In the Name of the Son

Hallo!

Ich konnte den Film wegen einer
Erkältung nicht sehen, kenne aber die Beschreibung und die Q&A und habe auch einige Reviews gelesen.

Mich würde interessieren, wie Ihr über folgende Aspekte denkt:

Dient der Film der Aufklärung über die in der Tat abscheulichen Mißbrauchsfälle durch einige Priester und die langjährige Vertuschung seitens einiger Bischöfe, oder wird die kath. Kirche insgesamt als Feindbild dargestellt?
Ist der Inhalt realistisch? Ich weiß z.B. genau, daß es innerhalb der Kirche keine paramilitärischen Kampftruppen gegen den Islam gibt.Möglicherweise gibt es derartige Laienorganisationen, die aber keine kirchliche Genehmigung haben.
Daß ein Priester bei einer Familie einzieht, gibt es in der Realität auch nicht.
Werden die Ursachen für den sexuellen Mißbrauch an jungen Menschen aufgezeigt?
Warum werden nicht auch die schrecklichen Mißbräuche, die sich in der Odenwaldschule ereignet haben, erwähnt?
Ist es angemessen, solch ein ernstes Thema in einem teilweise lustigen Film zu verarbeiten?

Viele Grüße,

Sinfonietta

Es handelt sich hierbei um keinen deutschen Film, sondern um einen belgischen. Ich vermute mal, dass das schon einige Fragen beantwortet :slight_smile: .

Die Odenwaldschule wird genau so wenig erwähnt wie andere real existierende Einrichtungen, weil der Film nur fiktive Missbrauchsfälle aufgreift. Alles andere wäre wohl auch fehl am Platz, weil die Geschichte komplett erfunden ist.

Es scheint zumindest im Ausland tatsächlich solche militanten Organisationen zu geben, denn der Regisseur erwähnte meine ich im Interview, dass genau die ihn zu dem Film inspiriert haben (bestimmt wissen das andere genauer, ich habe ihn ja nicht live gehört). Im Film scheint die Kirche das selber übrigens auch lieber zu verheimlichen. Deshalb würde ich nicht ausschließen, dass es so etwas sogar in Deutschlands gibt. Bei den vielen Organisationen, die teilweise oder komplett von der Kirche untertützt werden, ist es doch schwer, den Überblick zu behalten.

Dass Priester bei einer Familie einziehen, ist finde nicht so ungewöhnlich, schließlich ist er nur ein Untermieter wie jeder andere Mensch auch. Nur mit dem Unterschied, dass er wohl keine Miete zahlen muss, weil die fromme Familie die Kirche unterstützen möchte :wink: .

Dass der Film zu lustig für das ernste Thema ist, fand ich nicht. Er verzichtet auf Slapstick-Humor und ehrlich gesagt musste ich gar nicht lachen. Naja, er hat mir ja auch insgesamt nicht gefallen… aber auch bei denen, denen er gefallen hat, hatte ich überhaupt nicht das Gefühl, dass das gelegentliche Lachen einer Verharmlosung gleichkommt. Bereits Charlie Chaplin hat sich schließlich über Hitler lustig gemacht, und das in einer sehr viel slapstickhafteren Art. Manchmal muss man etwas Grauenhaftes auf diese Weise darstellen. Gelacht werden darf finde ich grundsätzlich über alles, solange das Thema mit Fingerspitzengefühl behandelt wird und am Ende nicht über die Opfer gelacht wird.

Was das “Feindbild” angeht: Ich habe den Film so verstanden, dass es zwar in erster Linie um die Vertuschung der Missbrauchsfälle geht, aber als die zuvor tiefgläubige Mutter erst einmal die Kirche zu hinterfragen beginnt, beginnt sie auch an anderem zu zweifeln. Glauben die Geistlichen wirklich, was sie da erzählen? Wieso verurteilen sie Homoxualität, obwohl sie den Sohn selber dazu ermutigt haben? Und zuletzt: Gibt es überhaupt einen Gott? Der Film geht also weiter, als sich nur auf das Missbrauchsthema zu beschränken. Er ermutigt dazu, selber zu denken, anstatt einer unbewiesenen höheren Macht oder einer scheinheiligen Institution blind zu folgen.

[ Diese Nachricht wurde bearbeitet von: Zwerg-im-Bikini am 13.09.2013 20:59 ]

Nach allem, was ich gehört habe, stammt der größte Teil der Texte, den die “Geistlichen” in diesem Film von sich geben, aus realen Verlautbarungen der katholischen Kirche bzw. ihrer Vertreter. Wenn hier also irgendetwas bitter, zynisch, übertrieben, unglaubwürdig krank wirkt – dann ist das eben leider nur ein Spiegel der Realität; die unglaublichen Szenen/Dialoge des Films ein reines Zeugnis dessen, was die organisierte Religion heute nun mal auszumachen scheint (sofern das so stimmt).

“Lustig” ist der Film genau deshalb auch überhaupt nicht, eher traurig.
Jedes Lachen hier ist nur ein schockiertes; aber das stellt sich beim Thema Religion nun mal fast automatisch ein.

Am 13.09.2013 20:50 , Zwerg-im-Bikini schrieb:

Es scheint zumindest im Ausland tatsächlich solche militanten Organisationen zu geben, denn der Regisseur erwähnte meine ich im Interview, dass genau die ihn zu dem Film inspiriert haben (bestimmt wissen das andere genauer, ich habe ihn ja nicht live gehört). Im Film scheint die Kirche das selber übrigens auch lieber zu verheimlichen. Deshalb würde ich nicht ausschließen, dass es so etwas sogar in Deutschlands gibt.

Ja, das hat er gesagt im Q&A. Und wenn ich mich noch recht erinnere hat er auch dein nicht Auszuschliessendes durchaus nicht abgewiesen.

Ansonsten erwartet der Fragesteller in meinen Augen definitiv zu viel von diesem Film, denn ich wuerde nahezu jede Frage mit Nein beantworten und mich den Nachrednern anschliessen.

Sid, der es selbst am Ende noch nicht wirklich geschafft hatte, die Untertitel von unten nach oben zu lesen :grin:

Antwort zu: Mich würde interessieren, wie Ihr über folgende Aspekte denkt:

Dient der Film der Aufklärung über die in der Tat abscheulichen Mißbrauchsfälle durch einige Priester und die langjährige Vertuschung seitens einiger Bischöfe, oder wird die kath. Kirche insgesamt als Feindbild dargestellt?

Ich finde, der Film dient nicht der Aufklärung über die Mißbrauchsfälle, der Film holt eher insgesamt gegen die Kirche und deren Vertuschungsmaßnahmen (die sich ja nicht nur auf Mißbrauchsfälle beschränken) aus.

Ist der Inhalt realistisch? Ich weiß z.B. genau, daß es innerhalb der Kirche keine paramilitärischen Kampftruppen gegen den Islam gibt.Möglicherweise gibt es derartige Laienorganisationen, die aber keine kirchliche Genehmigung haben.

Ich finde schon, dass es mehr oder weniger realistisch ist, es gibt ja innerhalb der Kirche auch radikalere Organisationen, die zwar offiziell nicht anerkannt sind, aber geduldet werden - und was so alles im Hintergrund passiert, wird einem nicht auf die Nase gebunden bzw. vertuscht.

Daß ein Priester bei einer Familie einzieht, gibt es in der Realität auch nicht.
Vielleicht nicht in Deutschland, da hier der Pfarrer oder Priester ja eine Dienstwohnung hat und ein weiterer Priester dann ja bei diesem Pfarrer unterkommen würde.

Werden die Ursachen für den sexuellen Mißbrauch an jungen Menschen aufgezeigt?
Nein

Warum werden nicht auch die schrecklichen Mißbräuche, die sich in der Odenwaldschule ereignet haben, erwähnt?
Es ist ein belgischer Film, der sich nur mit der Kirche beschäftigt, die Belgier haben ja durchaus ihre eigene Geschichte, was Mißbrauch anbelangt, diese spielen aber in diesem Film keine Rolle.

Ist es angemessen, solch ein ernstes Thema in einem teilweise lustigen Film zu verarbeiten?
Die “Lustigkeit” dieses Films liegt eher darin, dass man ob der Szenen und Dialoge, die einem geboten werden, vor Schreck lacht.

Mir gefiel die Wandlung der Mutter, allerdings finde ich es immer bedenklich, wenn ein einzelner Rache übt. Lustig fand ich den Film nicht. Es geht m. M. nach zwar auch um Mißbrauch in diesem Film, aber auch um militante Organisationen / militante Christen innerhalb der Kirche, wie sich die Kirche rausredet und um Homosexualität. Es ist also kein Film, der sich nur auf Mißbrauch beschränkt.

[ Diese Nachricht wurde bearbeitet von: Michaela am 15.09.2013 13:18 ]

Ich fand die Herangehensweise des Films durchaus realistisch in dem Sinne, daß alle einzelnen Elemente so sehr wohl passieren können und wohl auch schon passiert sind (okay, die paramilitärische Sache genau so vielleicht nicht, aber der Rest). In dieser Häufung kann man es natürlich als eher unrealistisch betrachten, aber es ist ja auch die Aufgabe solcher in gewisser Hinsicht selbst “missionarischer” Filme, etwas zu überspitzen, um die Botschaft, das “Aufrütteln wollen” rüberzubringen. Es ist aber keinesfalls eine reine Hetz-Polemik, sondern stets in der Realität verankert. Und die Lacher, wie ja auch schon von anderen hier angedeutet, fallen eindeutig in die Kategorie “Lachen vor Fassungslosigkeit”, es wird sich aber in keiner Weise über die Beteiligten lustig gemacht.

Elisabeths Wandlung ist angesichts dessen, was ihr alles widerfährt, absolut nachvollziehbar geschildert, was ich als sehr angenehm empfand. Entsprechend fand ich “In the Name of Son” insgesamt gut, wenngleich das Ende auf mich etwas ratlos wirkte - was aber irgendwo auch ganz gut zur Thematik paßt …

Ich bin zwar ein schon fast fanatischer Fan von schwarzem Humor … aber dass der Film teilweisee als Komödie gehandelt wurde, kann ich nicht nachvollziehen. … klar gab es einige Lacher …
mein Sohn hat sich auch nach der Vorstellung mit Vincent Lannoo unterhalten, doch dazu müsste er selber posten … :wink:
ganz toll gemacht finde ich den Charakter des Priesters, der doch jedem als der allertypischste Kinderverderber erscheint … was allerdings als Lacher bei seinem einsamen Gesang anfängt… das einen immer trauriger macht … bis zu dem Punkt … dass er doch gar keiner ist … der Film geht für mich sehr viel tiefer … ist die suche nach zuwendung, auch körperlicher Umarmung, nach Nähe … schon ein missbrauch? … es hat zumindest mehr als zwei leben zerstört … Elisabeths Feldzug hat auch alle Sympathie auf ihrer Seite, da kommen so viele Seiten zu Tage die man gerne noch mal sehen möchte, für mich ein sehr nachhaltiger Film … ach, was rede ich … ich warte schon lange auf die DVD Veröffentlichung … wieso dauert die so lange … :disappointed:

Der Film ist am 7. Mai (glaube ich) in den französischen Kinos gelaufen. Bleibt zu hoffen, dass es dann auch bald eine entsprechende DVD-Veroeffentlichung geben koennte. Blos ob die Franosen dann auch englische UTs haben, ist wie immer die Frage. Ansonsten konnte ich zu dem Film bezueglich DVD auch noch nichts finden. Vielleicht weiss ja wer anders was mehr darueber.