Filmfest Hamburg 2018

Vom 27. September bis 6. Oktober findet dieses Jahr das 26. Filmfest HH statt und präsentiert 138 Filme.

Gestern lief also schon der isländische Eröffnungsfilm Gegen den Strom, dessen Titel programmatisch für das gesamte Programm sein soll.

Das FFF und FFHH liegen dieses Jahr so nahe beieinander wie lange nicht, weshalb mein Überblick über die Filme hier aus Zeit Gründen deutlich kürzer ausfallen wird als in den letzten Jahren. Alternativ empfiehlt sich natürlich die offizielle Webseite zum Filmfest HH. Das Programm ist wahlweise nach Termin, also Datum, den bekannten Sektionen oder durch gezielte Titel Suche abrufbar.

Mein erster Eindruck zu den Filmen ist kein besonders klar definierbarer. Es geht um Menschen die ihren Weg suchen, etwas wagen, die unterwegs sind, sich unterscheiden von der Masse, Da scheint Gegen den Strom ja schon zu passen. Warten wir’s ab.

Ich habe vorerst 6 Karten für:

The Wild Pear Tree, ein 188 Minuten langer Film von Nuri Bilge Ceylan, der mit Gästen präsentiert wird.
Butterflies, den Nachfolger des außergewöhnlichen Debuts IVY von Tolga Karacelik, auch ein türkischer Film fällt mir gerade auf.
A Balkan Noir, ein in 20 Kapiteln und 74 Minuten erzähltes schwedisches Rache Drama.
Leto, eine russisch-französische Produktion die sich dem Musikunderground von Leningrad Anfang der 80er Jahre widmet. Ein Gesellschaftsportrait. Inklusive Hamburger Produzentenpreisverleihung.
Too Late to Die Young, ein Spanisch sprachiges Coming-of-Age Drama über eine Gruppe Jugendlicher in einer chilenischen Kommune im Jahre 1990.
Loro Der opulente Abschlussfilm von Paolo Sorrentino über Macht, Sex, Politik und Geschäft. Und im Mittelpunkt Silvio Berlusconi.

Möglicherweise kommen noch spontan ein paar Filme hinzu.

Trotz der in der Tat extremen zeitlichen Nähe von FFF und Filmfest HH hatte ich mich dennoch sehr auf weitere eineinhalb Wochen mit schönen Filmen und anregenden Kinobesuchen vorgefreut…

…und dann sowas: Seit gestern mittag plagt mich eine ärgerlich-unschöne Bindehautentzündung auf dem linken Auge, inclusive aller verhassten Symptome (das Auge ist geschwollen, es tränt und juckt beizeiten auch). Aaaargh!!!

Naja, aber was soll’s? Von solcherlei Lappalien lasse ich mich doch nicht vom Filmeschauen abhalten ! Und werde deshalb heute abend mit dem Besuch von “Die feurigen Schwestern” im Studio-Kino ins diesjährige Filmfest einsteigen…nachdem ich das letzte Jahr ja leider komplett gepasst habe (obwohl mir da das Programm irgendwie viel spannender und interessanter erschien…). Weitere Filme, die zu schauen ich beabsichtige, sind:

  • "Nervous Translation" (morgen abend, 19:30 Uhr, Studio Kino)

  • "We The Animals" (Sonntag, 30.9., 17:00 Uhr, CineMaxx 2)

  • Montag abend werde ich aussetzen, da will ich unbedingt noch den ach so hochgelobten “Ava” (angeblich ja die Sensation in Cannes) im 3001 Kino schauen (@Frank : der läuft auch am Mittwoch nochmal, vielleicht magste den ja auch noch schauen, sofern Du dann überhaupt Zeit und Lust haben solltest… überschwänglich-begeisterte Kritik siehe hier)

  • "To The Ends Of The World" (Dienstag, 2.10., 21:15 Uhr, Abaton Gross)

  • "Genesis" (Mittwoch, 3.10., 18:45 Uhr, CineMaxx 2)

  • "M" (Mittwoch, 3.10., 21:15 Uhr, Metropolis)

sowie als Abschluss dann

  • "Nancy" (Samstag, 6.10., 22:30 Uhr, CineMaxx 3)

Ob ich mir dann eventuell spontan noch “We Are The Others” am Freitag, dem 5.10., sowie den Abschlussfilm “Loro” am Samstag, dem 6. Oktober, ansehen werde, entscheide ich dann im Laufe der Woche nach Lust und Laune (und selbstverständlich nach Kartenverfügbarkeit (oder eben nicht)).

Ist es eigentlich möglich, auch wenn das FilmFest schon begonnen hat, sich an einem bestimmten Kinostandort für alle weitere Vorstellungen, auch in anderen Kinos, Karten zu kaufen? Müsste ja wohl eigentlich, oder? Die Angaben im Programmheft waren im dem Punkt für mich leider nicht so ganz aussagekräftig… Naja, werd’s ja heute abend dann selbst sehen.

Du hast dir ja auch ein thematisch sehr spezielles Prg. ausgesucht. Nancy hatte ich auch auf dem Zettel, musste jedoch Planungsgründen weichen. Und To the End… soll die totale Schlachtplatte sein. Ich hoffe doch Du bist darauf vorbereitet?

Arghh…Spricht mich an, würde ich gerne schauen. Leider hab ich bereits Karten an den Terminen wo er als OmU läuft. Könnte natürlich riskieren die DF zu schauen, aber das möchte ich eigentlich nicht bei einem franz. Film dieser Art. Und Edit, WERDE ich auch nicht, gerade den deutschen Trailer geschaut. Meinst du der wird noch woanders gezeigt? Der Film ist bislang voll an mir vorbei gegangen. Hatte Cannes gar nicht verfolgt.

Du kannst dir natürlich jederzeit Karten im Levanthehaus kaufen, für alle Kinos und jeden Film, sofern noch verfügbar. :slightly_smiling_face:

Nur ganze kurzer Post, habe leider wenig Zeit, weil ich gleich noch was essen und danach dann auch schon wieder Richtung HH zum Filmeschauen aufbrechen muss:

Habe mir neben oben bereits auf geführten Filmen nun auch noch Karten für “We Are The Others” am Freitag abend sowie für den Abschlussfilm “Loro” am Samstag im grossen CineMaxx gesichert… heute werden dann vermutlich noch Tickets für “M” am Mittwoch (auch wenn’s mit dem Kinowechsel nach “Genesis” vermutlich arg knapp werden wird) sowie wohl auch für “Too Late To Die Young” am Freitag abend hinzukommen. Am späten gestrigen Nachmittag gab’s im Festivalzelt ja noch ein Gespräch von “SPIEGEL Online”-Redeakteurin Hannah Pilarczyk (deren reflektierte Einlassungen bei den Cannes-Audio-Podcasts von critic.de ich immer sehr interessant fand) mit der “M”(und auch “Clubbed To Death”)-Regissuerin Yolande Zauberman…wäre ich gerne mit dabei gewesen, hab’s aber zu spät gesehen, und wäre ohnehin mit meiner Zeitplanung (Nahrungsaufnahme a.k.a. Essen gehen plus rechtzeitiges Erreichen des Studio-Kinos) kollidiert.

Zu den bereits gesehenen Filmen werd’ ich dann heute abend nach meiner Rückkehr aus Hamburg wohl noch was schreiben, ansosnten spätestens morgen nachmittag.

Vorgestern gleich meinen ersten Tag mit dem Zukauf von Karten begonnen :grinning:
und Mirai gesehen, von Mamoru Hosoda. Genau, das ist der, der auch den fabelhaften DAS MÄDCHEN DAS DURCH DIE ZEIT SPRANG und das sehr unterhaltsame Sozial-Drama SUMMER WARS gemacht hat. Wie dort geht es auch in Mirai um Familienthemen. Ein kleiner Junge muss sich plötzlich damit abfinden das seine Eltern eine Tochter kriegen und er nun eine kleine Schwester hat und nicht mehr im Mittelpunkt steht. Wie wird er mit seiner Eifersucht fertig? Seltsame Begegnungen im Garten werden seine Gefühle verändern. So trifft er z.B. seine Mutter als Kind und seine Schwester aus der Zukunft, die nun schon groß ist…
Mit den oben genannten Werken kann es MIrai zwar nicht ganz aufnehmen aber wieder einmal ist Hosoda ein einfühlsamer, Herz erwärmender Film gelungen mit individuellen Charakteren. Er bedient sich für eine lange Bahnhof Sequenz dem Inhalt dienend eines abweichenden Animationsstils, was mir gut gefallen hat. Die Story wirkt durch die vielen kleinen Abenteuer des Jungen nicht ganz so kompakt und homogen wie die genannten Vorgänger, macht aber dennoch Spaß. Die Musik ist stark und das Main Theme hallte noch einen ganzen Tag in mir nach. Die Musik ist dann auch ausschlaggebend für meine Wertung von (knapp) 7 Punkten.

Der Beruf des Cutters scheint in einigen filmischen Kreisen noch unbekannt zu sein. Heute habe ich den quälend langen The WIld Pear Tree ertragen müssen. Von einem Regisseur namens Nuri Bilge Ceylan. 188 Minuten ellenlange Dialoge, die die Vorstellung in einen Leseabend verwandelt haben.
“Dem großen Seelenerzähler Nuri Bilge Ceylan gelingt in seinem neuen Film wieder eine faszinierende Melange aus Sprache und Bildern” lese ich im Prg. Heft. Aha. Stimmt ja auch…irgendwann zwischendurch mal. Z.B. als sich Hauptprotagonist Sinan, der gerade sein Studium beendet hat, Lehrer werden soll, aber eine große Karriere als Autor anstrebt, eine alte Liebe zufällig in der Natur trifft. Unter einem Baum tauschen sie sich über ihre Leben aus, erzählen wenig, befragen sich respektvoll, rauchen eine Zigarette…während die Bilder nach und nach das Erzählen übernehmen und die Natur ihre Geräusche dazu beisteuert. Erst ist es nur der Wind, der ein wenig aufdreht, das Haar der Protagonistin weht, dann die Blätter, die vom Wind lautstark bewegt werden und die Erinnerungen an früher zu transportieren scheinen. Mit dezenten Bildverschiebungen, Schärfenspiel und leichtem Herannahen der Kamera. Diese Szene aus der ersten Stunde des Films ist grandios. Nuri Ceylan lässt die Zeit für einen Moment verschwinden, Worte sind nur Impulsgeber, die Bilder übernehmen, erzeugen für einen kleinen Moment einen hypnotischen Sog bevor jemand gerufen und der Zuschauer wieder zurückgeholt wird. Es wird die letzte Szene dieser Art mit solch einer Wirkung sein, denn von nun an werden wir mit einer konstanten Zunahme an Dialogen konfrontiert. Von den Problemen und Fragen eines angehenden Schriftstellers über Familienangelegenheiten bis zu nicht enden wollenden Gesprächen über Gott und die Welt und Gott und die Welt und Gott und Gott und Gott und die Welt…Herrgott!!! Wie kann man nur so verkopft sein und ein Film dieser Länge mit so viel Dialog vollstopfen. Leider gibt es immer mehr Filme die sich nicht richtig vom Wort lösen können. Und ich hasse diesen Film dafür das er diese Richtung einschlägt, zumal Nuri Bilge Ceylan im gleichen Film beweist das er das anders, besser! kann. Nach ca. 80 Minuten habe ich langsam Kopfschmerzen bekommen, in der letzten Std. habe ich mir für 10 Minuten meine Jacke über den Kopf gezogen, weil ich sonst vermutlich laut in den Saal geschrien hätte. Während der Vorstellung sind übrigens 5 Leute gegangen. Sehe ich mal davon ab das der Film viel zu lang ist und von meiner Ansicht, das hier eine große inszenatorische Fehlentscheidung getroffen wurde, muss man dem Film einen charismatischen Hauptdarsteller bescheinigen, eine tolle Kamera, (lakonischen) Humor und feinen Witz und eigentlich überhaupt vieles worauf gute Filme bauen. Doch The Wild Pear Tree war leider größten Teils nervig und langweilig zugleich.

:joy:

Du weißt aber schon, dass man zum Vergnügen ins Kino geht? :wink:

Notfalls kann man auch gehen (mach ich aber nie, weil ich immer hoffe, es wird besser).

War der Film es letztendlich wert für dich, dass du so tapfer durchgehalten hast?

:sweat_smile: Ja, das vergesse ich manchmal. Gott sei Dank durfte ich heute arbeiten, am Abend muss ich dann wieder ins Kino :crazy_face:
Tatsächlich war ich nahe dran zu gehen gestern als genau zwei Leute gingen, die direkt neben mir saßen. Aber letztlich überwog meine Neugier und vor Allem die Hoffnung (wie du schon sagst) das es besser wird, bzw. das sich solch geniale Sequenz wie oben beschrieben noch wiederholt. Vielleicht gab es ja noch so eine Sequenz als ich meine Jacke über dem Kopf hatte :laughing: Es war mein erster Film von Ceylan (und für die nächste Zeit reicht mir das auch). Jetzt habe ich allerdings durchaus eine Vorstellung von dessen filmischen Ideen und seiner Herangehensweise. So gesehen hat es sich gelohnt. Tapfer ist tatsächlich eine gute Wortwahl.:relieved:

Zu Wild Pear Tree möchte ich fairerweise noch nachtragen das die Dialoge trotz Allem sehr gut vorgetragen und durchaus intelligent, wenngleich auch nicht allzu tief schürfend waren. Erstaunlich fand ich auch das der Film, soweit ich das wahrgenommen habe, mit nur einem Musikstück auskommt -eine klassische Symphonie-, die zuerst nur angespielt wurde und erst im Verlauf weitere Takte preisgegeben hat. Also ein sehr sparsamer Musik Einsatz.

@Umelbumel
Du bist doch ein Nuri Bilge Ceylan Kenner. Ist dies denn ein typischer Film von ihm? Versinken die alle so in Dialogen oder kannst du einen empfehlen der öfters noch die Magie der Bilder in den Fokus bringt, wie er es in der von mir beschriebenen Sequenz gemacht hat?

Also ich muss gestehen, dass ich Wild Pear Tree bisher mit Abstand am mühsamsten gefunden habe. Am Ende auf jeden Fall lohnenswert aber der Weg dahin war nicht einfach.

Ich fand meine bisher gesehenen Filme (Winterschlaf, Once upon a time in Anatolia, Uzak) von ihm alle etwas zugänglicher. Auch waren sie (meiner Erinnerung nach) wesentlich atmosphärischer und mit etwas weniger Dialogen gespickt. Bei Winterschlaf musste ich zum Beispiel sehr dringend auf Toilette, konnte aber die 3 Stunden über nicht gehen, weil ich jeden Moment unendlich spannend gefunden habe. Bei seinem letzten Film, hätte ich doch einige Passagen gefunden, bei den ich hätte gehen können. :wink:

Solch eine Antwort hatte ich mir ja insgeheim erhofft. Sollte sich die Gelegenheit mal bieten und mir ist danach schaue ich mir dann gerne mal einen anderen Film von ihm an. Vielleicht erst mal einen etwas kürzeren.

He he he…was Dir bei “The Wild Pear Tree” an Dialogen zuviel war, das hatte ich in " Las Hijas del Fuego" an Action zuviel…dort ging es nämlich handfest zur Sache…

…ich hatte dann nämlich irgendwie ja doch einen etwas anderen Film erwartet, als denjenigen, welchen ich dann im gut gefüllten Studio-Kino zu sehen bekam. Mehr Drama und Roadmovie, ja sicherlich auch mit explizit sexuellen Sequenzen, diese aber mehr so ab und an zwischendurch. Im Endeffekt waren dann gefühlt die Hälfte bis zwei Drittel der gut zweistündigen Laufzeit (vermutlich weitaus weniger, es fühlte sich aber länger an) aber doch sehr offenherzige Sexszenen, die kein Detail aussparten. Statt eines Dramas oder einer klaren Erzählung scheint es der Regisseurin tatsächlich nämlich vor Allem um eine Neudefiniton von (lesbisch-queerer) Pornographie vermittels einer ganz anderen Bildsprache als in der Mainstream-Hetreo-Pornographie (oder, for that part, auch dem schwulen Porno-Mainstream) zu gehen. Der Roadmovie-Anteil beschränkt sich dabei auf The Wizard Of Oz meets Shine Louise Houston, will meinen, (anfangs) drei Frauen fahren durch die rauh-zerklüftete Landschaft Patagoniens und sammeln unterwegs immer mehr und mehr andere weibliche Mitfahrerinnen auf, welche sie mal aus erkaltet-lieblosen Hetero-Ehen, mal vor dem Versauern in der Ödnis der argentinischen Provinz erretten, und haben dann Sex mit ihnen - mal zu zweit, mal zu dritt, oft alle miteinander / Jede mit Jeder, in Hotelzimmern, auf einem Kirchenaltar, in offener Landschaft, mit Dildos, Bonding, BDSM-Praxen, Flagellation, etc.pp. Hatte ich so nicht erwartet, hat mich aber auch nicht weiter gestört, bzw. fand ich es dann doch auch ganz interessant (nicht den Sex an sich, sondern die Art und Weise, wie er ins Bild gesetzt wurde). Während die heterosexistische und auch ein Gutteil der schwulen Mainstream-Pornographie sich ja darauf beschränken, den Körper zu fetischisieren, zu objektivieren, ihn (durch die Setzung des Bildkaders auf bestimmte, meist primär-genitale Körperteile) in Stücke zu zerschneiden, und die Protagonist_Innen damit ihrer eigene Lust zu berauben und´ganz dem Blick und Begehren des_der Zuschauenden unterzuordnen, ging es den Töchtern des Feuers dagegen um eine radikale Re-Subjektivierung der Handelnden, um das Anerkennen und Beibehalten ihrer je eigenen Lust / Lüste, um ein polyamouröses, nicht patriarchal-sexistisches Begehren, ein Öffnen von ver- und beengenden Darstellungsformen und ein Erweitern von Möglichkeiten, ein Neu-Denken von Weiblichkeit und ihrer Lust. Das klappte mal mehr, mal weniger gut, wobei es neben den ständigen Sexszenen auch mehrere künstlerische Einschübe gab (in Art von alten Schwarzweiss-Aufnahmen, in denen junge Frauen durch den Dschungel streiften, oder Doppelbelichtungen mit neonrot verfärbten Quallen, die über die Leinwand schweben, während im Hintergrund weibliche Genitalien stimuliert werden). Am für mich persönlich Interessantesten war allerdings das Voice Over einer der Haupt-Protagonistinnen, die (im Film) einen queeren Porno drehen wollte, und deren poetisch-sinnliche Prosa mich teilweise sehr an Monique Wittig’s “Le corps lesbien” (eines der radikalsten, kompromisslosesten, brutal-leidenschaftlichsten Bücher, die ich je gelesen habe) erinnerte - diese gesprochenen Sätze waren so zum Bersten übervoll mit Ideen, Geistesblitzen und radikal-herausfordenden Gedanken, dass ich sie beim ersten Sehen / Zuhören garnicht alle aufnehmen / weiterdenken konnte, und ich den Film deshalb (und sicherlich nicht wegen der Sexszenen, auch wenn das jetzt vielleicht niemand glauben mag) noch mehrere Male sehen muss. Queertopia, sicher - aber gerade auch deshalb dann doch sehr interessant und unbedingt sehenswert. Direkt vor dem Film wurde uns vom Kurator der Sektion übrigens das Filmende als das “sicherlich mit Abstand beste Ende des ganzen Filmfests” angepriesen - naja. Die letzte Sequenz bestand aussschliesslich darin, dass man einer jungen Frau mit nacktem Unterkörper und weit gespreizten Beinen minutenlang dabei zusehen darf, wie sie ihr Kätzchen rubbelt, will meinen, mit steigender Erregung vor sich hinmasturbiert. Machte im Kontext des Films schon Sinn, irgendwie fand ich den Kommentar des Filmfest-Menschen, zumal im einem eher jovial-belustigt-herablassenden Tonfall und in Anbetracht der Tatsache, dass es sich um einen schon älteren Cis-Mann handelte, im Nachhinein dann aber doch eher unpassend bis ärgerlich. Diverse walk outs gab’s übrigens auch - ich schätze mal, so zehn bis zwölf Leute dürften den ach so tollen Schluss nicht mehr mitbekommen haben…

Ach ja - während der gesamten Laufzeit lief direkt nebenan auf dem Hinterhof der Bernsteinbar eine Techno-oder Reggae-Open-Air-Fete (“Viva La Bernie” war das Motto des Abends), sodass zum Einen der Zugang zum Kino, wenn man aus Richtung Buslinie 3 / Neuer Pferdemarkt kam, sich eher schwierig gestaltete, weil die Menschenmenge die gesamte Strasse blockierte, und wir zum Anderen über die gesamte Laufzeit das Dröhnen der noch deutlich vernehmbaren Beats ertragen mussten - zu Anfang empfand ich das als eher störend, später dann hat sich das aber ganz gut dem Rythmus und dem flow des Films angepasst.

Ich mach’ hier erstmal eine kurze Pause und schreib’ dann gleich entweder per Nach-Editier-Funktion oder in einem neuen Post nochmal was zu “Nervous Translation” und “We The Animals”.

Neuer Post - ich denke mal, das macht mehr Sinn, als meinem obigen Endlos-Geschreibsel noch mehr Bleiwüste hinzufügen zu wollen… :wink:

Mit (dem nicht allzu gut besuchten) “Nervous Translation” sah ich schon den zweiten phillipinischen Film innerhalb von gut neun Tagen… Edit: muss leider unerwartet schnell nochmal weg, schreibe dann morgen weiter…

Wer dieses Jahr nur Zeit für einen Film auf dem FFHH hat, darf sich Butterflies nicht entgehen lassen. Nach dem Debut IVY von 2015 hatte ich gewusst, gehofft, geahnt das es sich lohnt sich diesen Namen zu merken: TOLGA KARACELIK heißt der Regisseur, dessen zweiter Langfilm im ausverkauften Cinemaxx tosenden Applaus bekam. Und in seinem neuen Film beweist der überaus sympathische und offensichtlich talentierte Filmemacher sein tiefes Verständnis für die Komplexität menschlicher Emotionen.
Butterflies gleicht zuweilen einer emotionalen Achterbahnfahrt und entpuppt sich als bissige schwarze Komödie in der für den Zuschauer Lachen und Weinen sehr nah beieinander liegen und nicht selten zeitgleich auftreten. Der Film erforscht die Gefühle und das Selbstbild des Individuums vor der Begegnung und dem Umgang mit der Familie. Er hinterfragt die Bedeutung von Erinnerungen und untersucht den Einfluss unserer Vorstellungen und Ideen auf unser Weltbild und unsere Taten. Und das alles tut er ganz nebenbei. Direkt aus dem Leben. Kleinere, sehr seltene inszenatorische Einbrüche boten Zeit zum Verschnaufen. Temporeich, dynamisch, emotional, ehrlich. Top! :joy: 9/10 Punkten für das Gesamtpaket inkl. Q & A
Das anschließende Q & A war kurz. Hauptdarstellerin Tugce Altug und Tolga Karacelik waren anwesend und bestens gelaunt. 19 Tage hat die Produktion aus Budget Gründen nur gedauert. Was macht der Mann nur wenn man ihm Zeit und ordentlich Kohle in die Hand drückt? Das hier war schon in Meisterschaft Reichweite. Ich konnte mich sogar nach dem Q&A kurz mit ihm unterhalten. Als Autorenfilmer schreibt er die Drehbücher selbst und hat noch einige Ideen für die Zukunft. Genaueres dazu wollte er noch nicht sagen. Ich freue mich jetzt schon auf mehr. Auf die komplette Unterschiedlichkeit seiner beiden Filme angesprochen, sagte er, das er gerne etwas total Neues macht, wenn eine Sache abgeschlossen ist. Ich sehe darin Vielseitigkeit. Morgen, also am 03.10. wird der Film im Metropolis Kino wiederholt. Nicht verpassen!

@Umelbumel @die_Lachsschaumspeise
Wenn Ihr Zeit habt geht ins Metropolis heute. 16Uhr30 Butterflies ! :boom:

Nachdem du ihn mir so schmackhaft gemacht hast, werde ich wohl heute hingehen ins Metropolis. Die Neugierde ist zu groß und mein alternativ geplanter Kinobesuch kann warten.

Für mich sind es dieses Jahr übrigens nur drei Filme auf dem Filmfest Hamburg. Loro steht noch aus, aber wer mag kann hier meine Meinung zu Film 1 und 2 lesen:

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Die Vorstellung war ausverkauft. Ich hoffe ihr habt es geschafft.

Ich war vor Ort und hatte seit Jahren erst das zweite “es gibt keine Karten mehr” Erlebnis. Nicht ganz unerwartet nach deinem Lob aber doch ungewöhnlich fürs Metropolis. Ich muss ihn dann wohl im Heimkino nachholen, falls irgendwann möglich.

Leto kam wirklich wie angekündigt beschwingt und leicht daher. In s/w zeichnet er ein Bild der Underground Rock Szene von Leningrad während der frühen 80er, noch vor den revolutionären Veränderungen Perestroika und Glasnost. Unbändige Lebensfreude und Leidenschaft stehen der verzweifelten Suche nach einer eigenen und vor Allem frei und legal gelebten Identität gegenüber. Die Idole des Westens wie die Beatles, Lou Reed oder David Bowie werden so verehrt das bekannte Poster und Cover Motive nachgezeichnet und heimlich verkauft werden, während man in der Natur auf Akkustik Gitarren nach dem eigenen musikalischen Ausdruck sucht. Zwischen Rock und Folk gibt es Underground Konzerte wo es schon eine kleine Revolution ist wenn sich die Besucher von ihren Stühlen erheben. Die Kompositionen gehen sehr zu Herzen. Der ganze Film hat viel Seele und einen authentisch aufspielenden Cast. Im Mittelpunkt steht ein junges Paar mit Kind, welches an einem der Abende am Meer den Musiker Viktor kennen lernt. Es gab drei Musical Einlagen, die mir stilistisch nicht zusagten, weil in die Bilder Linien, Kringel u.ä. gezeichnet wurden. Die Ränder der Figuren bekamen dann ein weißes Leuchten. Insgesamt aber sehens- und absolut hörenswert. Der Soundtrack steht auf Spotify aber es ist vermutlich sinnvoller und spaßiger wenn man die Songs zuerst im Zusammenhang mit den Bildern hört. 7,5/10

Voran gab es drei Preisverleihungen im Cinemaxx 1 mit Pipapo…Bürgermeister, Festivalleiter usw. alle da. Ist ja echt mega langweilig so eine Preisverleihung. :sleeping: Dafür war der Film toll.

A Balkan Noir ist ein Rachetthriller in schwedisch und serbisch erzählt und der zweite Langfilm von Drazen Kuljanin. In kurzen 74 Minuten und 20 Kapiteln verfolgen wir Nina die vor einigen Jahren ihre Tochter während eines Urlaubs durch ein Verbrechen verloren hat. Ihr Mann hat hat einen Weg gefunden damit klar zu kommen, während sie ihren Schmerz mit Alkohol, Zigaretten und dem Verlangen nach Rache an dem Schuldigen ertränkt. Sie begibt sich auf die Suche nach ihm…

Es war keine gute Idee nach BUTTERFLIES noch einen Film zu sehen, egal welchen. Somit hatte dieser Rachethriller es besonders schwer bei mir. Großartig ist er leider ohnehin nicht geworden trotz einfallsreicher Struktur. Die Kapitel entsprechen in ihrer Länge ca. einer Zigarettenlänge. Der Zuschauer kann sich also sicher sein, das hier unglaublich viel geraucht wird.:smoking: Zwischen den Kapiteln hat Regisseur Kuljanin kurze Lucky Strike Werbeclips aus den 50er Jahren eingebaut. Aus heutiger Sicht kaum zu glauben welche Gesellschaftsschichten damals so schamlos Werbung dafür gemacht haben. Erheiternd z.B. die Werbung von Ärzten für Lucky Strike. “Doctors smoke Lucky Strike” erzählt uns da ein Mann im weißen Kittel. Lol. Im anschließenden Q & A kam der Hinweis das es dafür leider heutzutage kein Geld mehr von den Tabak Firmen gebe. Gut ist auch die Musik zum Film. Mit 20000 Euro ziemlich Low Budget wurde z.B. eine serbische Band gefragt ob sich nicht Lust hätten einen bekannten ABBA Song einzuspielen. So wurden dann kurz mal die zu hohen GEMA? Kosten gespart und ein simpler Cover Song gespielt. Überhaupt ist die Musik ganz atmosphärisch. Leider fehlt es A Balkan Noir an dem was ich für einen Rachethriller quasi für das Wichtigste halte: Spannung. Man beobachtet das Geschehen zwar einigermaßen interessiert, doch letztlich ohne mit irgendetwas oder jemanden mitzufiebern. Von den Schauspielern kam auch bloß eine gerade mal durchschnittliche Performance. Charismatik und eine gewisse Sympathie möchte ich der Hauptdarstellerin aber nicht absprechen. Johannes Kuhnke aus Höhere Gewalt-Force Majeure-Turist, fällt ebenfalls nicht durch großartige Leistungen auf, und er sorgte im folgenden Q & A durch sein abweisend, unsympathisches Verhalten gewiss nicht für Sympathie beim Publikum. Anders der Regisseur, der uns gerne einiges zur Produktion erzählt hat. Eine Dame aus dem Publikum wollte wissen ob die Kamera (teils shaky Handkamera) so gewollt war oder ob es sich dabei um einen technischen Fehler gehandelt hat :laughing: Er meinte er würde die Frage an seine Kamerafrau weiterleiten. Insgesamt durchschnittliche 5,5 Punkte für mich.

Nach lumpigen drei Stunden Schlaf infolge gestrigen spätabendlichen Kinobesuchs und anschliessender später Heimfahrt in Verbindung mit extremem Frühaufstehen-Müssen bin ich heute leider zu groggy, um irgendwas Konstruktives zu meinen Filmfest-HH-picks verfassen zu können (ich bin aber zuversichtlich, dass sich das im Laufe der Woche bis spätestens Sonntag nachmittag noch ändern wird), möchte aber dennoch kurz auf folgende zwei nicht ganz uninteressante Umstände hinweisen:

Zum Einen läuft der gerade eben erst beim Filmfest gescreened-te Dokustreifen “Bernd - Bilder eines angekündigten Todes” in der Nacht von heute auf morgen zur grauslich späten (Ver-)Sendezeit von 0:00 Uhr im NDR-Fernsehen und ist auch noch eine gute Woche hier in der Mediathek abrufbar, und zum Anderen gibt’s hier auf critic.de noch eine Kritik zum neuen Yorgos Lanthimos-Historiendrama “The Favourite” zu lesen.