Letzter Film, den ich gesehen habe

Meiner eigenen bescheidenen Meinung nach höchstverdient, aber höchstwahrscheinlich wohl auch ebenso vollkommen chancenlos: Sandra Wollners Cannes-Gewinnerfilm „Everytime“, mein bisheriger Film des Jahres (woran sich aller Voraussicht nach bis zum 31.12. auch nicht mehr allzu viel ändern dürfte… aber warten wir’s mal ab), geht als deutscher Beitrag in den Wettbewerb um den im kommenden Frühjahr in der Kategorie „Best International Picture“ zu vergebenden Oscar. Langtext-review zum Film von yours truly dann im Laufe des heutigen Abends… Ich hatte ‚nen laaaangen Arbeits-Tag, geh‘ nun erstmal noch Tagliatelle mit veganer Bolognese kochen und verspeisen, und werde mich danach dann ans Text-Schreiben machen.
Aufgrund einer Neuregelung, dass bestimmte Festivalgewinner automatisch auch qualifiziert sind, können nun sogar drei deutsche Filme um einen Platz auf der award shortlist konkurrieren - İlker Çataks „Gelbe Briefe“ und Visar Morinas „Von Scham und Geld“ sind auch mit dabei.

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„Guck mal, die sind noch gar nicht wach! Wo sind die denn Alle?“

„Everytime“
(Sandra Wollner / 2026 / Kino (DCP) / deutschsprachige Originalversion / Erst- und Zweitsichtung)

"I make believe / That you are here
It’s the only way / That I see clear
What have I done? / You seem to move on easy

And every time I try to fly I fall
Without my wings I feel so small
I guess I need you baby
And every time I see you in my dreams
I see your face / You’re haunting me
I guess I need you baby

At night I pray
That soon your face will fade away

And every time I try to fly I fall
Without my wings I feel so small
I guess I need you baby
And every time I see you in my dreams
I see your face / You’re haunting me
I guess I need you baby"

(Britney Spears, „Everytime“ )

"Ich ging an einem Tag / Durch einen Garten
Und ich mochte den Himmel / In diesem Garten
Und der Himmel / Und der Himmel / Mochte sich

Tag für Tag / Laufen die Bänder
Vorwärts, vorwärts, vorwärts
Vorwärts die Zeit

Das ist das Ende / Und ab jetzt ist es so wie immer
So wie immer, vorwärts die Zeit

Das, das, das / Das ist unsere Zeit
Die Zeit leuchtet / Lass sie leuchten
Das, das, das / Das ist unsere Zeit
Die Zeit leuchtet / Lass sie leuchten

Tag für Tag laufen die Bänder
Tag für Tag, Nacht für Nacht
Fliegen die Funken

Und der Flug Deiner Blicke / Ist strahlend
Und ich werde bleiben / Und auf Dich warten

Tag für Tag, Nacht für Nacht
Fliegen die Funken / Und wir suchen die Spur

Das, das, das / Das ist unsere Zeit
Die Zeit leuchtet / Lass sie leuchten"

(PeterLicht, „Unsere Zeit“ )

"Und du kommst nicht mehr zurück
Weiß ich auch schon
Du kommst nicht mehr zurück
Weiß ich auch schon
Wo du immer noch stehst
Wo du immer noch stehst
Wo du immer noch, immer noch stehst
Wo du immer noch stehst
Wo du immer noch stehst
Wo du immer noch, immer noch stehst

Ist ein Loch in der Luft
Wo du immer noch stehst
Wo du immer noch, immer noch stehst
Und die Bilder, die kommen, wenn der Tag geht
Und die Nacht, die Nacht, Nacht kommt
Und die Punkte, die kleiner werden"

(PeterLicht, „Du kommst nicht mehr zurück“ )

Jessie ist tot. Gestorben mit siebzehn Jahren in den frühen Stunden eines Juli-Morgens, im Licht der gerade erst über dem urbanen Berlin aufgehenden Sonne, betrachtet vom Dach eines Plattenbaus. Nach einer zusammen mit ihrem Freund Lux durchtanzten Techno-Club-Nacht, im ab- und ausklingenden Drogenrausch. Eben noch belanglos-dummes Zeug quasselnd, mit verstrahltem Blick, und vernebeltem Kopf, Schnappschüsse mit ihrem Handy machend. Dann nur ein in unglaublicher Geschwindigkeit hinabfallender Körper, dem die Augen kaum folgen können. Wir sehen weder den Schritt ins Nichts, oder das Sich-Fallen-Lassen (denn es könnte ja auch ein im akuten Rauschzustand begangener Suizid sein, wiewohl der Film dafür keinerlei Indizien oder Anhaltspunkte bietet, weder davor, noch danach), noch werden wir des Aufpralls ansichtig. Zurück bleiben ihre Mutter Ella, welche am selben Abend ihres Todestags noch mit der Familie in Urlaub fliegen wollte, ihre kleine Schwester Melli, mit der sie sich tags zuvor noch um ein von ihnen beiden als je eigenes beanspruchtes gemeinsames Zimmer in der kleinen Mietswohnung gestritten hatte, und Lux.

Ein Jahr später. Ella besucht zusammen mit Melli nahezu wöchentlich Jessies Grab. Lux ist eben erst von einem längeren U.S.A.-Aufenthalt nach Deutschland zurückgekehrt, und hat jetzt eine neue Freundin. Die drei laufen sich zufällig über den Weg, verabreden sich, weil Lux noch Sachen von Jessie hat, bzw. Ella und Melli noch Sachen von Lux. Verbringen in den folgenden Tagen mehr und mehr Zeit miteinander, auf dem einstigen Flugfeld Berlin-Tempelhof (jetzt städtische Naherholungs- und Freizeit-Fläche), bei Grill- und Gartenparties der jeweiligen Verwandtschaft. Lux wird von Ella eines Abends im völlig besoffenen Zustand aufgelesen, und übernachtet bei ihr und Melli. Alle sind sie auf ihre eigene Art und Weise unfähig oder unwillens, loszulassen. Lux wird von Schuldgefühlen geplagt, dass er besser hätte aufpassen müssen, und Jessie vielleicht ja doch noch hätte retten können. Ella kann und will ihm nicht vergeben, wirkt zwar äusserlich gefasst, ist innerlich aber wie versteinert. Melli spielt immer noch das „Minecraft“ nachempfundene Open World-Ressourcen-Farming- und Aufbau-Videospiel, welches sie einst zusammen mit ihrer älteren Schwester zu spielen pflegte, und schildert auf Kindergeburtstagen der versammelten Schar ihr aufgeregt zuhörender Freund:Innen scheinbar nonchalant die grausigen Details des Leichenfunds von Jessies zerschmettertem Körper. Da hat Ella plötzlich eine Idee: Der damals geplante Urlaub muss nachgeholt werden, jetzt, sofort! Schon am nächsten Morgen reisen die drei in aller Herrgottsfrühe nach Teneriffa… doch kann und wird eine gemeinsame Trauerverarbeitung dort wirklich gelingen?

Sandra Wollner erzählt in ihrem zweiten Langspielfilm „Everytime“ auf nüchtern-unaufgeregte, jede Dramatisierung und über Gebühr auserzählte filmische Standard-Klischees vermeidende, eher beobachtend-distanzierte, denn emotionalisierend-involvierte Art und Weise vom Stillstand nicht nur der Zeit, des eigenen Lebens und des inneren Gemütszustands, sondern auch vom Verharren, Stehen- und Steckenbleiben in einem seltsamen Dazwischen, einem Weder-Noch: Weder können die Protagonist:Innen das Geschehene, und damit Jessies Tod, und ihr Nicht-mehr-Da-Sein, ihr Nicht-mehr-in-der-Welt-Sein, ungeschehen machen, die Vergangenheit zurückholen, noch sind sie fähig, ihre jeweiligen Leben zukunftsgerichtet weiterzuleben. Ella bittet Lux, ihr die selben Drogen zu geben, wie er sie zusammen mit Jessie in der Nacht vor deren Tod einwarf, und geht darob mit ihm zusammen denselben Weg, den er und Jessie an diesem schicksalhaften Juli-Morgen beschritten haben. Melli schickt ihrer toten Schwester SMS-Nachrichten in ein Jenseits, von dem aus es keine Antwort gibt, ausser drei Punkten, die ein nie endenwollendes processing der Kurznachrichten symbolisieren. Lux schliesslich betäubt seinen Schmerz, seine Reue- und Schuldgefühle mit Alkohol-Intoxikation, hat abrupte Ausraster im Freundeskreis, bricht schliesslich weinend in Ellas Armen zusammen. „Everytime“ zeigt Menschen, die nicht (mehr) in der sie umgebenden, und immer weiter voranschreitenden Zeit existieren können, und wollen. Sondern dafür ganz in der in ihrem Innersten wie im Standbild eingefrorenen eigenen Zeit sich befinden. Deren Psyche und Seele in einem grundlegend anderen chronologischen Metrum existieren, als demjenigen, in welchem ihre Körper sich gerade aufhalten, und durchschreiten. Wollner, die Dokumentarfilm studiert und gelernt hat, gelingt es durch ihre still-zurückgenommene Narration, ihre respektvoll Abstand wahrende Perspektive, und ihre eine ungenehm takt- und würdevolle Achtung beibehaltende Bildsprache, die Integrität und Selbstachtung der Figuren intakt bleiben lassende Erzählhaltung, jedwede Banalisierung ob überstrapazierter Tableaus und bis zum Erbrechen wiederverwendeter Szenenfolgen und Ikonografien gekonnt zu ignorieren. So gibt es weder rotgeweinte, dunkel umrandete Augenpartien zu sehen, noch ersäuft der Streifen in sinnentleert-nichtssagenden Allgemeinplätzen wie Trauerfeiern, oder Begräbnissen. Die präzis agierende, superb austarierte Kamera von DoP Gregory Oke schafft in ihren langen Fokussierungen und Fahrten, sowie den überaus bestimmt und mit Bedacht gesetzten Bildkadern eine fast schon unangenehm wirkende Intimität aus unglaublich weiter Entfernung aufzubauen, und herzustellen. Oftmals arbeiten Wollner und Oke dabei auch mit bewusst platzierten Leerstellen, wie schon eingangs bei der Sequenz von Jessies Tod erwähnt. So manches Mal sehen die Figuren etwas, was sich im off des Bildrahmens ereignet, und uns Zuschauer:Innen entweder gleich ganz verborgen bleibt, oder wir es erst später, als die Figuren selbst sehen können. So erleidet in der Auftakt-Sequenz des Films, als Ella, (die da und dort noch lebende) Jessie und Melli einen Bahntunnel entlang gehen, ein Skater ausserhalb des sichtbaren Film-Bilds einen Unfall, den wir zwar hören, aber nicht sehen können. Alle, auch die drei Hauptfiguren, drehen sich für einen kurzen Moment um, und gehen dann einfach weiter. Sowohl Jessie, als auch ein Jahr später ihre Mutter Ella sehen an einem bestimmten Ort am Grünstreifen neben einer Bahnstrecke etwas, das aber gar nicht da zu sein scheint, und was zu erklären sich der Film auch keinerlei Mühe macht. Auch auf der Tonspur gibt es wenigstens einen solchen Moment (wenn nicht sogar derer noch mehrere, aber dafür hätte ich dann noch eine Drittsichtung vornehmen müssen, was ich leider zeitlich (he he he…) nicht mehr geschafft habe), welcher sich kurz vor Jessies Tod ereignet, den Alle, welche den Streifen nur einmal, und zum ersten Mal sehen, aber wohl gar nicht bewusst wahrnehmen werden, bzw. wenn doch, diesen nur wenigen, aus dem off gesprochenen Worten dann aber kaum grossartige Beachtung schenken dürften. Denn diese verweisen auf das Ende des Films, und sind tatsächlich auch erst in Kenntnis ebendieses Endes versteh- und deutbar. Und geben dem gesamten Film als solchen, als auch dem Titel, abermals und nochmals eine weitere, und zuvor ungekannte neue Bedeutungs-Ebene, und zwar im einem derart nivellierenden Ausmaß, dass mir bei der Zweitsichtung ob dessen beinahe schon das Blut in den Adern gefrieren wollte.

Tatsächlich ist „Everytime“ mindestens ebenso sehr ein Film über Medialität, wie er einer über Trauer ist. Und erzählt vor Allem auch davon, wie das Eine das Andere beeinflusst, prägt, formt, und verändert. Und vice versa. Wenn die Kamera plötzlich durch die quadergrossen Pixel der Computerspiel-Welt und ihrer immer scheinenden Sonne an einem unverändert blauen Himmel zu glitchen beginnt, nicht nur Jessies Fall vom Hausdach noch einmal nachstellt, und ausagiert, sondern sogar noch durch die Grenzen der Spiel-Welt hindurch fällt, und no-clipped, bis in einen limitless infinite space. Und ebendiese Kamerafahrt dann urplötzlich in der Film-internen „Realität“ endet, in einem derart verschatteten, lichtlos schwarzen Bild, dass wir darin kaum etwas erkennen können. Wenn Melli und Ella wieder und immer wieder die letzten von Jessie gemachten Fotos betrachten, oder uralte Heim- und Urlaubsvideos aus der Zeit, als Jessie noch ein Kleinkind war, so als könnten sie darin irgendeine tief(er) verborgene innere Wahrheit entdecken, nicht nur über das Bild selbst, sondern auch über die darauf Abgebildete. Wenn eine Drohne Ella nachts auf einem entlegenen Parkplatz erst verfolgt, dann vor ihr davon fliegt, immer tiefer und tiefer in die Dunkelheit einer Garage hinein. Die Menschen, die uns einst nahe standen, und die nunmehr verstorben, und von uns gegangen sind, sind dennoch aber nicht so ganz von uns gegangen. Sie sind immer noch irgendwie da, als schemenhafte Erscheinungen auf alten Familienfotos, auf krisselig-verschwommenen VHS-tapes, als nie endende Abfolge von Punkten auf einem Handy-Display. Pixelige Geister und unscharf aus dem Focus geratene Gespenster einer postmodernen Medienwelt, die nicht vergisst. Die ihre geronnenen Abbilder immer wieder neu auf- und abruft. Und die Trauernden deshalb auch nicht vergessen können, beständig reminiszieren. Wie in einem ewig doomscrollenden Erinnerungs-Loop gefangen sind.

Birgit Minichmayr, die in meiner Wahrnehmung immer viel zu oft viel zu sehr übersehen wurde, und wird (auch von mir selbst), spielt Ella unfassbar grossartig, auf eine zurückgenommen-reduzierte, aber dennoch zugleich ungemein ausdrucksstarke prägnant-pointierte Art. Wenn sie minutenlang nur auf dem Sofa liegt, und im Drogenstupor stier vor sich hinstarrt, den Blick aus schwarzgeweiteten Pupillen unstet umherwandernd doch ganz nach innen gerichtet, dann hat das eine ungeheuerliche Intensität, dass mensch einerseits fesselnd gebannt und gleichzeitig höchst irritiert auf die Leinwand starrt. Weil Wollner, Oke und Minichmayr eben gerade nicht Alles, genau genommen so gut wie gar nichts kontextualisieren, erklären, deutend bebildern. Sondern uns mit den Szenen, Ereignissen, Figuren und ihren jeweiligen Konstellationen alleine lassen. So, als würden wir - wie die Geister und Gespenster der betrauerten Personen selbst - bloss irgendwie so dabei sein. „Ich versteh’s nicht!“, sagt Minichmayrs Ella einmal. Und ebenso können auch wir als Zuschauer:Innen kaum etwas vom Dargestellten „verstehen“, ausdeutend-decodierend dechiffrieren. Eben genau in diesem dabeiseienden Alleingelassenwerden mit den Handelnden, in diesem verlorenen Auf-uns-Selbst-Zurückgeworfensein liegt aber die enorme Kunstfertigkeit, und immense Wirkmächtigkeit von Wollners erzählerischem Duktus. So wenig wir auch über die Charaktere, ihre Motivationen und Vorgeschichte(n) wissen, so sehr, und umso mehr, sind wir gezwungen, diese Leerstellen aus uns selbst, mit unseren Interpretationen, Biographien, Erlebnissen und Erinnerungen zu füllen. Sodass Wollners Film, Ellas, Mellis und Lux’ Geschichte(n), Geister und Gespenster, irgendwann, schleichend und unbewusst, auch zu den unseren werden. Und die unseren, vielleicht, auch zu den ihren. Und der Film dann, ganz am Ende dieses Urlaubs, und am Ende seiner selbst, einen neuen Anfang wagt. Sich beinahe vollkommen ins Surreale transzendiert, und auflöst (dies aber immer noch so erzählt wird, als sei es doch vollkommen real - und es das vielleicht auch ist). Vergangenheit und Gegenwart, Erinnerung und Erleben, Trauer und Trost, mediale Artefakte und diegetische Wirklichkeit, Wahrnehmung und Wunschvorstellung, Leben und Träumen, Gedanken und Gefühle, sich eines in das andere verlieren und neu (er-)finden, ineinander über- und aufgehen, Zeit, Raum und Psyche, Alles eins wird. Das Unmögliche wahr, und das Nicht Verstehbare fassbar wird.

Dann, als die Sonne am Abendhimmel zum quadergroßen Pixel wird, der einfach nicht mehr untergehen will.

Dann, als in der Ferien-Anlage auf Teneriffa plötzlich ein kleines Kind vor ihrem Spielzeug-Auto sitzt, das Melli, und auch uns, seltsam bekannt vorkommt.

Dann, als auf einmal die ganze Welt menschenleer zu sein scheint. „Wo sind denn Alle?“, wird Melli fragen. Auch dies ein Satz, den wir schon einmal - zu Beginn des Films - gehört haben.

Dann, als der Film das tut, was nur ein Film tun kann, auf eine Weise, wie es nur ein Film tun kann.

Dann, als die Protagonist:Innen, und auch wir, endlich ganz bei sich, und uns selbst, sind.

Als die Zeit aufgehört hat zu existieren.

Weil sie zu jederzeit geworden ist.

Kleiner Nachtrag: Als Einstimmung auf die demnächst im Hause LaXXXe geplanten, bereits weiter oben aufgelisteten Filmreihen isses vor ein paar Wochen dann auch schon losgegangen, bzw. genau genommen eigentlich auch noch nicht, oder jedenfalls nicht wirklich… Aber als Vorgeschmack wollte ich von (fast) jedem der laaaaaang und breit in den nächsten Monaten, vermutlich eher Jahren, in gross angelegten Retrospektiven und umfassenden Werkschauen abzuarbeitenden Regisseure, vor der eigentlichen „Arbeit“, also dem vertiefend-aufmerksamen Schauen, und daran anschliessendem detailiert-reflektierenden Schreib-Prozess, zuvor noch ein oder zwei Filmchen schauen. Hatte erst auch mit Herzog und „Aguirre“ anfangen wollen, an dem betreffenden Abend dann aber spontan doch mehr Bock auf Billy Boy Friedkin gehabt…

„The French Connection“
(William Friedkin / 1971 / Blu Ray / OmeU)

Ein dem grassierenden großstädtischen Wahnsinn und allgemeinem zivilisatorischen Verfall anheim gefallener Ausnahme-Film, der beinahe drei Viertel seiner Laufzeit über aus nichts Anderem besteht, als aus (blamabel stümperhaft durchgeführten) Beschattungen, und (meist unergiebig ergebnis-, und aussichtslosen) Verfolgungsjagden. Und aber dennoch, bzw. wohl gerade deshalb, einen irre und kirre machenden, fast schon elektrisierenden Rhythmus, eine nervenzerrende und -zerfetzende Intensität, und kaum auszuhaltende (An-)Spannung erzeugt. Gegen die herunter gekommen abgefuckte bleakness, und gritty shabbily Abgeranztheit von Friedkins und Popeyes New York City sieht die versifft-verkommene Boulevard-Tristesse aus Scorseses „Taxi Driver“ aus, als wäre sie ein Marmor-verzierter, Stuck-prangender und Mahagoni-getäfelter Prunkbau auf der Fifth Avenue. Urbane Polizei-Arbeit als frustrierend-irritierender, deprimierend-derangierter, stupide-stoischer Tretmühlen-Alltag. Mit einer der grandiosesten, wenn nicht sogar der grossartigsten Auto-(VS. urban subway commuter train)-Verfolgungsjagd(en) aller Zeiten. Ein sämtliche Grenzen zwischen Ordnungshütern und Verbrechern verwischendes nihilistisches Meisterwerk, welches sein fulminant-realistisches, desillusionierend-delirierendes Ende, das Einer:Einem nochmal so richtig heftig den Boden unter den Füssen wegzieht, dass mensch so derbe heftig auf die Schnauze fällt, wie nur vorstellbar, im Grunde genommen gar nicht mehr gebraucht hätte. Weil eigentlich weit vorher schon klar war, und ist, was hier Sache ist. Auch nach all den Jahrzehnten immer noch der wohl beste Cop-Thriller überhaupt. Und ja, für mich auch noch (weit) vor Sidney Lumets „Serpico“. Neo Noir NYPD Horror Show. „No one here gets out alive.“ Sind eh Alle innerlich schon tot.

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Die Tage habe ich „A Sad And Beautiful World“ gesehen. Die Bildsprache hat mich tatsächlich ein wenig an Wong Kar Wai Filme erinnert. Normalerweise ist das thematisch nichts, was mich sonderlich anspricht, aber die Kombination aus Figuren und Hintergrund im Libanon fand ich sehr gut.

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…da lief MI der Trailer, sah interessant aus… klingt jetzt nicht schlecht.

Joa, den Trailer zu „A Sad And Beautiful World“ hab’ ich nun bei meinen diversen Besuchen im Hamburger „3001“-Kino über den Zeitraum der letzten vier bis sechs Wochen bestimmt so an die vier bis sechs Mal gesehen… werd’ den aber vermutlich dennoch nicht schauen, weil erstens jetzt auch nicht soooooo sehr daran interessiert, rein thematisch besehen, und zweitens nur wenig Zeit. Morgen nachmittag schau’ ich wohl erstmal „Für immer 16“ von Brezel Göring, mit Lilith Stangenberg, und irgendwann vor’m FFF hoffentlich auch noch die Zweitsichtung von „Teenage Sex And Death At Camp Miasma“. Und ab Mittwoch dann ja eh’… na, Ihr wisst ja. Auf „Staatsschutz“ hab’ ich auch derbe Bock. Der läuft im „3001“ aber erst ab 10. September.

Ach hier wieder - ist Staatsschutz ein „Genrefilm“? Könnte man m.E. sogar verargumentieren. Wie dem auch sei, ich habe den gestern gesehen und fand ihn ziemlich stark. Sperriges Thema. Man mag die Charaktere für (zu) plakativ halten, aber irgendwie hat der mich gepackt schon nach wenigen Minuten. Teilweise einfach nur clever geschnitten mit Witz in genau der richtigen Dosis. Der Film schafft es für mich, gleichzeitig ein Thema zu bearbeiten, über das einige Deutsche lieber gar nicht reden oder nachdenken wollen und trotzdem nicht moralinsauer zu werden. Auch drückt der Streifen für mich ordentlich aufs Gaspedal und ich habe nie auf die Uhr geschaut.

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Ich hatte irgendwie gedacht, wir hätten hier irgendwo in den Foren-Untiefen auch noch einen eigenen Trailer-thread… da ich selbigen aber nach einer recht kurzen (und zudem zugegebener Maßen auch eher halbherzig durchgeführten) Stichwort-Suche nicht gefunden habe, poste ich das jetzt kurzerhand einfach mal hier hinein (da es aus nachvollziehbaren Gründen nicht in den „Aktuelle Genrefilme“-thread passt)… weil: Meine Fresse, hab’ ich aber mal Bock auf den Film!

Heart of the Beast - eine absolut positive Überraschung. Bei Ayer + Militär-Schäferhund gingen bei mir die Alarmglocken an. Eine gelungene Reinkarnation für Ayer und Pitt hat seinen „The Revenant“. Ich habe selbst zwei Hunde und der Film ging mir echt nah. Erfindet das Rad nicht neu, aber ist ungeheuer bewegend. Leider spoilert die allererste Szene den kompletten Film.

Primetime - ein ziemlich chaotischer Film. Bei einem Budget von gerade einmal $15 mil wird A24 schon an diesem Wochenende die Sektflaschen kaltstellen dürfen. Pattinson zieht Besucher und weiß diese auch zu fesseln. Ein anderer stehlt aber die Show und ist der heimliche Hauptdarsteller, Skyler Gisondo. Der Anfang und das Ende sind stark, der Mittelteil hat seine Längen.

The Weight - ein Film ganz nach meinem Geschmack und einer meiner Lieblinge in 2026. Ethan Hawke schleppt sich während der Großen Depression (bzw in den Folgejahren, 1934) seinen Rücken wund. Um vorzeitig aus dem Gefängnis zu kommen, stimmt er einen Deal mit seinem Arbeitslager-Kommandeur zu, gespielt von Russel Crowe. Was danach folgt ist bestes Abenteuer-Kino a la „Sorcerer“. Schöne, lange und teils auch ruhige Passagen in Waldgebieten rundum Oregon.

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Zustimmung für Heart of the Beast. War skeptisch v.a. wegen David Ayer, aber der ist m.E. echt gelungen. Oscar für den Hund bzw. die laut Abspann vier verschiedenen Darsteller des Hundes. :sweat_smile:

Habe heute Look Back von Hirokazu Koreeda gesehen. Japanische Filme sind für mich häufig wenig zugänglich und sehr „japanisch“, im Gegensatz z.B. zu Filmen aus Korea. Der hier dreht sich bekanntermaßen um zwei Mangazeichnerinnen und beruht auf einem Anime (nicht gesehen), der, glaube ich, wiederum auf einem Manga (nicht gelesen) beruht. Ich mochte den, weil ich mich generell für japanische Kultur und das Leben hier interessiere. Kann mir gut vorstellen, dass für reguläre Zuschauer zu wenig passiert und zu viel „gezeichne“ gezeigt wird. Das ist nämlich wirklich ca. 50 % des Films. Wunderschöne Bilder aus der japanischen Provinz gibt es und ich könnte mir sowas ewig angucken. Den beiden Hauptfiguren fehlt, finde ich, ein echter Bogen. Dafür mochte ich das Ende sehr, in dem es nach meiner Lesart um die Verarbeitung einer angenommenen Schuld geht.

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Ich habe mal zwei Klassiker von John Frankenheimer aus meiner „Peinlich, peinlich, nie gesehen“ Liste nachgeholt:

THE MANCHURIAN CANDIDATE (1962)

SECONDS

Außerdem zwei aktuellere Filme „für die ganze Familie“:

TOY STORY 5

THE INVITE

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Kennst du das Remake zu Manchurian Candidate? Gefiel mir etwas besser weil moderner. Aber auch nichts großes. Find die Besetzung ganz gut mit Liec Schreiber, Denzel Washington und Meryl Streep. Lustiger Fun fact mit den Scheidungspapieren. :laughing:

Habe ich seinerzeit im Kino gesehen, ja, ist aber halt schon ein paar Tage her. Ich fand den damals so lala, Meryl Streep prima, an den Rest habe ich kaum Erinnerung.

Ich habe gemeinhin eher kein Faible für deutsche Krimi-Filme, der TATORT-Vibe schlägt meistens durch und lässt das Ganze spröde und nicht sehr immersiv wirken. STAATSSCHUTZ hat mich allerdings positiv überrascht und auch emotional mitgenommen. Habe ihn Anfang Mai beim Lichter Filmfest in Frankfurt gesehen und war vor allem von seiner storyseitigen Konsequenz beeindruckt. Ob man ihn als Genrefilm einordnen sollte, weiß ich allerdings nicht. Mindestens die erste Hälfte des Films ergeht sich doch eher in Ermittlungs- und vor allem Gerichtssaal-Sequenzen, denen das genretypische Unmittelbare fehlt. Andererseits ist das Finale erfrischend radikal und „dirty“. Klassische Revenge-Story, eigentlich. Sollten jedenfalls unbedingt mehr Menschen sehen.

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Hat eigentlich jemand hier schon BERND - OPERATION GERMANENKIND gesehen? Würde mich sehr interessieren, was ihr davon haltet. Eine sehr schlingensiefige Verfilmung eines Theaterstücks über eine inklusiv engagierte Theatertruppe, die mit der NS-Faszination ihres „Inkludierten“ konfrontiert wird. Artet schließlich zum kompletten Blutbad aus. Bin selbst nicht begeistert, das war ich aber von Schlingensief auch nie.

DIGGER ist längst nicht so schlecht, wie ihn 90 % der Kritiker geschrieben haben, wenn auch nicht das Meisterwerk, das die anderen 10 % darin sehen. Der Film hat zwei Twists, die alles Gezeigte in Relation setzen. Wer den Trailer gesehen hat, hat also noch nicht den eigentlichen Film gesehen. Dies nur für alle Unentschlossenen.

Ich fand ihn auf jeden Fall sehenswert, wenn auch etwas anstrengend. Dass dieser Film kein Mainstream-Hit werden würde, hätte man aber mit etwas gesundem Menschenverstand schon beim Lesen des Skripts merken können. Trotzdem schön, dass Iñárritu von Warner soviel Geld für diese aufwändige Umsetzung bekommen hat. Review folgt demnächst.

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Wie angekündigt, hier meine Review zu DIGGER. In einem Anflug von cineastischem Masochismus habe ich im Anschluss an den Kinobesuch auch gleich noch Iñárritus vorletzten Film BARDO nachgeholt. Ein durchaus interessantes, aber auch forderndes Double Feature.

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Bin mir immer noch unsicher ob ich DIGGER anschauen soll, wäre ansonsten tatsächlich der erste Iñárritu den ich auslasse…kann mit Thomas Kruse halt gar nix anfangen.

Den BARDO hab ich seinerzeit gottlob im Kino gesehen - fand den schon ziemlich cool. Der mag als Ganzes nicht so gut funktionieren, da viel zu assoziativ und bisweilen spröde & zäh, aber er hat schon viel unglaublich tolle Szenen und Momente - u.a. die von dir beschriebenen. Ich glaub die letzte Viertelstunde war auch ziemlich großartig, obwohl ich mich da an keine Details mehr erinnern kann. Kumpel fand den seinerzeit eher enttäuschend und langweilig.
Hm, den sollte ich vielleicht mal wieder auffrischen…

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So ziemlich die beste Analyse zu DIGGER, die ich bisher gelesen habe. Achtung, massive Spoiler.

Und ein Deep Dive mit dem Regisseur (noch ungelesen durchgereicht).