In Hamburg, und damit auch insgesamt, denn wir waren heuer ja das bummelige Schlusslicht, sind die diesjährigen White Nights nun auch Geschichte… Es waren für mich selbst die gleich in mehrerer Hinsicht „weissesten“ White Nights - Nicht nur, was den Schnee anbelangte, sondern hatte auch ich selbst - meiner chronischen und am vergangenen Wochenende ganz besonders schlimmen Schlaflosigkeit sei Dank - das, was die frenchies so schön „nuits blanches“, also schlaflose Nächte, nennen. 5 1/2 Stunden Schlaf wären sogar für eine Nacht wenig, sind aber summa summarum die Gesamt-Zeit, welche ich von Freitag nacht bis einschliesslich jetzt im horizontalen Ruhezustand verbrachte. Unmengen an Kaffee sei Dank, hab’ ich aber dennoch gut durchgehalten, und war nur bei einem gestern ausser Konkurrenz gelaufenen Film etwas abgeschlafft - was zu jenem Film aber auch schon wieder perfekt passte. Interessanter Weise waren alle drei am Sonntag gesehenen Streifen gleichzeitig dann auch die Besten Filme des gesamten Wochenendes (was ich so auch nicht erwartet hätte). Und - ein putziger Zufall - hatten alle drei movies zudem auch noch ein und dasselbe übergeordnete Thema, nämlich „Vaterschaft“. Was jeder von ihnen aber ganz anders ausbuchstabierte, narrativ so verschieden wie nur vorstellbar schilderte, und auch emotional äusserst unterschiedlich auslotete.
Do The Zombie Dance
Als ich den Trailer zum koreanischen Box office-Mega-Erfolg „My Daughter Is A Zombie“ sah, war mir gleich klar: Den werd’ ich mir geben. Typisch koreanische sentimentale Überbetonung hin, kitschig-emotionale Gefühlsduselei sowie klamaukig-überdrehte Albernheit her. Irgendwas hatte der an sich, was mich gleich angesprochen hat. Nachdem dann aber so dermaßen Viele hier im Forum dem Film nicht mehr als leidlich gelungene, und gerade mal so eben erträgliche Familien-Unterhaltung bescheinigten, und dass da sonst aber nicht viel dran sei, sah ich meine Vorfreude dann doch ein klein wenig gedämpft… Wofür es aber absolut gar keinen Anlass gab: „My Daughter is A Zombie“ spielt souverän auf der Klaviatur der Gefühle, wie es so gelungen wohl auch nur die Koreaner:Innen können, packt immer gleich die ganz GROSSEN Emotionen aus (was gelegentlich schonmal des Guten zuviel sein kann), ist ein Wechselbad aus Lachen, ungläubigem Staunen, berührend-verzaubertem Hingerissensein, klebrig-überzuckertem Kitsch, und ergriffen-rührseligem Weinen… und dass ich mir für sowas nicht und niemals nie zu schade war, und bin, das muss ich, glaube ich, hier an dieser Stelle nicht noch einmal betonen. Ja, die quietschig-übertriebenen jokes sitzen oft nicht wirklich, und verpuffen so manches Mal etwas sinnlos, nein, auch hier kann es der absurden Übertreibung und dem ungesunden Übermaß an Gefühligkeit nie genug sein - Aber hey, ist mir das aber mal sowas von egal, wenn mich ein Streifen so dermaßen mitnimmt auf eine turbulent-traumhafte Achterbahnfahrt von vielfältigen Empfindungen, Stimmungen und Impressionen. Mag es auch noch so knallig bonbonfarben angepinselt sein, und vorhersehbar kalkuliert auf die Tränendrüse drücken: Und wenn schon! Solange dabei so eine Wundertüte wie die tanzversessene, Churro-fressende Untoten-Tochter herauskommt, kann und will ich mich nicht beschweren. Zumal der Film unter all seiner glitzer-goldfolierten Oberfläche ja durchaus auch etwas zu sagen hat, über Vaterschaft, und wie es sich manchmal anfühlt, ein Kind mit disability issues aufzuziehen. Auch die Nebencharaktere, von der versoffen-resoluten Kampfsport-Oma, über den gutherzig-besten Freund, bis hin zur alten Flamme mit Zombie-Hass, und dem kaltherzig-grausamen Antagonisten, sind nicht viel mehr als allerübelste Stereotypen und wandelnde Klischees. Aber auch das störte mich eigentlich kaum, weil der Streifen das Herz eben so unübersehbar liebevoll auf dem rechten Fleck hat. Das Einzige, was mir hier wirklich ab und an gewaltig auf die Nerven ging, war der zu oft zu offensichtlich computer-animierte Garfield-Verschnitt. Guckt Ihr mal ruhig Euren Heiligen Buben, der es nach hintenraus ganz gewaltig verkackt, und sein Ende nicht gewuppt kriegt… Ich bleib’ derweil gerne bei der nettesten Untoten-Beschützer:Innen-Patchwork-Ersatz-Familie. Für mich der zweitbeste Film der diesjährigen Winter-Edition.
„Can you wait for me a little bit longer, Daddy?“ …Solange Du willst, Soo-Ah!
Cutting up chicken and giving up one’s own head for the production of pencil-tip erasers
Ich bin dann - weil ich weder Bock auf „Shelby Oaks“ und „Deathgasm:Goremageddon“, noch auf langes Warten hatte, bis es mit dem türkischen Kaffeetischlein endlich weitergeht - den White Nights „fremd gegangen“, und einmal quer durch die City und den Hafen bis zur Feldstrasse gefahren, und habe das „Studio“-Kino besucht, um mir David Lynchs „Eraserhead“ schlappe 33 Jahre nach der Erstsichtung anno 1992 auch mal wieder im Kino zu geben. Und war während der Vorführung doch reichlich ermattet, und musste beständig gegen die eigene Übermüdung ankämpfen… was gerade für diesen Film natürlich das genau richtige mindset, und die passende eigene Verfassung war. Denn durch den permanenten Schlafmangel befand ich mich beinahe schon in einer Art trancehafter Aufgelöstheit, und hatte rational-analytisch betrachtet nichts, aber auch gar nichts mehr aufzubieten und dem verunsichernd-verwirrenden Surrealismus von Lynchs Meisterwerk entgegenzusetzen. Sodass die Bilder, Stimmungen und Tableaus quasi ohne Umwege direkt den Weg ins eigene Unterbewusste fanden… und dort noch eine ganze Weile herumspuken, und mir im Verlauf der nächsten Tage noch das eine oder andere Mal zu schaffen machen werden. Eine exzeptionell weirde Sichtung, während der ich stellenweise beinahe schon zu halluzinieren begann, sich die Schatten des Filmbildes mit der Dunkelheit des Kinosaals vermischten, das Eine fliessend ins Andere überging, und ich mich selbst schon in einem Uterus aus tiefer Schwärze, unterfrequenten Brumm- und Summ-Tönen, und bizarrer Nachtmahr-Szenerien wähnte. Das Anschauen von „Eraserhead“ ist gewiss eine der aussergewöhnlichsten, beeindruckendsten und tiefgehend nachwirkendsten Erfahrungen, welche mensch im Kinosaal überhaupt machen kann. Nach der Vorstellung diskutierte noch eine Gruppe von Anfang-Zwanziger:Innen, die allesamt von einem jungen Mann anlässlich seines Geburtstags zum Kinobesuch eingeladen worden waren, angeregt-ahnungslos über das eben gerade Gesehene. Ich beteiligte mich mit meinen eigenen Deutungen und Gedanken auch kurz am Gespräch, und riet dem Geburtskind (nach dessen Aussage das Hauptanliegen des Film sei, dass man sich „für die Dauer von eineinhalb Stunden möglichst unwohl fühlen“ solle), beim nächsten eventuellen Geburtstags-Event, wenn er das mit dem Unwohlsein noch toppen wolle, dann doch in trauter Runde gemeinsam Żuławskis „Possession“ anzusehen. 
So finster die Kaffeetisch-Schlacht
Danach stand dann mit Can Evrenols finster-schwarzhumoriger, grotesk-grenzdebiler Sozial-Komödie „The Turkish Coffee Table“ doch tatsächlich schon der allerletzte FWN-Film für dieses Jahr auf dem Spielplan… Und wo es am Abend zuvor noch geheissen hatte, dass die Rosebud-dies sich den mit Abstand allerschlechtesten Film für den Spätabend-slot aufgehoben hatten, so hiess es nun stattdessen: „Save the best for last!“ Denn der allerbeste Film dieser White Nights, das war Evrenols kaum auszuhaltendes, zwischen Farce, Satire und Karikatur pendelndes Meisterwerk in der Tat. Und wenn man schon vorher weiss, auf welcher absurd-aberwitzigen Grund-„Idee“ dieses bittere, grausam-gemeine Spott-Stück beruht, dann sind alle die Anspielungen, die schon vor dem Eintreten der absoluten Katastrophe gemacht werden, natürlich nochmal weniger erträglich, und kaum auszuhalten. Und sobald der frischgebackene Familienvater Ibrahim, der von seiner Ehefrau Zehra immer nur bevormundet wird, und sich unfähig sieht, seine inneren Konflikte vernünftig-verbal mit ihr auszutragen, sich das eine und einzige Mal gegen ihren Willen durchgesetzt, und das potthässliche Glas-Kaffeetischlein im Wohnzimmer der gemeinsamen Mehr-Etagen-Wohnung aufgebaut hat, und sich ereignet, was sich eben ereignen muss, da weiss man dann kaum noch, wie Einer:Einem geschieht. Man möchte, nein, man muss lachen, um diesen übermächtig-niederpressenden Druck abzubauen - Aber man kann nicht lachen. Sieht sich ausserstande, ein ebensolches, für gewöhnlich ja auch befreiend-karthatisch wirkendes Lachen erklingen zu lassen. Dafür ist das Geschehene einfach zu fundamental alles Andere ausser Kraft setzend. Und gelingt Evrenols Film sein perfidester Schachzug: Für die restliche Dauer seiner Laufzeit sind wir mit Ibrahim zusammen dazu verdammt, all das, was sich um ihn herum ereignet - Wie seine Ehefrau heimkommt, und Essen zubereitet, der Besuch seines Bruders und dessen Freundin, die Quengeleien der in ihn verliebten Nachbarstochter, und und und - zu ertragen, und auszuhalten. Immer in dem geheimen Wissen, dass durch das Vorher sich zugetragen Habende all dies längst schon hinfällige Makulatur, rein vergebliche Fassade, nurmehr blosse hohl gewordene Simulation eines irgend „normalen“ Lebens geworden ist. Und, da muss ich @splattercheffe mal wieder uneingeschränkt Recht geben - die Art und Weise, wie Hauptdarsteller Alper Kul diese innere Erstarrung, dieses allmähliche eigene Absterben mit leichenblasser Miene, mit versteinerten Gesichtszügen und leerem Blick nicht nur einfach darstellt, sondern wortwörtlich verkörpert, wie er dennoch immer noch eine Art Rest-Fassade aufrecht erhält, obwohl das, was durch seine Unachtsamkeit und Verschulden sich zugetragen hat, doch nie mehr gut zu machen oder aus der Welt zu schaffen sein wird, das ist unfassbar kongeniale Schauspielkunst auf wirklich allerhöchstem Niveau! Jetzt schon ein contender für’s achievement in acting in a main role meiner persönlichen Bestenliste! Und der Film als solcher eine bitterböse, schwer erträgliche und tonnenschwere Bestandsaufnahme einer eigenen innerlichen Höllenfahrt, wie man sie so noch nicht gesehen hat - höchstens im spanischen Original, das ich aber bislang nicht kenne. Ein unverdaulich schwerer Brocken, der noch lange im Magen liegt, und in Gedanken bleibt.
Und die Moral von der Geschicht’: Potthässlich-unnütze Glas-Dekors, die kauft man nicht!
Somit ergibt sich für meine eigene persönliche FWN 2026-Besten-Liste folgendes Bild:
Es waren wieder mal schöne, aber viel zu schnell rum gegangene White Nights… Der Frühling kann nun gerne auch mal kommen, und damit dann auch hoffentlich ein Wiedersehen zur Mitte des April, wenn uns die FantasyFilmFest Nights (ohne „White“, hoffentlich auch ohne Schnee, und mit mehr Schlaf für mich) ins Haus stehen. Bis dahin: Macht’s gut, guckt mir nur halbwegs gute, bis hervorragende Filme, und bleibt Platin, oder Gold, oder was immer Ihr auch sein wollt!