das Nötige. Für ein Debut eine erstaunlich gute bis sehr gute Ausleuchtung bei überwiegend Nacht Szenen und das Besinnen auf Atmosphäre mit dem Ziel Paranoia und Verfolgungsvorstellungen zu evozieren.
Doch dunkle Gassen, Hunde Gebell, fortgesetzte Schritte im Dunkeln und ein Ziel loser Hauptcharakter haben bei mir nicht richtig gezündet. Ich glaube die Filmschaffenden haben sich einen Tick zu sehr darauf verlassen, das bewährte atmosphärische Basis Zutaten für das gesamte Gebilde ausreichen. Vielleicht muss man wirklich in dieses System hineingewachsen sein, in ihm - unter dem Regime gelebt haben, um diese unbestimmte vage Furcht in letzter Konsequenz nachvollziehen zu können?
Der Film lässt sich darüber auch viel Zeit bis die Hauptfigur einen Entschluss erkennen lässt, doch auf Dramaturgie und den weiteren Verlauf hat das kaum Einfluss. So stagniert oder besser pendelt der Film irgendwo zwischen Zweifeln und Entscheidungsunfähigkeit, Paranoia und vagen Ängsten, Verantwortungsbewusstsein und Gleichgültigkeit.
Kein schlechtes Debut aber nicht so meins. Wer genau so etwas reizvoll findet, der hat am 07.10. Gelegenheit den Film mit dem zweiten Screening nachzuholen.

Battle in Heaven - Teil des Länder Spezials Mexiko Deluxe - folgt keiner klaren Narration, ist seltsam fragmentiert inszeniert. Er wirkte ein bisschen ziellos auf mich und fühlte sich daher ähnlich an wie THE LONG NIGHT OF FRANZISCO SANCTIS. So betrachtet passten sie gut hintereinander. Regisseur Carlos Reygadas bedient sich verschiedenster Themen von der Vergebung, die der Mensch für seine Taten in der (katholischen) Kirche sucht, über Erfüllung durch Sex bis zu den Zuständen einer modernen Großstadt inkl. ihrer Kriminalität wie z.B. Kindes Entführungen in Mexiko Stadt. Bewusst verweigert er sich der im Kino häufig über ästhetisierten Darstellung von Sex und nackten Körpern.
Schön anzusehen war das in meinen Augen wirklich nicht. Er überrascht aber mit ungewöhnlichen Kamerabewegungen und -fahrten während der Sexszenen.
Das man in Cannes damals so ein Wirbel um die Blow Job Szene gemacht hat finde ich erstaunlich angesichts dessen, was sonst so gezeigt wird. Nun ja, ist 11 Jahre her…
Die Schauspieler wirkten beinahe wie Statisten, hier ist niemand wirklich gefordert.
Battle in Heaven hat jedoch eines der schönsten, eindringlichsten Trompeten Themas Rogelio Conesa die ich bislang im Kino hören konnte und harmonierte perfekt mit Rhythmus und Tempo des Films. Für die mit diesem Song erreichte Stimmung hat sich die Vorstellung für mich gelohnt. Der Rest wird keinen allzu großen, langen Eindruck bei mir hinterlassen.
Schön war es natürlich den Film als 35mm Kopie zu sehen obwohl ich schon bessere Kopien selbst aus den 80ern gesehen habe. Battle in Heaven stammt aus dem Jahre 2005.

Es hat Tradition für mich auf dem Filmfest Hamburg mindestens eine Doku zu schauen. Zum Auftakt meines zweiten Tages sah ich Life, Animated. Doku Fans und jeder, der sich für das Phänomen Autismus interessiert, aber auch Fans von Animationsfilmen, speziell von Disney Filmen, sollten diese Doku auf ihre Watchlist setzen.
Das Publikum hat sich mitnehmen lassen auf diese emotionale Fahrt, hat gelacht und war gerührt. Ich hatte anfangs die Befürchtung sie könnte diesem typischen amerikanischen kitschigen Unterton bei Berichten über sich positiv entwickelnde Schicksale verfallen, doch Roger Ross Williams, der mit seinem Oscar prämierten Doku Kurzfilm MUSIC BY PRUDENCE bereits erfolgreich war, meistert diese Gratwanderung. Und wer zu Tränen gerührte Eltern kitschig findet, die sich erinnern, wie ihr Kind mit neun Jahren nach jahrelangem Schweigen plötzlich etwas sagt, ja, für den ist es mindestens das falsche Thema.
Der Autist Owen Suskind ist irgendwo auch Nerd, denn er liebt Disney Filme (VHS Kassetten! :wink:) und kommuniziert schließlich durch ihre Hilfe mit der Außenwelt. Das Stilmittel der Doku, Ausschnitte aus Disney Filmen zu zeigen ist somit gleichzeitig unverzichtbar mit ihrem Inhalt verbunden, was dieser Doku ihre Authentizität verleiht. Und was Owen Süskind später auf einem “Vortrag” vor Autismus Forschern sagt ist menschlich so rührend wie es wissenschaftlich kostbar ist und den Weg für ein tiefes Verständnis für Autismus ebnen kann/wird.
Life, Animated verzichtet übrigens auf jede tiefere wissenschaftliche Expertise zum Begriff Autismus, Forschungsstand usw. Das hätte dem Film auch geschadet, denn er nähert sich über die Persönlichkeit Owen Suskinds und seinem Leben dem Verständnis von Autismus.

Vor Spoilern bezüglich der Disneyfilm Ausschnitte muss man sich nicht allzu sehr fürchten. Häufig werden Gesten, Mimiken und starke Emotionen der animierten Geschöpfe gezeigt, überwiegend ohne längere Story Kontexte. Vom König der Löwen und Aladdin sieht man etwas mehr, aber auch hier darf man ganz entspannt sein.
Das die Doku es mit ihrer Veröffentlichung auf Grund ihrer Themen Verknüpfung möglicherweise etwas leichter hat ist vorstellbar. Das es ein gewollter Werbefilm für Disney ist, wie mir eine wahrscheinlich scherzhafte Bemerkung zu Ohren kam bezweifle ich.

Mir fällt kein Film ein, der in diesem Jahr an die Intensität von Black heranreicht und vermutlich wird auch keiner mehr kommen, der seine Story so packend erzählt und sich von Beginn an kontinuierlich steigert. Begleitet wird er von Franzosen Rap und pulsierenden Trommel Sounds, die den Herzschlag auf Touren halten. Das hier fast ausschließlich mit unerfahrenen Schauspielern und Laiendarstellern gearbeitet wurde: Wow.
Großartig ist ebenso die Kulisse des modernen Brüssel und die Bildauswahl, die zeigt, das kriminelles Milieu und Alltag nicht nur nebeneinander existieren sondern fließend ineinander übergehen. Da betritt jemand eine Art Marktzone, in der u.a. gedealt wird, eine Art Randgruppen Konglomerat, und am Ende kommt er an der normalen Einkaufszone wieder heraus. Als wäre er kurz durch eine andere Welt gegangen.

Die Welten, um die sich die Story von Black dreht sind die zweier rivalisierender Gangs, einer aus Schwarzen zusammengesetzten und den Marokkanern. Teenager der beiden Clans verlieben sich ineinander und schon nimmt das Romeo & Julia Drama seinen Lauf. Als poetisch und hart wird er beschrieben und das ist er auch.

Die Kamera ist meist unmittelbar dabei und gefällt mit ausgefallenen Angels und toller Ausleuchtung. Sie versäumt es jedoch nicht uns einen Überblick der Totale der Stadtlandschaft zu geben. Das Bild war gestochen scharf in Bezug auf die technische Qualität. Handwerklich wurde aber auch an einigen Stellen mit passenden Unschärfen gearbeitet. Ein Stilmittel dessen wirkungsvoller Nutzen nicht jedem Filmemacher klar zu sein scheint.
Ich bin total begeistert von diesem Film, das mir kurz der Gedanke kam auch die zweite Vorstellung zu besuchen…:joy:
Untermauert wurde das positive Erlebnis dann durch das Q&A mit der überaus sympathischen Hauptdarstellerin und Newcomerin Martha Canga Antonio, die im Film die 15 jährige Mavela spielt. Sie verzauberte das Publikum mit ihren klugen Antworten und viel Charme. Es gab riesigen Applaus.
Sie hat uns erzählt, das sie eigentlich nur ein Wettbewerb zur Schauspielerei brachte. Geplant war es nicht, doch nun dreht sie schon wieder für eine belgische Thriller Serie.
Auf die Frage im Publikum, was denn nun eigentlich Intention der Regisseure (es war ein Regie Duo) gewesen sei, da wir nur die Gewalt und unmittelbare Vorgänge sehen, jedoch die Hintergründe und Ursachen nicht erörtert werden (nur in einer sehr kurzen Szene kurz angedeutet), gab sie Auskunft über die Gewalt dieser Gangs speziell in Brüssel, zog aber auch Parallelen und hob Unterschiede hervor zwischen der dortigen Gewalt, globalen ethnischen Brennpunkten und Terrorismus. Sie beendete ihre Antwort mit der Aussage: " Ich glaube die Regisseure wollten einfach nur eine gute Story erzählen". Kann ich bestätigen und das ist Ihnen ganz ausgezeichnet gelungen!

Wer ihn versäumt hat: Zweites Screening Black am 06.10. Anschauen!


#8

Die letzten Tage auch ein paar Sachen gesehen:

Einfach das Ende der Welt. Ein sperriges und eigenwilliges Close-Up Massaker. Aber irgendwie habe ich dennoch Gefallen an dem Ding gefunden, warum weiß ich selbst noch nicht.

Dark Night: Solide. Aber irgendwie hat man all das schon in zig Amoklauf-Filmen vorher gesehen. Aber diese ruhigen US Dinger, in denen “nichts passiert” seh ich immer recht gerne.

Die rote Schildkröte: Etwas enttäuschend. Hat zwar einige rührende und schöne Momente aber nicht so gut wie die Kurzfilme des Regisseurs und ich muss auch zugeben, dass man sehr wenig Ghibli Handschrift aus dem Film herauslesen konnte. Ich frage mich gerade wie viel die zu dem Film beigetragen haben. Miss u Ghibli. :frowning:

Graduation: Ziemlich gut. Mein dritter Film von Cristian Mungiu und auch dieses Werk hat eine recht starke Sogwirkung, Lange Takes, intensive Gespräche, eine Welt voller Korruption… Beängstigend und gut.


#9

@Umelbumel Graduation klingt gut, vielleicht erbarmt sich ja nochmal ein kleines Kino für eine Aufführung? Hoffentlich gefällt mir die Schildkröte :worried:

In einigen Gegenden im Süden Thailands gibt es offenbar noch immer Konflikte zwischen Buddhisten und in der Minderheit lebenden Muslimen. Die Protagonisten aus Island Funeral machen sich auf den Weg in den Süden um ihre Tante fernab der Zivilisation zu besuchen.
Island Funeral ist als Roadmovie konzipiert und gefühlt sehr viel länger als seine 106 Minuten. Nicht die Langsamkeit war störend, doch sein “Aufbau” -ich meine ca. die erste Stunde- erweist sich als extrem Redundant. Immer wieder suchen sie nach dem Weg, verfahren sich, während einer der drei nur mit seinem Handy im Netz surft.
Mich hat der Film in dieser ersten Stunde irgendwo verloren. Die schön komponierten Bilder, interessanten Mehrfachüberblendungen und künstlerische Bildverfremdungen, sowie (möglicherweise auflösende) Dialoge der letzten gut 30 Minuten habe ich leider nur noch mit einem wachen Auge und Ohr wahrgenommen. Da der Film stilistisch eh leicht magisch entrückt wirkt ist eine gewisse Schläfrigkeit nicht unbedingt hinderlich für den Film, aber mir wurde einfach nicht klar was die Regisseurin wollte, bzw. wie ich das Gezeigte für mich deuten konnte.
Sie war dann zu einem Q & A anwesend und ihren Erläuterungen nach ging es ihr darum den Ort am Ende als einen Ort darzustellen, der evtl. nur in den Köpfen der Protagonisten existiert. Sorry, das kam bei mir nicht an. Ebenso wenig, wie mir die politischen Reflexionen verständlich wurden. Die Regisseurin Pimpaka Towira wusste scheinbar um diese Schwierigkeit, da sie vor Beginn des Films ein paar Worte zur ethno-politischen Situation in Thailand ans Publikum richtete.

The Days That Confused
Frauen, Partys, Alk und Autos. In einer Kleinstadt Estlands herrscht bei Allar und seinen Freunden allgemeine Perspektivlosigkeit, bis es zu einem Unfall kommt. Die Typen: Trainingsanzug, Jogginghose, Proleten Verhalten. Ab und an mal ein kleiner Ausraster.
War ein eigenartiger Film. Szenen wirkten teilweise willkürlich aneinander gehängt, analog dem planlosen in der Gegend abhängen der Protagonisten. Bisschen Camping Platz Feeling. Eine Aura von Losgelöstheit aber noch nicht wirklich Traum artig. Dieser Perspektive wird betont durch den eigenwillig gut gewählten energetischen Soundtrack. Gut im Sinne von harmonisch passend. Ein Art Disco Pop Mix mit Anleihen bei Elektronik und Schlager. Bei zwei Songs gab es (übersetzt) lyrische Texte, wie ich es z.B. aus japanischen Produktionen kenne.
Insgesamt eher humorvoll einzuordnen, wenn auch mit zum Teil ernsten Szenen und Inhalten.
Der Film hat mit einem Satz einen schönen Abschluss gefunden, der dann doch mehr Intelligenz zum Vorschein brachte als ich vermutet hätte.
Regisseurin und Drehbuch Autorin waren zum Q & A anwesend. Ich muss ehrlich sagen, sie wirkten -ähnlich wie ihre Protagonisten- nicht ganz so helle, haben aber mit ihren spärlichen Antworten für Lacher gesorgt. Es kamen nur wenige Fragen und die Regisseurin Triin Ruumet sagte, sie wäre ganz froh das es nicht so viele Fragen gäbe. Auf die Frage das das ja ein ziemlich Männer dominierter Film gewesen sei und warum nicht auch die Frauen mehr im Fokus standen antwortete sie sinngemäß: Wieso, die Männer hatten doch alle eine Frau? :laughing: Okay… Und weiter: Wie heißt es so schön?: Behind every Man stands a Woman (ich glaube sie hatte statt succsessful Man ein anderes Adjetiv verwendet, weiss es leider nicht mehr, komisch klang es in jedem Fall).
Das war also der erfolgreichste Film in Estland der letzten zwanzig Jahre. Wirklich schlecht war er nicht, doch ich hoffe es ist nicht auch deren Bester :wink: . Insgesamt ein irgendwie lustiges Event.


#10

Bei mir ging es gestern mit Yourself and yours und Certain Women weiter. Yourself and yours ist das, was man von Sang-soo Hong kennt. Es wird gegessen, es wird getrunken, es wird geredet. An dieser Art von Film findet nicht jeder gefallen, doch ich mag es einfach mal, wenn die Kamera 10, 15 Minuten drauf hält, wenn Menschen miteinander sprechen.

Certain Women war dann ein echtes Highlight des Kinojahres. Ich mag die Filme von Kelly Reichardt eh und dieser Episodenfilm war einfach großartig. Ich kann dabei nicht genau sagen, was mir so gefallen hat und was den Film so besonders macht. Ich kann es wirklich nicht. Vielleicht wie unaufgeregt der Film seine Geschichten erzählt, da kommt nie der Große Knall… es geht einfach weiter. Und gefallen hat mir auch, wie sich die Charaktere untereinander verhalten, es hat so wunderbar echt gewirkt. Ein toller Film.


#11

Ok, dann hier mal meine Sicht auf CERTAIN WOMEN. Ich finde es immer wieder erstaunlich wie unterschiedlich man Filme wahrnehmen kann. Als ich gestern das Kino verließ dachte ich das das ein ziemlich persönlicher Film von Kelly Reichardt war, der vermutlich für sie selbst bedeutender wäre als für ein Publikum. Und schon eines besseren belehrt :astonished:
Ich fand ihn so lala. Alle einsam. Passt sehr gut in unsere Zeit zwischen Herbst und erstem Schnee. Viele dunkle Szenen. Ein bisschen Witz, ein bisschen Melancholie, wenig Musik. in jeder Hinsicht unspektakulär. Der Begriff muss kein allgemein negatives Werturteil sein, aber mir kam da zu wenig rüber. Sie greift lose die Themen Erinnerungen und Partnerschaft auf, oder des sich ausgesetzt fühlenden Individuums das seinen Weg sucht.
Merke, das ich dieses Jahr beim Filmfest besseren Zugang zu den energetischen, druckvolleren Filmen finde. Die Besetzung gefiel mir. Neben PERSONAL SHOPPER der zweite Film dieses Jahr mit Kristin Stewart.

Mit ELLE hat Paul Verhoeven Mut bewiesen. Und trifft voll ins Schwarze. Aus der Ausgangssituation einer Vergewaltigung eine solch ungemein unterhaltsame Komödie entstehen zu lassen, tja, vielleicht kann nur er das. Erwischt den Zuschauer ein ums andere Mal knallhart. Dabei vergisst er nicht zum Nachdenken anregende Zwischentöne ohne die der Film leicht zur Farce hätte werden können. Großes Kino. Großartig vor allem Isabelle Huppert. Es ist eine Wonne ihr zuzuschauen.
Kein Zweifel das Verhoeven damit zurück ist. Frankreich wird ELLE als Kandidat ins Oscar Rennen schicken hat man offiziell auf der Premieren Vorstellung verkündet. Ist das ein Oscar Film? Hmm… Am ehesten würde ich Isabelle Huppert einen Oscar geben wollen für die Hingabe, Ironie, den Biss und die Leidenschaft mit der sie ihre Figur spielt.
Neben Verhoeven’s Kompromiss losen Over the Top Stils konnte ich unterschwellig ein Hauch dieser magisch-mystriösen Stimmung wie aus den letzten Filmen De Palma’s (FEMME FATALE, PASSION) spüren.

Dieses Jahr konnte ich bislang zwei Filme ausmachen, deren Beschreibung und Trailer meiner Wahrnehmung nach nicht besonders gut den Film widerspiegeln, die Vermarktung etwas irreführend ist.

Zum einen ist das THE MINE, der als packender Umweltthriller beschrieben wird. THE MINE hat eine außerordentlich nüchternen Stil, eine sachlich-ruhige und Dialog reiche Erzählweise. Mehr als ein filmischer Thriller entspricht sein Feeling dem einer Doku, dafür ist er jedoch zu sehr Spielfilm. Es ist wirklich kein Film auf den der Begriff packend zutrifft. Analog dazu ist der Charakter der Hauptfigur so ruhig und nachdenklich angelegt und wegen einiger Gewissensfragen außerdem unentschlossen, das hier kein Gegenpol entsteht und der Film eher auf der sachlichen Ebene verweilt.

Der Trailer wiederum vermittelt den Eindruck von Größe, weiten Bildeinstellungen und wenn nicht Action, dann doch mehr Bewegung als es der Film am Ende hat. Die (Luft-) Aufnahmen der Mine waren in der Tat beeindruckend und machen die Größenordnungen deutlich, das Verhältnis zum Umland und das Ausmaß des Eingriffs in die natürliche Landschaft. Mit diesen Bildern hat der Trailer jedoch bereits die meisten dieser Art verheizt; Der Großteil der Handlung spielt innerhalb von Räumen, meist in Büros. Seine Nüchternheit wird auf der Bildebene durch den ebenfalls nüchternen Farbstil unterstrichen. Wäre nicht das Thema und der an realen Tatsachen orientierte Plot mit Verwicklungen in die Politik potenziell spannend, man könnte den Film durch die gewählte Inszenierung beinahe als langweilig beschreiben.

Vom Zuschauer wird ein gehöriges Maß an Aufmerksamkeit gefordert, da das gesprochene Finnisch wie Untertitel mit hohem Tempo passieren.
Stilistisch gibt es außerdem zahlreiche Zeitsprünge (hin und zurück) von einigen Jahren, die gerade in der Anfangsphase zusätzliche Konzentration auf die Inhalte erfordern.
Wegen seiner begrenzten cineastischen Qualitäten und dem Faktor Sprache kann man den Film daher auch getrost im Heimkino oder TV schauen und auf eine Synchronisation hoffen.

TWO LOVERS AND A BEAR hat auch nicht so ganz einlösen können, was seine Beschreibung vermittelt. Nun gut, zugegeben, ich weiß nicht was ich wirklich erwartet hatte…das eher nicht. Wenn es heißt zwei Liebende lassen alles hinter sich und brechen auf in die Wildnis, vermittelt das zumindest ein vages Bild…
In einem Dorf mit 200 Einwohnern im äußersten Norden Kanadas befinden sie sich bereits zu Beginn des Films am Rande der Zivilisation. Lieben sich, streiten und kämpfen beide mit ihren eigenen Ängsten. Erinnerungen und Ängste sind etwas individuelles und können unabhängig von Zeit und Raum existieren. Solange wir sie nicht loslassen, nehmen wir sie mit, sogar bis ans Ende der Welt.
Und dann ist da diese spleenige Idee mit dem Bär. Kann man lustig finden, von einigen habe ich gehört sie fanden das überflüssig. Mir hat die Idee gefallen. Doch im Großen und Ganzen wirkte TWO LOVERS… auf mich wie ein unausgegorener Genremix aus Romanze, Liebeskomödie, Drama und Horrorfilm mit einem kleinen Schuss Realismus. Für den sorgten die ansprechenden Aufnahmen der Schneelandschaft im Norden Kanadas und die Bilder der Nordlichter. Dafür lohnt sich die Kino Leinwand.
Hypnotisch, wie beschrieben, war seine Wirkung nicht auf mich. Absurde und komische Momente gab es einige. Das Ende, spirituell und poetisch hat mich angesichts des Story Verlaufs überrascht.
Der Film wird seine Freunde finden und sollte auch im Kino geschaut werden, doch mir war er etwas zu zerfahren. Mehr Prägnanz und eine klarere stilistische Richtung wären den Inhalten evtl. dienlicher gewesen. Ansonsten in Ordnung.

Gestern brach Erschöpfung über mich hinein und ich brauchte eine Pause vom Filmfest. Also habe ich auf EL TOPO verzichtet. Eine Karte hatte ich glücklicherweise noch nicht.

Ganz vergessen ein paar Worte zu PER SONG zu schreiben. Vermutlich weil ich ihn möglichst schnell vergessen will? Auch 70 Minuten können sich lang anfühlen. Aber hey, damit muss man rechnen, wenn man sich Debutfilme anschaut und mir ist es (manchmal :wink:) lieber mir die ersten Gehversuche von Regisseuren anzuschauen und mal enttäuscht zu werden als stumpf-monotone Hollywood Blockbuster mit bekanntem Muster zu wiederholen.
Ich bin in den Film gegangen, weil mir die Stimmung mit dem Karaoke Song aus dem Trailer so zusagte. Die Szene und der Song kamen dann im Film gar nicht vor. Vermutlich weil diese noch aus dem Kurzfilm stammte, die dem Film vorausging und der Schere zum Opfer fiel. Na ja :disappointed:

Regisseur Shuchang Xie studiert in Hamburg (Ja, immer noch.) an der HBFK und war auch anwesend. Zur Zeit arbeitet er an seinem Abschlussfilm.

PER SONG beginnt mit einem sehr anstrengendem Monolog. In fast 10 Minuten sehen wir eine junge Frau in schnellen Worten und noch schnelleren Untertiteln über das Leben lamentieren. Die Kamera statisch auf die Person gerichtet. Diese starre, monotone Kamera wird den Zuschauer häufig begleiten wenn sie Jugendliche bei ihren Streifzügen durch Stadt und Clubs -meistens bei Nacht- begleitet, während sie sich mit einen Haufen Lebens Fragen befassen. Antworten gibt es nicht. Der Film hat halb dokumentarischen Charakter. Für kurze Panorama Ansichten bewegt sich die Kamera, zeigt den Fluss oder eine Sicht auf die Silhouette der Stadt. Ich fand den Film stilistisch wie thematisch ermüdend. Eine Idee des Regisseurs von Rhythmus und filmischer Vision schwappte aber leicht durch.

Im Q & A gab es einen Mann, der sagte in komplizierten, politisiert gefärbten Worten, er sei vor ca. 30 Jahren einmal in China gewesen und wäre erschrocken wie verwestlicht es mittlerweile sei und das China und die Menschen offenbar so verwahrlosen usw. Und erntete dafür in Raunen, Staunen und Murmeln ausgedrücktes Unverständnis vom Publikum.
Die Moderatorin hat das gut gehandelt und die Frage komprimiert an den Regisseur weitergegeben, der die Aussagen genau wie das Publikum offenbar nicht ganz nachvollziehen konnte und sich eine Antwort mit dem Hinweis auf die subjektive Sicht auf die Dinge erspart hat.
Ich bin doch ein wenig verwundert: Der Herr mag sich etwas befremdlich ausgedrückt und damit schon im Kern ein wenig Unverständnis provoziert haben, doch muss man sich doch über so eine Aussage eigentlich nicht wundern wenn man Bilder, Szenen und Inhalte zeigt wie:

Eine weinende junge Frau, aus der die angestauten Emotionen vieler Jahre ausbrechen.
Häufig Alkohol und Zigaretten im Bild
Ein Heranwachsender, der über Geldsorgen und die Verteilung des Erbes nachdenkt.
Jugendliche ohne Antworten auf ihre vielen Fragen.
Wohnungen/Zimmer, in denen sich (Konsum) Güter bis unter die Decke stapeln, so das man kaum noch darin gehen kann.
Ein Stadt Moloch ohne größere Grünflächen (zumindest werden sie hier nicht gezeigt).
AIDS als Thema
Ein Film, der eher dunkel statt hell ist (das meiste spielt nachts) und den Mond der Sonne vorzieht.
u.a.

Also ehrlich Leute, viel positive, erhellende Dinge werden hier nicht gezeigt/behandelt. Man darf mit Kritik bei Studierenden und ihren Filmwerken von mir aus gerne zurückhaltender sein aber ich wundere mich über diese mangelnde oder einseitige Reflektion besonders des Publikums. Seht ihr wirklich so wenig? Sind das die Ideale von Orten und Gesellschaft für Euch? :worried: :thinking:


#12

Bei mir ging es weiter mit Personal Shopper weiter, den ich zwar durchaus interessant aber phasenweise auch echt anstrengend gefunden habe. Vor allem bei einer ca. 20 minütigen Szene, in denen beinahe ausschließlich SMS geschrieben werden, wurden meine Nerven schon arg strapaziert.

Exile habe ich gestern eingeschoben, weil ich vor dem Schanelec etwas Zeit hatte. Der Regisseur verarbeitet mit diesem Film (wieder einmal) seine persönliche Vergangenheit. Das Ganze ist recht schick anzusehen… aber halt sehr persönlich. So richtig habe ich nie Zugang gefunden.

Und noch viel unzugänglicher wurde es mit Angela Schanelecs Der traumhafte Weg. Auch wenn ich es versuchen würde, könnte ich nicht ansatzweise beschreiben worum es in diesem Film geht. Er ist extrem sperrig und sehr emotionslos. Aber er hat mir gefallen. Glaube ich. Danach gab es ein QA mit der Filmemacherin… und das war nicht minder interessant. Das Publikum war irgendwie genervt vom Film, Frau Schanelec von den Fragen. Das schaukelte sich irgendwie ein wenig hoch. Es wurde nie ausfallend aber die Stimmung war eindeutig sehr, sehr gereizt.

Heute Abend geht es dann in den Lav Diaz, 228 Minuten. Für ihn ein Kurzfilm. :smiley:


#13

Hallo Frank, das ist ja eine tolle Berichterstattung.ist der Besuch des Filmfestes privater Natur? Wenn ja, muss ich feststellen, du bist definitiv wahnsinnig :sweat_smile: oder machst du das beruflich? Ist dann jedenfalls auch beeindruckend.

Danke, umel, für die ergänzenden Eindrücke.


#14

Hallo Michaela, Danke! Schön zu wissen das noch jemand mitliest :joy: Ja, der Wahnsinn ist privater Natur. Über die Filme zu schreiben hilft mir manchmal sie besser zu verstehen oder mich von den Bildern zu lösen. Außerdem beruhigt es Augen und Nervensystem nach vielen Filmen. Und es freut mich andere Filmfreunde zu inspirieren.
Warum nicht beruflich habe ich mich gestern auch gefragt als ich eine Info an der Kasse zur Belegung der nächsten zwei Vorstellungen haben wollte. Sie meinte zu mir: “Nö, ist nicht voll, gar kein Problem. Du gehst da einfach mit Deinem Ausweis durch und suchst Dir einen Platz.” Ok, dachte ich mir und wollte gerade gehen als mir einfiel, das ich ja gar keinen Festivalausweis habe :laughing: Sie hatte mich wohl für so einen Presse Typen gehalten weil ich da ständig rumhänge. Habe mir dann einfach eine Karte gekauft :stuck_out_tongue_winking_eye:
Ich treffe dort jedes Jahr eine Freundin, die als Journalistin da ist. Diese Akkreditierten Ausweise für die Presse kosten echt nur 45 Euro (für alle Filme). Und natürlich bekommt die nicht jeder. Hat aber auch kleinere Nachteile. Man muss dann z.B. warten, wenn alle sitzen bevor man sich einen Platz sucht. Ich bin zwar viel entspannter geworden in der Hinsicht, aber bei einigen Filmen habe ich keine Lust auf Kompromisse. Je öfter ich das Festival besuche, umso mehr komme ich auch mit Leuten ins Gespräch. Sind ja meistens die gleichen :nose::nose:

Irgendwie ist es gerade so ein Auf und Ab mit den Filmen bei mir. Ein passabler bzw. guter Film folgt einem enttäuschendem oder schwächeren Film. Hinke mit den Berichten ein wenig hinterher. Offiziell war heute der letzte Tag. Morgen gibt es den Zugabe Sonntag.

Gestern sah ich BY THE TIME IT GETS DARK. Mein zweiter thailändischer Film auf dem Festival und leider auch nicht soo gut. Ich habe von drei Leuten gehört, das sie ihn nicht mochten. Von den drei Asiaten gefiel er mir jedoch noch am Besten; Er war der angenehmste wegen seines ruhigen, meditativen Rhythmus und passender Musik (u.a. gezupfte Gitarrensaiten) bzw. Klängen.

Räume sind das Thema der ASIA EXPRESS Rubrik dieses Jahr. Räume, Zeit und Erinnerungen.
BY THE TIME… verflechtet diese Ebenen und arbeitet mit Rückblenden. Eine Schwierigkeit der Produktion: Es war manchmal nicht eindeutig oder schwer zu erfassen, wer von den jüngeren Schauspielern in der späteren Zeit Periode welchen der Älteren darstellt. Ja, die asiatischen Gesichter…vielleicht ist es für Asiaten einfacher.
Außerdem waren, wie schon bei ISLAND FUNERAL, geschichtspolitische Kenntnisse von Vorteil, wenn man den Film gänzlich verstehen wollte. Das hat der Moderator vorher erläutert. Er sagte, eine kurze Synopse zu diesem Film für das Programmheft zu schreiben, sei die schwerste von allen im Heft gewesen, die er verfasst hat. Kann ich mir vorstellen. Trotz kurzer Einleitung fiel die Deutung der Geschehnisse auf der Leinwand schwer.
Atmosphärisch mochte ich ihn. Mit episodischen Elementen und durch seine Stilmittel wie Rückblenden, Zeitraffer (Pilze beim wachsen zusehen), extreme Farbwechsel (einmal) und der “jemand filmt im Film” Idee (also, was sehen wir gerade?) erzeugt er trotz seiner sonstigen Einfachheit - Natur, klare Bilder, ruhiger Grundton- eine gewisse Komplexität, eine Art von Unberechenbarkeit. Lustig: Als dann für ca. zwei Minuten die Untertitel ausfielen, habe ich das zuerst kaum “bemerkt”, weil ich das einfach hingenommen, für ein Stilmittel gehalten habe :relaxed:. Man hat das dann schnell korrigiert.
Der Film lief im offiziellen Wettbewerb von Locarno. Wäre evtl. interessant zu sehen, wie man den Film beim zweiten mal wahrnimmt.

Ich hätte danach noch MOTEL MIST schauen können, der dritte Thailänder dieses Jahr, habe mich jedoch für IN THE BLOOD entschieden - ein dänischer Beitrag - und es nicht bereut.
Regisseur und Drehbuch Autor Rasmus Heisterberg hatte für das Drehbuch zu DIE KÖNIGIN UND DER LEIBARZT einen Silbernen Bären erhalten. IN THE BLOOD ist sein Regie Debut.

Eigentlich ein simples Drehbuch. Vier Freunde in Kopenhagen leben gemeinsam in WG. Simon studiert Medizin. Alle sind sie viel am Saufen und Party machen. Das Schwerpunkt Thema ist Freundschaft und die Frage wie man von einem sorglosen Jugendlichen zu einem verantwortungsbewussten Erwachsenen wird ohne seine Träume aufzugeben und seine spontane Leichtigkeit zu verlieren. Für Simon gestaltet sich der Weg schwierig, da er sich immer wieder selbst durch unüberlegtes Handeln Steine in den Weg legt.
IN THE BLOOD ist emotionales Kino, ein bewegendes Drama, Tempo reich inszeniert mit einem starken Soundtrack u.a. mit Daft Punk. Eine Kamera in Bewegung, schnelle Schwenks. Eine durch und durch lebendige Inszenierung. Passend besetzt. Nach dem Applaus zu urteilen waren die meisten Besucher zufrieden. Ich fand ihn ziemlich cool. Diesen einen Song habe ich gerade wieder im Ohr.

Bisschen schade: Ich hatte das Gefühl er hat sein Potenzial nicht ganz ausgeschöpft. Das tut bei grundsätzlich guten Filmen manchmal umso mehr weh. Das Drehbuch hält sich mit ganz extremen Spitzen zurück. Und wirklich innovativ ist es nicht. Nüchtern betrachtet greift Heisterberg auf Altbekanntes zurück. Andererseits erkennen sich wohl viele wieder in dem Dilemma vom Großwerden, Verantwortung und emotionalem Chaos.
In der Endphase hat der Rhythmus unter dem Arrangement der Szenen gelitten, ging das Tempo plötzlich zwei Schritte zurück. Der Film ist soghaft, hätte aber das Potenzial gehabt richtig hypnotisch zu werden wie er sich rhythmisch aufbaut mit seiner Tempo reichen und richtig guten Musik Auswahl. Das Arrangement war nicht optimal aber man muss auch bedenken, das war ein Regie Debut. Ich möchte den Film gerne nochmal sehen.


#15

Gestern sah ich dann auch endlich DIE ROTE SCHILDKRÖTE. Ich mochte ihn. Nach den vielen sozial-politisch gefärbten Filmen, unter den ganzen Dramen des Festivals war dieser Film eine echte Wohltat. Traurig - rührend und mit Humor (Die Krebse). Er hat schöne, allerdings wenig aufwendige Bilder. Es stimmt; Ghibli Handschrift ist wenig auszumachen. Eine Art Ghibli light Film. Ultarlight. :wink: Doch nach wenigen Minuten hatte ich meine Vorstellungen über ihn vergessen. Im Grundcharakter ist er sparsam und kommt ohne Dialog! Ein schönes Beispiel dafür, das gerade Filme, die mit Archetypen arbeiten, ohne oder mit wenig Worten auskommen. In DIE ROTE SCHILDKRÖTE gibt es Schreie und eine Musikauswahl, die die Emotionen, welche die Geschichte herauf beschwört, wunderbar unterstreichen. Das Ende weist mit seinem Bild daraufhin hin bzw. deutet an, das das ganze Leben, unser irdisches Dasein nur ein Ausschnitt, ein kurzer Traum ist. Ich fand das deshalb so schön, weil mir der Film selbst nahezu wie ein einziger rührender Moment vorkam.

Was ich diese Jahr auf dem Festival bei Filmen ohne Gäste so konsequent noch nicht erlebt hatte: Bis auf zwei, drei Leute blieb das Publikum Mucksmäuschen still sitzen, bis der Abspann zu Ende war. Kam gut an im Passage Kino. Sophie (vom Levantehaus) war auch begeistert.

Ich kenne die Kurzfilme des Regisseurs nicht und frage mich nun neugierig, was die denn anders bzw. besser machen?


#16

Ich muss zugeben, dass ich den Film durchaus nett gefunden habe… aber für einen gesamten Spielfilm war es mir vielleicht doch etwas zu “wenig”. Irgendwie wirkte es wie eine Art Adam & Eva Geschichte aber viele Momente, die mich begeistert hätten gab es kaum. Auch wollten bei mir nicht so wirklich viele Emotionen aufkommen. Und genau die kamen mir bei seinem Kurzfilm Father and Daughter (https://www.youtube.com/watch?v=hVg5elLgSM8) auf. Animationsfilm ist bei mir aber auch immer etwas sehr persönliches. Einige funktionieren recht gut. Andere hingegen weniger. Dieser war so ein Mittelding. :slight_smile:

Ich habe mir gestern dann The woman who left angesehen und er hat mir recht gut gefallen. Auch wenn er mir mit 228 Minuten etwas zu kurz war. Das klingt nun ganz bizarr aber Lav Diaz braucht halt seine Zeit, sehr viel Zeit. Und als ich so richtig in den Film gefunden habe, war er auch schon wieder vorbei, was ich recht schade gefunden habe. Dennoch ein sehenswerter Film. Wahrscheinlich der zugänglichste Film, den ich bisher von ihm gesehen habe.


#17

Ja, genau! Das war exakt was ich gebraucht hatte :smile:

Lustig, so hatte ich es bei CERTAIN WOMEN empfunden. Haben die beiden unterschiedlich auf uns gewirkt.

Das wäre dann vermutlich ein geeigneter Film, um in das Lav Diaz Universum einzusteigen?
Ich hatte schon daran gedacht beim Metropolis Kino mal eine Retrospektive anzuregen. Könnte mir aber vorstellen, das die Begeisterung sich in Grenzen hält, da ein Film von ihm quasi den ganzen Tag blockiert. Und kann man damit das Kino ausfüllen? Nicht viele haben Lust sich in einen Film von vier Stunden, geschweige denn acht zu setzen…
Dabei wäre das vermutlich relativ einfach umzusetzen. Wie ich gehört habe, lagern die Kopien in Berlin. Die Logistik Kosten wären also überschaubar.

So, jetzt geht’s gleich zu American Honey.

Es stellt sich ein eigenartiges Gefühl ein, wenn man die ganze Zeit untertitelte Fremdsprachen Filme schaut und dann plötzlich eine deutsche Produktion mit englischen Untertiteln sieht. So war es bei ZAZY.
Die junge Zazy macht in einer Kleinstadt am Gardasee eine Schneiderlehre und lebt mit ihrem Freund zusammen. Sie träumt allerdings von einer Karriere beim Fernsehen und einem High Society Leben. Als eine Kundin - die Frau eines prominenten Mannes, eine Affäre mit Zazy’s Chef beginnt und der darauf spurlos verschwindet, fordert Zazy von ihr ein paar “Gefälligkeiten” für ihr Schweigen.
Der Film bewegt sich zwischen Psycho Thriller und Drama.

Ausstattung und Look von ZAZY passen gut zum Sujet des Films. Gleichzeitig Clean wie üppig gestalten sich die Schauplätze der Upper Class (Wohnungen, Restaurant, Schneiderei, selbst der Reitstall wirkt verhältnismäßig sauber). Der gewählte klare (Hochglanz-) Look des Bildmaterials selbst unterstreicht die Kulisse. Das passte gut zu den Themen des Films, denn es geht um Gier und das Verlangen nach Reichtum und Ruhm. Die häufig hiermit verbundene Eigenschaft Neid war meinem Empfinden nach kein wesentlicher Aspekt der Story. Zumindest wurde dieser nicht vordergründig herausgearbeitet.

Eine Qualität der Produktion war die gute Chemie des jungen Pärchens. Mehr als 50 junge Männer wurden gecastet bis man den richtigen Kandidaten gefunden hatte. Die Dynamik zwischen den beiden hat einen Großteil zur Spannung von Zazy beigetragen. Keiner der Schauspieler war mir bekannt.
Das ZAZY zwar gut und unterhaltsam war, doch letztlich das Niveau einer, wenn auch teilweise sehr guten, TV Produktion nicht toppen kann lag an etwas anderem. Tja… woran genau habe ich nicht hundertprozentig für mich bestimmen können. Des Öfteren hatte ich einfach das Gefühl: Irgendwas stimmt mit dem Film nicht. Vielleicht lag es an dem älteren Paar der High Society, deren Schauspiel mich nicht genug verein nehmen konnte. Speziell hatte ich hin und wieder das Gefühl, das die Dialoge nicht gut funktionierten, der Satzbau im Sinne von “So spricht kein Mensch” wirkte.

Wie stellt man sich einen Regisseur vor, der M.X.Oberg heißt? :thinking: Eigentlich gar nicht und dann doch wieder genau so, wie er beim anschließenden Q & A vor uns stand: Hochgewachsen, mehrere Tage Bart, dunkel blaue Strickmütze tief in die Stirn gezogen. Sonore, klare Stimme und sympathisch Auskunft gebend.

Mit STRATOSPHERE GIRL aus 2004 ist ZAZY stilistisch und atmosphärisch nicht vergleichbar. Meine Sichtung ist allerdings für einen tieferen Vergleich zu lange her. Seit dem hat Herr Oberg keinen weiteren Spielfilm realisiert. ImdB verzeichnet eine Doku von 2011.

Nur 23 Tage Drehzeit! Das kann natürlich ein Faktor sein, weshalb gewisse fein Korrekturen, Details in Schauspielführung und Dialog übersehen wurden.
Was ich positiv finde: Der bewusste Verzicht auf Polizei und so. Das hat die Themen, die Charaktere und Beweggründe in den Vordergrund gerückt. Im Drehbuch wurde das Verschwinden des Schneiderei Inhabers noch viel ausführlicher behandelt haben wir erfahren.
Das Ende wurde kritisiert. Ja, das kann man bemängeln. Oder zumindest hinterfragen. Wir waren uns scheinbar alle einig. Einschließlich des Regisseurs. Er hat gestöhnt. Ja, er wüsste…hat er gesagt und sich auch gedacht ob das wirklich nötig gewesen wäre. Das Drehbuch hat während des Prozesses schon im Vorfeld einige Abwandlungen erfahren. Da reden viele Leute mit. War scheinbar nicht so simpel der ganze Prozess bis zur endgültigen Version.

Netter Typ, der allgemein vom Hamburger Publikum sehr angetan war.

Edit: Fehler Korrektur


#18

Der Zugabe-Sonntag vom Filmfest HH dieses Jahr war eine gute Idee, hatte man so die Chance max. drei Filme nachzuholen. Dankenswerter Weise waren auch längere Produktionen dabei, denn das sind ja häufig die, welche die Planung potenziell erschweren, da ihre Sichtung mitunter den Verzicht auf einen anderen Film bedeutet.

In meinem Fall war dies AMERICAN HONEY. 163 Minuten ist Andrea Arnold’s Film geworden und soweit ich weiß, ist es ihr Erster, den sie in den USA drehte.
Mit Ende des Films habe ich für mich beschlossen, das er für mich ein idealer Abschlussfilm für das diesjährige FFHH ist. Er startet bereits am 13.10., also morgen z.B. im Studio Kino.

Die 18 jährige Star (Sasha Lane) lebt in desaströsen Familien Verhältnissen, lässt diese hinter sich und schließt sich Jake (Shia La Beouf) und seiner Kolonne von jungen Leuten an. Von Tür zu Tür -quer durch Amerika- verkaufen sie Zeitungs-Abos unter der Leitung ihrer Chefin Krystal (Riley Keough), die im Grunde wie eine Zuhälterin wirkt, denn sie streicht die meiste Kohle für sich ein, während sie ihre Truppe mit Aussicht auf Spaß und das große Geld ködert und bei Laune hält, ansonsten jedoch die kühl kalkulierende Geschäftsfrau ist.
Wie wenig es ihr dabei um die Sache selbst, das Zeitschriften Verkaufen, sondern um ihre eigenen Bedürfnisse geht, sieht man auch daran, das es ihr egal ist, woher das Geld letztlich kommt.

Welchen Wert besitzen die “Dinge” für uns? Wenn alles beliebig und austauschbar wird, was bedeutet das für uns selbst, unsere Freundschaften und Kontakte?

AMERICAN HONEY, in dessen erste halben Stunde ich mich spontan an SPRING BREAKERS erinnert gefühlt habe, ist ein kluger Film mit tieferer Botschaft, größeren Erkenntnissen und Zusammenhängen als es wegen seiner unterhaltsamen, lebendigen Inszenierung zunächst den Anschein hat.
Dennoch könnten einige Zuschauer ihn evtl. doch nicht als soo gelungen ansehen, denn er hat leider Defizite bei der Charakter Zeichnung sowie Schwächen auf der erzählerischen Ebene.
So erfahren wir fast gar nichts über die anderen Mitglieder der Kolonne und auch die oben genannten drei Hauptfiguren sind nicht gerade ein Musterbeispiel für detaillierte Figurenzeichnung. Dem steht allerdings Andrea Arnold’s Wahl für das 4:3 Format und den Einsatz von Handkamera gegenüber. Zwei Stilmittel, die uns das Erlebte unmittelbar wahrnehmen lässt, uns Geschehnissen wie Charakteren näher bringt.
Ich finde es in diesem Zusammenhang interessant, das er auf mich zu keinem Zeitpunkt dokumentarisch oder halbdokumentarisch wirkte, obwohl er sich durchaus vieler realistischer Bilder bedient. Doch die gewählte Erzählperspektive verhindert das. Andererseits fühlt er sich wiederum “realer” an als der erwähnte traumähnliche SPRING BREAKERS.

AMERICAN HONEY ist als Road Movie angelegt und zeigt viel vom ländlichen Amerika, von wohlhabenden Gegenden mit entsprechenden Immobilien über arme Viertel bis zu großen Ölfeldern. Es bot sich also konzeptionell eine große Auswahl an Lokalitäten und damit auch erzählerischen Sequenzen. Er hätte ebenso noch eine Stunde länger wie 30 Minuten kürzer sein können. Das Empfinden hängt wohl sehr davon ab, wie einem die übrigen Zutaten wie das Format, die nahe Kamera, der Soundtrack aus Hip Hop- Rap (kenne die exakte Bezeichnung des Stils nicht) und Country sowie die Figuren zusagen. Man kann ihn als zu lang bezeichnen wie es eine Zuschauerin tat mit der ich mich hinterher unterhielt. Sie sagte mir sie mochte ihn, hätte ihn sich aber 30 Minuten kürzer gewünscht. Mich hätten 10 Minuten weniger zufrieden gestellt, doch letztlich gefiel er mir auch so.

Die gewählten erzählerischen Episoden sind zwar unterhaltsam, fügen dem Film jedoch im Verlauf nur wenig neue Aspekte hinzu, so das das er sich inhaltlich nur leicht variierend wiederholt.

Andrea Arnold wählt trotz weitgehender Ödnis schöne Bilder. Wie wir es von ihr kennen spart sie auch Nahaufnahmen der Natur nicht aus (Insekten/Tiere/Pflanzen) und erinnert so an die tiefe Verbundenheit des Menschen mit der Erde. Doch AMERICAN HONEY funktioniert vor allem über seine Atmosphäre und die erzeugte Stimmung. Mir hat das an dem Tag insgesamt gefallen und ich habe mich entspannt dem lebendigen Treiben auf der Leinwand hingegeben :relaxed:

Im Laufe der Woche folgt dann zum Abschluss noch ein Fazit. Vielleicht berichtet @Umelbumel uns auch noch wie er ELLE und das Filmfest insgesamt fand :wink: ?

Edit: Fehler korrigiert und ergänzende Worte eingefügt.


#19

Aber gerne doch.

Ich mache es ganz kurz: Der Hype um Elle hat sich mir nicht ganz erschlossen. Klar, Isabelle Huppert ist, wie immer, eine Wucht aber ich fand den Film weder sonderlich clever, spannend oder lustig. Der scheint ja überwiegend gefeiert zu werden… Ich würde das gerne nachvollziehen können. Ich fand, dass sich die 130 Minuten vom Film länger angefühlt haben, als der Lav Diaz :smiley:

Ansonsten fand ich das Filmfest recht gelungen. Hatte eine Auswahl von 11 oder 12 Filmen und keiner war schlechter als Mittelmaß. Certain Women war wohl mein persönliches Highlight aber auch Graduation und Yourself and yours haben mir sehr gefallen.


#20

Hmm, das überrascht mich. Ich denke mal Huppert’s Performance ist ein maßgebender Faktor dafür, das er so vielen (einschließlich mir) zusagt. Die deutsche Premieren Vorstellung, die ich besucht habe, war allerdings von vorne herein von sehr lebhafter Stimmung. Es wurde durchaus auch bei Szenen gelacht, bei denen ich es unangebracht fand obwohl ich ihn unterm Strich als Komödie sehe. Bin also gespannt, wie er bei einer Zweitsichtung wirkt.

Jetzt wo du erwähnst, das keiner Deiner Filme schlechter als Mittelmaß war, bin ich neugierig welche weiteren 5-6 Filme du noch gesehen hast. ???