Kill List (Spoiler)

Am 02.09.2011 13:16 , The_Coma-man schrieb:

„Warum sollte der Regisseur extra Titel für die Ziele einblenden, wenn diese am Ende gar keine Bedeutung haben, sondern alles wieder nur auf so ne Zwiespalt-Geschichte hinausläuft? Das macht für mich keinen Sinn.“

Eben!! Reines Stilmittel, leider. Ich mag die ja auch, aber skripttechnisch sind die nicht ganz nachvollziehbar.

„…deutet an, dass der Auftrag auch ein Test war, wie weit der Protagonist mit seiner Grausamkeit gehen kann.“

Aber dann ist das Handeln des Protagonisten doch positiv, und nicht negativ, da er gegen das Böse kämpft, also konträr zu den Einstellungen der Sekte.

„Ich persönliche hasse ja so Streifen, die einem zum Schluss noch extra unter die Nase reiben…“

Ja, aber darum geht es hier ja nicht - mein Problem mit dem Ende ist nicht, dass nicht alles erklärt wird, sondern, dass die Konstruktion schlichtweg nicht sonderlich gut ist. Nehmen wir mal Deine Deutung: der gute Mann wird von der Sekte beauftragt, einige böse Buben aus dem Weg zu räumen, um festzustellen, ob er sich dabei von seiner Wut überzeugen lässt. Der Gute tut selbiges… allerdings aus Wut über genau die Ideale, die in der Sekte zu finden sind, sprich das Böse. Der Aufnahmetest der Sekte besteht also darin, dass der ‚Auserwählte‘ gegen die Gedankenwelt der Sekte mit Gewalt kämpft…?
Denken wir das ganze weiter: am Ende bringt er seine Familie unwissend um und kriegt eine Krone aufgesetzt und… ist genau so verdattert wie der Zuschauer. Was kommt? Krone hin schmeißen, weggehen, Selbstmord, da er ja bereits im Vorfeld gegen das Böse gekämpft hat (nur wenige Minuten vorher ist er mit einem Maschinengewehr auf die Sekte losgegangen).
Im Vergleich zu einem Film wie Angel Heart hast Du hier also keine ‚Annäherung‘ des Helden zum Bösen, womit er selbigem schlussendlich in die Hände fällt, sondern eine klare Wiedersetzung bevor es zum schlussendlichen Ritual kommt. Der Gute scheint mir nicht wirklich tauglich. Wie kann sich die Sekte sicher sein, nach all dem, dass er nicht wieder zur MG greift, und alle umnietet?

Ich will den auch nicht tot diskutieren, aber das Ende stimmt einfach vorne und hinten nicht, und zwar nicht, weil nichts „toterklärt“ wird, sondern weil schlichtweg die Substanz zu fehlen scheint, die Idee des Kultes zwar im Drehbuch aufgebaut, in keinster Weise aber logisch oder glaubhaft umgesetzt wird, sondern sich in einem Ende verstrickt, wo nichts wirklich zusammen passt.

Schau dir den Film besser nochmal in Ruhe auf DVD an. Ich finde sehr wohl, dass die Elemente hier ganz gut ineinanderpassen.

Ich versuchs ein letztes Mal zusammenhängen:
Der „Held“ ist ein Wrack, das gerade aus Kiew zurückgekehrt ist, in schlimmen Geldnöten steckt und in Streit mit seiner Frau lebt. Er ist impulsiv & hasst die Kirche, wie wir später erfahren.

Er nimmt einen Job mit seinem Kumpel an, um an Geld zu kommen.

Der Zuschauer ahnt dann bereits, dass irgendjemand die Fäden über ihnen in der Hand hat (Spiegel), man weiss nur nicht, was genau um sie herum zusammengestrickt wird.

Erstes Ziel: Priester > Der Held richtet sich gegen den Glauben (hat er vorher im kleinen Stil auch schon)
Zweites Ziel: Bibliothekar > Held richtet sich gegen die Bildung, aber bekommt durch die Snuff-Videos noch das Gefühl, dass er auf der richtigen Seite steht…er ist geblendet und verliert langsam sein letztes Stück Menschlichkeit.
Sein Freund will den Auftrag abbrechen, es ist zu spät. Der Kunde sagt, dass er einen Wiederaufbau anstrebt. Von was? Die Hölle? Das wäre vielleicht zu scharf ausgedrückt…Untergang der Ordnung trifft es eher.
Drittes Ziel: Parlamentsminister > Held wird zum Attentäter, denkt aber richtig zu handeln (Frau erhängt sich)

Sein Freund stirbt, war also offenbar für den Auftrag überflüssig.

Held will dem Ganzen ein Ende machen, lässt seine Frau allein.
Grosses Drama zum Schluß: Der Held erkennt zunächst nicht, was er tut und tötet seine Familie > Untergang der Familie

Das Chaos regiert…ob das nun gut oder schlecht ist, muss jeder selbst entscheiden.
KILL LIST ist mit Sicherheit kein simpler schwarz/weiss-Film.

Für mich macht das alles Sinn, insofern darf ich mit dem Film in völliger Harmonie verbleiben :grin:

Ja, das ist mir doch alles bewusst - aber wohin führt das in der Geschichte? Wieso hat der Kult ihn ausgewählt? Was ist das Ziel des Kultes? Inwiefern ist unser Protagonist nun auf der Seite des Kultes, wenn er sich bewusst gegen dessen Glaubenspfeiler stellt (die ermordeten waren augenscheinlich alles Anhänger des Kultes oder Verfechter einer pervertierten Weltsicht)? Inwiefern kann man das Ende als “gut” Deuten, wenn der Film klar den Kult als pervertiert darstellt (und die symbolischen Pfeiler nur einzelne Individuen einer größeren Instanz sind)? Bisher sagst Du mir den Verlauf des Drehbuches auf, allerdings nicht eine wirkliche Rechtfertigung des im Film dargestellten Endes, in dem der Protagonist klar NICHT auf Seiten des Kultes steht, von ihm aber angenommen wird. Das stimmt inhaltlich einfach nicht, auch wenn die Metaphern aufgebaut werden. Er entscheidet sich bewusst gegen die Grundpfeiler des Kultes und räumt pervertierte Individuen, die der Kult in der Gesellschaft gepflanzt zu haben scheint, aus. Das ‘letzte Ritual’ befreit ihn zwar von seiner Familie, von der Entwicklung seines Charakters wird es in ihm aber nur noch mehr Hass gegen den Kult und dessen Weltsicht sowie Schuldgefühle auslösen. Wieso also hat der Kult ihn ausgewählt? Und wenn er sich dagegen entscheidet und dem Kult beitritt, stimmt seine Charakterisierung durch den Film hindurch nicht.

[ Diese Nachricht wurde bearbeitet von: The_Coma-man am 02.09.2011 14:39 ]

Am 02.09.2011 14:37 , The_Coma-man schrieb:

Ja, das ist mir doch alles bewusst - aber wohin führt das in der Geschichte? Wieso hat der Kult ihn ausgewählt? Was ist das Ziel des Kultes? Inwiefern ist unser Protagonist nun auf der Seite des Kultes, wenn er sich bewusst gegen dessen Glaubenspfeiler stellt (die ermordeten waren augenscheinlich alles Anhänger des Kultes oder Verfechter einer pervertierten Weltsicht)? Inwiefern kann man das Ende als „gut“ Deuten, wenn der Film klar den Kult als pervertiert darstellt (und die symbolischen Pfeiler nur einzelne Individuen einer größeren Instanz sind)? Bisher sagst Du mir den Verlauf des Drehbuches auf, allerdings nicht eine wirkliche Rechtfertigung des im Film dargestellten Endes, in dem der Protagonist klar NICHT auf Seiten des Kultes steht, von ihm aber angenommen wird. Das stimmt inhaltlich einfach nicht, auch wenn die Metaphern aufgebaut werden. Er entscheidet sich bewusst gegen die Grundpfeiler des Kultes und räumt pervertierte Individuen, die der Kult in der Gesellschaft gepflanzt zu haben scheint, aus. Das ‚letzte Ritual‘ befreit ihn zwar von seiner Familie, von der Entwicklung seines Charakters wird es in ihm aber nur noch mehr Hass gegen den Kult und dessen Weltsicht sowie Schuldgefühle auslösen. Wieso also hat der Kult ihn ausgewählt? Und wenn er sich dagegen entscheidet und dem Kult beitritt, stimmt seine Charakterisierung durch den Film hindurch nicht.

Meine Herrn!! :grin:
Es ist halt nicht CHILLERAMA…die Geschichte führt für die Welt ins Chaos (was wohl auch gleichzeit das Ziel des Kultes ist).

Warum er? Weil man in dem Film eine Person braucht, die „es“ halt ist. Der Regisseur hätte auch Karl Peter als Protagonisten auserwählen können. Er ist halt ein ganz schön brutaler Zeitgenosse, so jemanden kann man für eine Neuerrichtung gut gebrauchen.

Das Ende kann man als „gut“ deuten, wenn man eine extrem pessimistische Weltsicht vertritt. Eine Neuerrichtung kann auch etwas Gutes sein.

Der Protagonist hat im Sinne des Kultes (des Chaos) gehandelt, für ihn gibt es kein zurück. Natürlich kann er die Anhänger nun erschießen, es ändert aber nichts an seinen Taten (siehe das Ende von SIEBEN).

Diese Diskussion führt aber zu nichts, du willst eine konkrete Antwort auf einen abstrakten Film.
Bei WENN DIE GONDELN TRAUER TRAGEN oder INLAND EMPIRE dürftest du einen Herzinfarkt bekommen :wink:

Nein, beides Lieblingsfilme von mir, da hier auch klare Ziele der einzelnen Gruppen sowie nachvollziehbare Entwicklungen gezeigt werden.

“Warum er? Weil man in dem Film eine Person braucht, die “es” halt ist.”

Aber wieso hat der Kult ihn ausgewählt, nicht der Regisseur? Weil er mordet…? Da gibt es auch seinen Kollegen, und der zeigt nicht so viel Abscheu gegenüber der Weltsicht des Kultes, wie der Protagonist.
Und woher weißt Du, dass Chaos das Ziel des Kultes ist, wenn sie grade die pervertierten Pfeiler der Gesellschaft ermorden lassen?

“Der Protagonist hat im Sinne des Kultes (des Chaos) gehandelt, für ihn gibt es kein zurück. Natürlich kann er die Anhänger nun erschießen, es ändert aber nichts an seinen Taten (siehe das Ende von SIEBEN).”

Aber wieso nimmt der Kult ihn dann auf, wenn er augenscheinlich nicht geeignet ist?

[ Diese Nachricht wurde bearbeitet von: The_Coma-man am 02.09.2011 15:07 ]

Am 02.09.2011 15:06 , The_Coma-man schrieb:

Nein, beides Lieblingsfilme von mir, da hier auch klare Ziele der einzelnen Gruppen sowie nachvollziehbare Entwicklungen gezeigt werden.

„Warum er? Weil man in dem Film eine Person braucht, die „es“ halt ist.“

Aber wieso hat der Kult ihn ausgewählt, nicht der Regisseur? Weil er mordet…? Da gibt es auch seinen Kollegen, und der zeigt nicht so viel Abscheu gegenüber der Weltsicht des Kultes, wie der Protagonist.
Und woher weißt Du, dass Chaos das Ziel des Kultes ist, wenn sie grade die pervertierten Pfeiler der Gesellschaft ermorden lassen?

„Der Protagonist hat im Sinne des Kultes (des Chaos) gehandelt, für ihn gibt es kein zurück. Natürlich kann er die Anhänger nun erschießen, es ändert aber nichts an seinen Taten (siehe das Ende von SIEBEN).“

Aber wieso nimmt der Kult ihn dann auf, wenn er augenscheinlich nicht geeignet ist?

Lassen wir das. Ich hab dir ja meine Interpretation (!) niedergeschrieben - ob du dich der jetzt anschließt oder nicht, ist mir im Prinzip egal.

Dass du im Vergleich zu KILL LIST „klare Ziele der einzelnen Gruppen sowie nachvollziehbare Entwicklungen“ in WENN DIE GONDELN und INLAND EMPIRE gesehen hast, kaufe ich dir nicht recht ab…so richtig klar sind am Ende beide Werke nicht.

“Nicht recht klar” kann ich nur bei IE zutreffend finden, wo allerdings auch klare Grenzen abgesteckt werden, die Gondeln finde ich eigentlich sehr gut nachvollziehbar.

Und die Interpretation finde ich ja gut - nur eben wie es im Drehbuch geschrieben (bzw. nicht geschrieben) ist eben nicht. :wink:

[ Diese Nachricht wurde bearbeitet von: The_Coma-man am 02.09.2011 15:39 ]

Hab hier übrigens ein interessantes Interview mit Wheatley gefunden…da geht er natürlich nicht ins Detail, was das Ganze genau zu bedeuten hat, aber er spricht darüber, warum der Film nun so ist, wie er ist :wink:

http://www.viewglasgow.co.uk/cinemas/ben-wheatley-interview-feature-interview-4192.html

[ Diese Nachricht wurde bearbeitet von: BuzzG am 02.09.2011 23:37 ]

Hier nochmal ein sehr aufschlussreiches für den Coma-man :slight_smile:
Da sagt Wheatley sogar mal, warum der Hauptdarsteller auserwählt ist:
http://www.bloody-disgusting.com/news/26415