Extremes in Cinema: Grenzüberschreitungen im Genrekino der 1970er und -80er
Sex, Lügen und Todesstreifen - Von der Unfähigkeit, mit sich selbst zu leben
( Andrzej Żuławski / 1981 / Blu Ray / englischsprachige OmdU / Zweitsichtung)
"It doesn’t matter if we all die / Ambition in the back of a black car
In a high building there is so much to do / Going home time, a story on the radio
Something small falls out of your mouth and we laugh
A prayer for something better / A prayer for something better
Please love me, meet my mother / But the fear takes hold
Creeping up the stairs in the dark / Waiting for the death blow
Waiting for the death blow / Waiting for the death blow"
(The Cure, „One Hundred Years“)
„Komm, wir lassen uns erschießen / An der Mauer Hand in Hand
Komm, wir lassen uns erschießen / Mit dem Kopf an der Wand /
Komm, wir lassen uns erschießen / Sonntag morgen fünf vor zehn /
Ich kann den Sonntag nicht ertragen / Und ich will keinen Montag sehn
Langeweile killt nur langsam / Du wirst sehn, es tut uns gut
Mir ist heute so gewaltsam / Mir ist nach Schüssen heut zumut“
(Ideal, „Erschiessen“)
„Mit selbstgemachter Haut / Die dir immer noch nicht gefällt, raus aus der Stadt
Die auch ein Gesicht, eines aus Häusern, hat / Ein Nachname für jedes und dich
Architektur / Bei dir jede Narbe ein Schützengraben / Ist hier aus Beton pur
Und der Krieg findet statt / Und das ist der Feind
Die anderen und du / Das ist es, was dich in zwei Hälften teilt
Der eine schreit „Hilfe!“, der andere „Scheiße!“
Dass gerade der so aussehen muss, wie ich heiße“
(Blumfeld, „Pickelface Is Back In Town“)
„Possession“, Żuławskis surreal-psychotische Sezierung einer Ehekrise, eröffnet mit Einstellungen einer abandoned zone: Wir sehen, durch Bruno Nuyttens Kamera, das Niemandsland um die Berliner Mauer. Eine öde, von verlassenen Häuserruinen gesäumte Brache, welche auf der „anderen“, der DDR-Seite vom sogenannten „Todesstreifen“ durchzogen war - jenem Gebiet gleich an der Mauer selbst, an dem bewaffnete Grenzposten den Befehl hatten, auf alle in den Westen Flüchtenden zu schiessen. Eine aufgegeben scheinende, trist-trostlose Fläche, deren verloren wirkende Leere die Sinnlosigkeit der innerstädtischen Teilung symbolisiert. Eine Stadt, die an sich selbst und ihrer inneren Spaltung krankt, die sich, unfähig mit und in diesem Zustand der erzwungenen Vereinzelung existieren und der Unmöglichkeit, den dringenden Wunsch nach einer heilenden Vereinigung artikulieren zu können, dem zunehmenden Verfall als einer Art pathologischem Dahinsiechen überantwortet sieht. Wie die Menschen, die in ihr leben, oder besser: langsam vor sich hinsterben.
Wer Anfang der 1980er Jahre noch nicht auf der Welt, oder noch sehr sehr jung war, die:der wird niemals nachempfinden, bzw. verstehen können, wie es gewesen ist, damals gelebt zu haben, und all diesen beinahe gleichzeitig sich ereignenden existenzbedrohlichen sozialen und globalpolitischen Umbrüchen sich ausgesetzt zu sehen. NATO-Doppelbeschluss, SS 20- und Pershing II-Stationierung, der Kalte Krieg auf seinem Höhepunkt, nur einen Funkenschlag entfernt davon, jeden Augenblick in der Mitte Europas brandheiss zu werden, den Dritten Weltkrieg und damit den Beginn von Ende der Spezies Mensch auszulösen. Eine Welt am Rande des Abgrunds, verängstigt und zutiefst verunsichert in ein schwindelerregendes, alles zu verschlingen drohendes Chaos blickend. Sicher, man kann all das nachlesen, man kann seine Eltern, Onkel, Tanten, Verwandten danach fragen, man kann sich all das durch Quellenstudien aneignen: Man kann es wissen. Aber wirklich und vollends verstehen, das wird man dieses alptraumhaft-verrückte Lebensgefühl, die überaus reale Angst vor der endgültigen Vernichtung in Sekundenbruchteilen, das schizophren-geisteskranke innere Gespaltensein in einen Teil, der unbedingt (weiter-)leben will, und einen Teil, der in permanenter Todesangst begriffen ist, ohne Gewissheit, dass es noch ein Morgen geben wird, niemals ganz können, wenn man nicht dabei gewesen ist, es selbst empfunden hat. Ich kann mich noch an ein Gespräch mit meinen Eltern erinnern, welches wir anno 1984 eines Nachts im Urlaub geführt haben, was sie denn zu tun gedächten, wenn der Atomkrieg wirklich ausbräche. Die traurig klare Antwort meines Vaters im sommerabendlichen Halbdunkel des Schlafzimmers unserer Ferienwohnung war, dass er dann zuerst meinen Bruder und mich, dann unsere Mutter, und letztendlich sich selbst töten würde. Und ich war ihm in diesem Moment unendlich dankbar dafür. Nur nicht nach dem nuklearen Ende noch weiterexistieren müssen, an der den eigenen Körper quälend verzehrenden Strahlenkrankheit langsam vor sich hin verrecken. Eine Kugel in den Kopf (mein Vater war Polizeibeamter, hätte also Zugang zu seiner Dienstwaffe gehabt), aus und vorbei. Ich dachte damals, dass ich vielleicht nie älter als vielleicht 13, 14 Jahre werden würde. Und beinahe wäre dem ja auch so gewesen. Nur Stanislaw Petrow verdanke ich - und höchstwahrscheinlich auch Millionen andere Menschen - dass ich heute überhaupt noch am Leben bin. Das waren also unsere Perspektiven Anfang der 1980er, als die Welt kurz vor einem Feuersturm von globalen Ausmaßen stand. Noch heute wache ich manchmal nachts aus Alpträumen auf, in denen eine atomare Pilzwolke langsam am Horizont empor steigt, sehe mich durch verlassene Strassen rennen, in dem Alles besiegelndem Wissen, dass ich in wenigen Augenblicken vom nuklearen Feuer zu Nichts verbrannt sein werde. Aber diese Träume sind im Laufe der Jahrzehnte immer seltener geworden, und eines Tages, irgendwann, werden sie wohl gar nicht mehr vorkommen. „Possession“ erzählt unterbewusst auch von diesem sich in die Köpfe schleichenden Grauen. Und noch von soviel mehr, von dem wir lieber nichts gewusst hätten, von dem wir vorgezogen hätten, dass es doch besser niemals sich ereignet haben möge. Aber es hat sich ereignet. Und darum muss es auch erzählt werden. Und Żuławski erzählt es. Alles, und mehr. Schonungslos.
Die gespaltene, an sich selbst krankende Stadt, die ihr Siechtum und ihre innere Zersplittertheit auf die sie bewohnenden Menschen überträgt, deren kaum auszuhaltender Zustand des unerträglichen Getrenntsein-Müssens von sich selbst, von dem:der Anderen, sich in den Beziehungen zweier sich Liebender, Geliebt-Habender widerspiegelt. Ohne eine Perspektive oder Möglichkeit, diese Trennung irgend überwinden zu können. Individuen, die nicht mit sich oder den Anderen sein können, die gezwungen sind, ihre innersten Wünsche, ihr ureigenstes Verlangen und Begehren verleugnen zu müssen, um weiterexistieren zu können. Und die an diesen gesellschaftlichen Verhältnissen, an den dadurch hervorgerufenen Deformierungen ihres Ich, am durch externe Faktoren erzeugten intrinsischen Druck der Selbstaufgabe, langsam verrückt werden, und letztlich zu Grunde gehen müssen. Żuławski beschreibt hier sowohl die subjektive Verfasstheit des:der Einzelnen in den spätkapitalistischen Gesellschaftsformationen des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts, als auch die durch Lebenslügen und extremen Konformitätszwang versehrten Psychen der Bürger:Innen in den totalitären Regimen und Systemen der sozialistischen Diktaturen osteuropäischer Prägung. Menschen, die sich selbst nicht genügen können, die nur um den Preis des ständigen Selbstbetrugs und der Verleugnung ihrer eigenen Grundbedürfnisse, Freiheitswünsche und der Aufgabe der notwendigen Expression ihrer je subjektiven Individualität, überhaupt dem Konformitätsdruck und dem Anpassungs-Imperativ genügen können, und so irgendwie weiterleben können. Eine ständige interne Zerrissenheit, ein andauernder innerer Zersetzungsprozess, ein moralisch-normativer Verfall. So wie die Häuser der Stadt sterbensgrau und steinkalt wirken, nur noch blosse Fassaden darzustellen scheinen, endlose Häuserzeilen und Treppenfluchten, die an keinen Ort führen, an den zu gelangen irgendjemand wünscht, so sind auch die durch ihre verlassenen Straßen wandelnden Menschen nur noch leere Hüllen ihrer einstigen Selbste, nurmehr der Anschein von Individuen, funktionieren eher (mehr schlecht als recht, obendrein), als dass sie existieren. Und irgendwann hat dann auch alle hohle Funktionalität ihr Ende erreicht, wird das Dysfunktionale in den menschlichen Beziehungsgeflechten offenbar, steigen die verdrängten Begehrensformationen empor, und werden aufs Neue abgeschieden, um nicht doch von ihnen überwältigt zu werden, an ihnen zu krepieren. Der Preis der ewigen Selbstaufgabe fordert seine Zinsschuld ein, und sie muss mit nichts Anderem, als der eigenen geistigen Gesundheit bezahlt werden. Die Kommunikationsprozesse sind in dieser solipsistischen Vereinzelung bis zur Unkenntlichkeit versehrt, eine irgend geartete Verständigung nachhaltig verunmöglicht. Anna und Mark kennen keine andere Sprache mehr, als die des Sich-gegenseitig-Anschreiens, des schmerzhaft-verzweifelten Kreischens, des Um-Vergebung-Bettelns, oder aber gleich der physischen Gewalt, von Schlägen, Selbstverletzung und Verstümmelung. Das Äussere beginnt, sich dem Inneren anzuverwandeln. Und das, was im Inneren nicht sein darf, wird unter kaum vorstellbarer Agonie ab- und aufgespalten, in grösstmöglichen Schmerzen aus dem Körper herausgepresst, wiederum abgespalten. So gebiert Anna in einer der ikonischsten Kernszenen des Films in einer U-Bahn-Unterführung in einer Mischung aus derwischhaft zuckendem Ausdruckstanz und Exorzismus-ähnlicher konvulsisch krampfender Teufelsaustreibung unter irren Schreien in sich vermengenden und verfestigenden Lachen von aus ihr herausfliessendem Schleim, gluckerndem Blut und zerplatzten Milchtüten auf dem kalten Steinboden ihr eigenes selbstverdrängtes Begehren, ihre mühsam unterdrückten Lüste, ihr lange verleugnetes tiefstes Verlangen nach Freiheit, Selbstverwirklichung und Anerkennung - eine fehlgeburtshafte Empfängnis, die im Zustand extremster Selbstentgrenzung einer Art delirierender Besessenheit, welche sich zugleich von als nicht mehr länger erträglich empfundenen externen Faktoren, als auch von mittlerweile so exorbitant erwachsenen internen Konflikten und nicht mehr bei ihr selbst zu behaltenden Auswüchsen des Unterbewussten speist, entspringt (die phämonenal entgrenzt agierende Isabelle Adjani, die wohl nie besser war als hier, und höchstens noch vorher in Werner Herzogs "Nosferatu" und danach in Jean Beckers „L’Été meurtrier“ an diese Ausnahme-Leistung herangekommen ist, spielt sich hier wortwörtlich um Sinn und Verstand). Die dabei entstehenden Bilder und Szenenfolgen sind für uns als Zuschauende, ebenso wie für die handelnden Personen, zwar erfahrbar, entziehen sich letzten Endes aber einem tatsächlichen Verstehen, oder gar einem Erklären-Können des Gesehenen. Wir wissen, was passiert, wir sehen es ja mit unseren eigenen Augen direkt vor uns sich ereignen - nur es intellektuell durchdringen, es verstehend deuten, dazu sind wir außer Stande. Und aus genau dieser Trennung von Erfahren und Erklären, aus ebenjenem klaffendem Spalt zwischen Wissen und Verstehen, aus dieser Unvereinbarkeit von Wahrnehmen und Begreifen, erwächst die schizophrene Psychose. Und nährt sich, einem doppelgängerartigem Simulacrum gleich, einer glitschig-Tintenfisch-haften Wesenheit anverwandt, die aus einer verrottenden Zimmerwand herauszuwachsen scheint, von verklärten Wunschvorstellungen, fehlgeleiteten Idealisierungen, unrealistischen Hoffnungen, vergessenen Traumbildern. Die nun endlich Körper gewordenen Verdrängungsleistungen schaffen im wahnhaften Überschuss der vollends ausgebrochenen Geisteskrankheit, und nachdem ein abstrus-grotesker Koitus mit dem eigenen, als monströs empfundenen abgespaltenen Selbst sie vervollkommnet hat, verzerrt unecht wirkende Abbilder vom je anderen Ehepartner:In, die beängstigend gefühlsarm (auch dies wohl ein unterdrückter Wunsch, dem eigenen erschreckenden Übermaß an verdrängten Emotionen eine klinisch kalte Affektlosigkeit vorzuziehen) ihr entrückt-grössenwahnsinniges Eigenleben beginnen, während die sie erst erschaffen habenden (nicht nur) geistigen Erzeuger:Innen im Kugelhagel der staatlichen Ordnungsorgane ihre Leben lassen. Das Kind dieser beiden jüngst verschiedenen Eltern ertränkt sich selbst, folgerichtig, in der Badewanne. Es weiss, dass es für die Beziehung der real gewordenen Wunsch-Imago-Selbste keinerlei Bedeutung mehr haben kann und wird. Und ganz am Ende, wenn das Licht in Helens Wohnung zu flackern beginnt, wenn der Schatten von Marks sich an das milchige Trennglas pressendem Doppelgänger hinter der Wohnungstür aufscheint, wenn der Blick aus ihren grün blitzenden Augen und ihr kaum wahrnehmbares Lächeln uns signalisieren, dass sie jetzt Alles weiss, aber Nichts versteht, wenn das Aufheulen von Sirenen und das Dröhnen von fallenden und detonierenden Bomben uns verdeutlichen, dass das den ganzen Film über so seltsam menschenleere und verlassen scheinende Berlin (so, als wären die Zwei nur allein mit sich selbst und ihren Beziehungsproblemen) am Anfang vom Ende steht, da wird auch uns endgültig klar, dass wir zwar wissen, aber nicht verstehen. Dass wir nur eines wirklich verstehen können, nur eines abschliessend wissen müssen:
Nach „Possession“ kommt nur noch der blanke Wahnsinn.
"One more day like today and I’ll kill you / A desire for flesh and real blood
And I’ll watch you drown in the shower / Push my life through your open eyes
I must fight this sickness / Find a cure
I must fight this sickness"
(The Cure, „Pornography“)




