Nippon Connection Filmfestival 9.-14.6.2020

Gestartet habe ich die Nippon Connection gestern mit HELLO WORLD. Mir war nach leichter, typisch japanischer Anime Kost und genau das kriegen wir hier. Große Kulleraugen, emotionale Musik mit Pop Einflüssen oder klassisch. Die Sci-fi Romanze fängt sehr gewöhnlich an, eben nach typischem Manga Schema und dreht erst ab der Hälfte auf, wobei sie in psychedelische Gefilde vorstößt. Ich habe schon einige gute Animes gesehen. Hello World muss sich im Rang leider eher im unteren Mittelfeld anstellen wobei ich gar nicht erklären kann, warum eigentlich. Die philosophischen Ansätze gefallen, die Animationen auch im Wesentlichen. Aber irgend etwas fehlte um den Funken bei mir so richtig überspringen zu lassen. Für Anime Fans empfiehlt sich die Sichtung, wer aussieben muss, schaut sich erstmal die Alternativen an (z.B. THE PIANO FOREST). Hello World

Lustig, den habe ich mir auch gestern gegeben. Wunderbar abgedrehtes Zeugs, im späteren Verlauf. Fand im direkten Vergleich Summer Wars zwar besser, weil irgendwie eigenständiger und das Zwischenmenschliche überzeugender war, als Anime Fan muss man Hello World aber gesehen haben.

Die Eröffnung habe ich auch verfolgt, hat sehr fein in’s Festival eingestimmt. :stuck_out_tongue:

Summer Wars gefiel mir auch besser, ebenso das Mädchen das durch die Zeit sprang. Aber schön abgedreht war’s schon am Ende. Als das losging mit diesen schräg psychedelich-bunten Sequenzen, fühlte ich mich kurz an Mindgame erinnert. Von Studio 4°, etwas älter schon.

„HHHHHOOOUUUUUUSSSE!!!“ :joy:

Weiter ging es gestern mit THE JOURNALIST. The Journalist

Es ist faszinierend wie es dem Film gelingt, seinen ganz eigenen Beitrag zum Subgenre des investigativen Journalismus hinzuzufügen, vergleicht man ihn z.B. mit DIE UNBESTECHLICHEN aus den 70ern oder mit dem starken DIE DOLMETSCHERIN. (Bin mir gerade nicht sicher, ob der eigentlich das gleiche Subgenre bedient, aber irgendwie musste ich an den denken). Hier wirkt nichts abgekupfert oder kopiert. Besonders faszinierend fand ich die Art, wie er mit Hilfe der hervorragenden Musik/Sounds und Nähe zu den Protagonisten seine ganz spezielle Atmosphäre evoziert. Geschickt wechselt er das Farbschema von blass-neblig-diffus zu klar-glänzend und untermauert damit die inhaltliche Bedeutung der Schauplätze im Drehbuch. Komponist und Hauptprotagonisten verdienen dickes Lob für ihren Beitrag.

Angesichts der knapp zwei Stunden kann sich die Dimension der Story seitens des Drehbuchs jedoch nicht gänzlich in die politisch-sozialen Sphären ausdehnen, die evtl. möglich gewesen wären, zumindest habe ich das so empfunden. Ich muss auch einräumen, das ich erhebliche Schwierigkeiten hatte, in den Film hineinzufinden, was am Kenntnismangel bestimmter Wörter der englischen UTs lag. Allerdings gibt es Momente im Film, in denen die Erläuterung genau jener möglichen Stolpersteine geschickt in die Dialoge eingeflochten werden. Überhaupt ist die Einnahme der Perspektive des Zuschauers, oder besser das Hineinversetzen in dessen mögliche Fragen, eine weitere Stärke von THE JOURNALIST und der Film versteht es geschickt, dem Zuschauer an de richtigen Stellen antworten oder Hinweise zu liefern. Insgesamt ein sehr atmosphärisch-ruhiger, vereinnahmender Film mit großartigen Darstellern und Sounds. :sparkles:

@FrankThe Journalist“ hat mir auch gut gefallen. Wie Kumiho bereits weiter oben erwähnt hat, wurde der Film bei den diesjährigen japanischen Academy Awards mehrfach ausgezeichnet:

" „The Journalist”, Michihito Fujii’s drama about a young female reporter who investigates a scandal that extends to the highest reaches of Japanese politics, won the Best Picture prize at the 43rd Japan Academy Awards ceremony, held in Tokyo Friday. Due to concerns about the spread of coronavirus, no guests were invited and no media were on site to cover the ceremony at the Grand Prince Hotel New Takanawa. Based on Isoko Mochizuki‘s non-fiction book, “The Journalist” was a surprise box office hit last year, breaking an industry taboo against dramatizing real-life political controversy in commercial films. Shim Eun-Kyung [eine südkoreanische Schauspielerin, Anm. des Fanthoms] , who played the Korean-Japanese reporter, took the Best Actress prize. Meanwhile, Tori Matsuzaka, who co-starred as a conflicted elite bureaucrat the reporter uses as a source, was named Best Actor.“ (Auszug aus „Variety“).

Als Ergänzungsprogramm kann ich die Dokumentation „i -Documentary Of The Journalist“ über Isoko Mochizuki empfehlen, auf deren Arbeit „The Journalist“ lose basiert. Ein beeindruckendes Plädoyer für Pressefreiheit, das die politische Verantwortung jedes Einzelnen betont. Angesichts der Thematik hätte der Film aus meiner Sicht einen besseren Regisseur verdient, gehört für mich aber allein schon wegen der charismatischen Mochizuki zum Pflichtprogramm der diesjährigen Nippon Connection.

Her Blue Sky kann ich auch empfehlen, nette Lovestory mit einem Musiker der in der Zukunft in einem Haus festsitzt und sein älteres Alter Ego mit seiner Jugendliebe verkuppeln muss. Sehr charmant umgesetzt.

Was mich Mal interessierne würde: Weshalb kann man nicht zumindest die Dokus auch nach dem Festival, weiter als Stream anbieten? Wo soll man die in Deuitschland sonst zu Gesicht bekommen? Da würde es sich doch für alle lohnen, wenn die Dokus auch nach dem Festival für eine längere Zeit verfügbar bleiben.

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@lexx Oh, das freut mich :grinning: . Hatte mich beim Kauf meines 10er Tickets schweren Herzens gegen „Hello World“ und für „Her Blue Sky“ entschieden. Agreed, zu viele interessante Filme und zu wenig Zeit! Zum Glück werden die Live-Streams scheinbar alle auf Youtube verfügbar sein, so dass ich einige auf nächste Woche verschieben kann. Sonst schaff ich meine Filme nicht…

Wie kürzlich I SEE YOU, den starken, spanischen SLEEP TIGHT oder THE RESIDENT (mit Hillary Swank), beweist auch UNDER YOUR BED, das man dem Home Invasion/Bedploitation Subgenre unterschiedliche Facetten abgewinnen kann. So ist auch diese Literaturverfilmung des Horror-Thriller-Dramas von Kei Oishi recht originell mit der Entscheidung die Ich Erzählung als stilistisches Mittel zu verwenden und dem Hauptprotagonisten einen interessante Motivation für sein Handeln zu geben.
Zwei Themen stechen im Film hervor, häusliche Gewalt und die Sehnsucht wahrgenommen zu werden. Dementsprechend erwartet den Zuschauer keine leichte Kost, wohl aber leichtfüßig inszenierte. Ästhetisch gefilmt und atmosphärisch findet der Film mit Hilfe des seeehr sparsamen, Akzente setzenden Soundtracks seinen eigenen Rhythmus, wobei er langsam vorgeht und Redundanz im positiven Sinne als Stilmittel nutzt. Brutal, radikal, böse, manchmal beklemmend und letztlich irgendwie tragisch ist er durch die Art der (helllen) Inszenierung gefühlt dennoch kein so großer Downer wie der Stoff es ermöglichen würde. Es gibt einige Nudity Szenen, man sollte hier jedoch keine Erotik erwarten. Aufgrund seiner Umsetzung und Darstellung eine empfehlenswerte Genreperle, die auf Festivals wie der Nippon Connection oder dem JFFH am richtigen Platz ist. :+1: Under Your Bed
Edit evtl. kam das nicht so rüber, aber der Film hat durchaus einige herzlich-charmante Momente, begünstigt durch die eher helle Ausleuchtung.

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@Frank Der Trailer hat mich auch sofort an „Sleep Tight“ erinnert. Ich musste beim FFF Screening damals so lachen, als Balagueró beschrieb, wie er beim Entstehungsprozess des Films an seiner Frau getestet hat, ob man sich wirklich längere Zeit unbemerkt unter einem Bett verstecken kann :joy: .

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Lol. Ja, ich meine das Bonusmaterial auf der Bluray war interessant…Müsste ich eigentlich mal wiederholen den Film. Ist deutlich mehr auf Suspense ausgelegt als Under Your Bed.

Was lief sonst noch so? Würde gerne mal ein paar Stimmen zu AFTER THE SUNSET und THE NIGHT IS SHORT; WALK ON GIRL hören…

Under Your Bed“ hab ich mir gestern abend auch angesehen. Wahrlich keine leichte Kost, wobei mir der Ansatz gefallen hat mehr auf Empathie als auf einen reißerischen Plot zu setzen. Die drastische Darstellung von Gewalt gegen Frauen hat mir schwer auf den Magen geschlagen. Traurig fand ich dabei, dass die gewalttätigen Männer in beiden Fällen unter ihren Arbeitsbedingungen (bzw. ihre Behandlung durch Kollegen oder Höherrangige) litten. Der Film weist damit wohl leider auf ein systematisches Problem hin, um es mal vorsichtig zu formulieren… sob sob

Den Film Talk mit der Regisseurin Mari Asato werde ich aus Zeitgründen kommende Woche nachholen…

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@Frank Die genannten Filme hab ich leider (noch) nicht gesehen. „After the Sunset“ werde ich wohl am Sonntag abend dazubuchen, wenn ich bis dahin mit meinen bereits ausgeliehenen Filmen durch bin (um 23 Uhr buchen und bis 23 Uhr am Montag schauen Stress xD).
Mein Festivalauftakt war „Makuko“, bei dem ich auf Basis der Kurzschreibung (Junge, der nicht erwachsen werden will, trifft Mädel from outer space) leichte Kost zum Einschlummern erwartet hatte. Der Film war dann auch sehr süß, über weite Strecken aber überraschend emotional, wenn besagter Junge u.a. über die eigene Sterblichkeit und die Vergänglichkeit aller Dinge nachdenken muss. Aus meiner Sicht ein bewegender/familientauglicher Film, der sich gut eignet, um jüngere Zuschauer in schwere Themen wie den Tod einzuführen.
Zu „The Journalist“ und "i -Documentary Of The Journalist“ hab ich weiter oben kurz was geschrieben. Das bekloppteste double feature seit langem war für mich am Tag darauf dann „House“ gefolgt von „The World of Kanako“ - beides Pflichtfilme (ok, mit gewissen Einschränkungen), zu denen ich leider erst später was texten kann, weil ich jetzt meinen Vadda zur Markthalle fahren muss, irks :sweat_smile:.

Zum Chillen hier noch das Video zur Performance von Usaginingen. Nicht nur mit Sake eine interessante audiovisuelle Erfahrung :innocent: :

Kanako ist wirklich ein Brett. Hatte ihn 2015 auf dem FFF gesehen, so lang schon wieder her…Nach Sichtung des Films hatte ich damals dieses Review The World of Kanako dazu geschrieben. Die Zeit wird jetzt wohl nicht für eine Zweitsichtung reichen. Zumal HOUSE auch bei mir noch auf dem Zettel steht. :wink:

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Ein neuer Film von Sabu (Hiroyuki Tanaka), weckt immer meine Neugier. Bislang hatte jeder Film von ihm den ich sah Originalität und großen Unterhaltungswert. MONDAY, BLESSING BELL, MISS ZOMBIE und MR. LONG sind allesamt Ausahmewerke in der Filmlandschaft und innerlich bei mir immer noch als Geheimtipps verbucht. Sicher ist die Bekanntheit des Regisseurs mittlerweile größer.

DANCING MARY fängt so unglaublich gut an, in Bezug auf Editing, Sounds, Bildauswahl und Timing :joy:, das man gar nicht anders kann als hierin den Beginn eines Meisterwerk zu sehen und meine Erwartungen blitzartig in die Höhe schossen. Leider kann der Film dieses starke Niveau nicht halten. :roll_eyes:
Als wenn SABU beschlossen hätte, er brauche kein solch hochwertiges cinematografisches Kino für eine Geschichte die Spaß machen soll, kommt es dann leider auch so, das nach ca. 30 Interesse weckenden Minuten des Story Aufbaus, einiger humorvoll-intelligenter Szenen und des Erscheinens sehr unterschiedlicher kurioser Protagonisten die Inszenierung nicht mehr mit der Idee dahinter mithält. Ja auch inhaltlich zeigen sich Schwächen. Szenen fangen an belanglos zu wirken, intelligenter Humor mutiert zu Blödelei und raffinierte Schnittsequenzen und dynamische Abfolgen werden einem gewöhnlich-gemächlichem Erzähltempo geopfert.

Die Idee wechselnde Farb- und s/w Bilder für die Erzählung der Story zu verwenden ist gut, genau wie der Wechsel der Zeitebenen, in denen sich dann auch noch eine wunderschöne, atmosphärisch-nostalgische Sequenz von großer Intensität zeigt. Dies reicht aber leider nicht, um an das Anfangsniveau anzuknüpfen.

Subjektiv hatte ich Schwierigkeiten mit dem Hauptdarsteller und dessen im Film dargestellten Charakter. Bis zum Schluss gelang es mir irgendwie nicht die grundlegende Sympathie aufzubauen, die mein Interesse, seinem Weg zu folgen, stark genug hätten werden lassen. Auch die qualitativ zunehmende Endphase wird duch eine mir unverständlich überzogene Sequenz des Drehbuchs wieder geschmälert, bei der ich das Verhalten des Hauptdarstellers für total überzogen hielt.

Thematisch werden wir, wie so oft im japanischem Kino, mit dem Tod konfrontiert und der Idee von der Seele, die ihren Frieden finden will/muss. Unterschwellig finden sich auch Themen der Schuldfrage und Vergebung.

Wenn sich SABU dazu entschieden hätte seiner MARY auch im Verlauf weiterhin einen größeren Stellenwert zuzubilligen, und mit Hilfe des Editing und Pacing Potenzials eine stärkere Verbindung zwischen Moderne und Nostalgie zu schaffen, dann wäre DANCING MARY das Meisterwerk geworden, das sich in den ersten 5 Minuten andeutet. Stattdessen macht er einen auf SION SONO. So kann der Film dann dennoch Spaß machen, er empfiehlt sich evtl. für eine Zweitsichtung und ist allein wegen seines Intros ein Must See auf der Nippon Connection. Aber was für ein Potenzial wurde hier in meinen Augen verschenkt. :slightly_smiling_face: :slightly_frowning_face: :slightly_smiling_face: :slightly_frowning_face: Dancing Mary

AFTER THE SUNSET ist ein eher ruhiiges, gelungenes, gut geschauspieltes und sicher inszeniertes Drama zum Thema Familie. Behandelt wird das spezielle Thema der Adoption. Und ich muss sagen, der Film ist richtig aufwühlend, damit hatte ich nicht gerechnet. Das idyllische Insel Setting funktioniert hierbei als schöner Spiegel der Familie in einer größeren Dimension. Seitens des Drehbuchs findet sich eine interessante, nicht unbedingt vorraussehbare Idee, die die Charaktere vielschichtiger werden lassen als anfangs zu vermuten. Obendrein ist AFTER THE SUNSET auch ansprechend fotografiert und in Szene gesetzt.
Das Ende, die Lösung, die der Film für sein Problem findet ist sicher diskutabel und ethisch nicht ganz einwandfrei, auch wenn es so scheint. Ein wirklich gutes, empfehlenswertes Familiendrama, welches sich kürzer anfühlte als 133 Minuten. :family_man_girl_boy:

Hab mir „Under your bed“ jetzt auch angesehen, war für mich eher ein ruhiges Drama über häusliche Gewalt, nicht wirklich mit den beiden anderen „Unterm Bett“ Filmen vergleichbar die auf dem FFF damals liefen. Der Stalker war diesmal immerhin der Held, auch mal was neues.

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Danke @Kumiho für deinen Hinweis auf das „Far East Film Festival“, den man hier nachlesen kann.

Im FEFF-Programmheft (siehe Kumihos Eintrag), sind auch einige Filme der diesjährigen Nippon Connection vertreten:

Labyrinth of Cinema“ (Special Screening)
i - Documentary of the Journalist“ (Documentaries)
Minori, on the Brink“ (Japan)
My Sweet Grappa Remedies“ (Japan)

Ich müsste eigentlich mal meinen Keller ausmisten, aber vor lauter Online-Filmfestivals wird das momentan nix… :innocent:

@FrankThe World of Kanako“ hat mich in der ersten Stunde extrem beeindruckt! Die ungewohnte Ästhetik, Musik und fragmentierte Erzählweise haben ich total in den Film gezogen und mei… äh… den Geisteszustand der Hauptfigur perfekt unterstrichen. In der zweiten Hälfte wurde es mir etwas zu viel mit den übertrieben inszenierten Gewaltszenen. Eigentlich war die Entwicklung der Hauptfigur zum Ende hin sehr emotional angelegt, was der audiovisuelle Overkill (zumindest für mich) aber überlagert hat. Mehr stilistische Zurückhaltung (bei aller Liebe zu Tarantinos früheren Filmen, die man dem Film anmerkt) hätte aus meiner Sicht die Wirkung des letzten Drittels verstärkt. Für Asia/FFF-Fans aber natürlich Pflicht!

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Falls Interesse besteht habe ich zu dem besonderen Review The Whispering Star ein paar Spoiler freie Worte geschrieben, nachdem ich den Film 2016 auf dem Japan Filmfest HH gesehen hatte. Denn wie bei KANAKO kann es von Vorteil sein wenn man zwecks Abgleich mit der eigenen Stimmung zumindest eine vage Vorstellung von der Stimmung des Films hat. Informationen z.B. solcher Art das man bei WHISPERING STAR die ersten 3 Minuten einen tropfenden Wasserhahn sieht und hört. :laughing:

Weitere kurze Hilfestellung auf den letzten Metern kann ich zu MISS HOKUSAI geben, ebenfalls aus einem älteren Post aus 2016 Review Miss Hokusai.

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