Sodele - Nachdem ich schon eine ganze Weile lang mit dem Gedanken schwanger ging, einen neuen thread zu ebendiesem Thema zu eröffnen, habe ich just heute abend / nacht kurzerhand beschlossen, ihn nun auch eeeeeeeeeendlich mal in die Tat umzusetzen… und wer „hier in diesen Foren“ schon eine Weile lang (mehr oder weniger) aufmerksam mitliest, die:der dürfte wohl mit einiger Sicherheit sich schon recht genau denken können, mit welch wohlfeilem und von mir heiss und innig geliebten Lichtspiel-Theater ich hier den Auftakt zu machen gedenke. ![]()
Das „3001“-Kino in Hamburg: (M)Ein Wohlfühl-Kino im Schanzenviertel
Ich werde ja nicht müde, immer und immer wieder zu betonen, dass dieses schöne, kleine und feine Film-Theater im Herzen der schönen Hansestadt Hamburg das für mich persönlich herzallerliebste Kino auf der ganzen GROSSEN weiten Welt war, ist, und bis auf Weiteres wohl auch bleiben wird. Im Folgenden möchte ich Euch das Kino, seine Historie und sein näheres Umfeld ein wenig näher vorstellen, und versuchen zu erläutern, warum mir gerade dieses Haus so sehr an meinem kleinen cineastischen Herzen liegt. Denn (vermutlich nicht nur) für mich ist und sind das Ambiente eines Kinos, die Atmosphäre im Saal, und die Stimmung im Publikum durchaus auch für das eigene Sichtungs-Erlebnis enorm wichtig, und mitentscheidend, und prägen die subjektiv eigene Wahrnehmung des gesehenen Films prägnant-bestimmend mit. Und gerade auch in dieser Hinsicht kann ich mir kaum einen besseren Ort zur Film-(Be-)Schau vorstellen, als eben das „3001“. Kommt mit, auf einen Rundgang durch mein Lieblingskino…
Zur Geschichte des Kinos
Am 1. Mai 1991 auf dem ehemaligen Firmen-Gelände der Hamburger Schreibutensilien-Firma Montblanc eröffnet, war das „3001“-Kino Bestandteil einer sich im Zuge der Überlassung des Gebäudekomplexes durch die Stadt Hamburg, welche das Gelände erworben hatte, und nun diversen alternativen Nutzungsformen zur Verfügung stellte, etablierenden divers-vielfältigen Alternativ-Kulturellen Szene, welche unter Anderem auch noch das Alternative Hotelprojekt „Schanzenstern“, sowie die Drogenhilfe-Einrichtung „Palette“ und einen interkulturellen Boxclub in direkter Nachbarschaft einschloss. Im Jahre 2006 verkaufte aber der CDU-geführte Senat (Hamburger Pfeffersack-Äquivalent zur Landesregierung) ein Portfolio mehrerer Grundstücke, welches auch das Ex-Montblanc-Gelände beinhaltete. Nach mehreren Investor:Innen-Wechseln kam es im Jahre 2016 schliesslich zur Kündigung einiger Mietverträge, unter Anderem musste auch der „Schanzenstern“ einer Pizzeria weichen. Dies zog im traditionell eher linksalternativ gerichteten / autonomen Schanzenviertel lautstarke Proteste, und mehrere Demonstrationen nach sich. Das „3001“-Kino war von diesen Kündigungen allerdings ausgenommen, da hier noch eine Option zur Verlängerung des damals gültigen Mietvertrags bis ins Jahr 2021 bestand. Das Kino-Team musste aber die im Vorhof befindlichen Tische und Stühle, sowie auch die Fahrradständer abbauen, und wurde den Betreiber:Innen und dem Publikum untersagt, sich dort in grösserer Anzahl aufzuhalten, und diesen weiterhin grossflächig zu nutzen. Auch die Schaukästen sollten entfernt werden, dies konnte jedoch durch eine Einigung zwischen den beiden Parteien vermieden werden, und sind diese auch weiterhin in Betrieb. Eine Erneuerung des Mietvertrags steht AFAIK allerdings weiterhin aus. Sodass die weitere Zukunft des Kinos vielleicht nicht ganz so gut und dauerhaft gesichert ist, wie ich selbst mir das wünschen würde.
Das Programm des Kinos
Das „3001“ war seit seinen Anfängen, und ist auch weiterhin, ein Programmkino. Eines noch dazu, dessen programmatisches Film-Angebot seit jeher, und auch immer noch, extrem gut kuratiert ist. Von eher arthousigen Streifen, über Underground-Spezialitäten, und Genre-Perlen, bis hin zu mainstreamigem Kinder-Kino, ist hier eine reichhaltige Bandbreite vertreten. Viele, eigentlich die meisten, fremdsprachige Filme laufen im Original mit (deutschen, gelegentlich auch englischen) Untertiteln. Es kommt nicht selten vor, dass ein Streifen gezeigt wird, welcher tatsächlich im gesamten Hamburger Stadtgebiet nur hier, in diesem einen Kino, zu sehen ist. In diesem Jahr so geschehen mit beispielsweise Urška Djukićs queerem Coming of Age-Film „Little Trouble Girls“ (den ich leider, leider verpasst habe). Auch diverse Filmfestivals waren oder sind hier zu Gast, so unter Anderem das FilmFest Hamburg (früher), die ehemaligen Lesbisch-Schwulen Filmtage (jetzt Queer Film Festival Hamburg), das JapanFilmFest Hamburg, in der nächsten Woche die Dokumentarfilmwoche Hamburg, die Romero-Tage (lateinamerikanisches Befreiungskino), das Unerhört!-Musikfilm-Festival, und, und, und… Auch viele politische Filme mit zeitaktuellem und / oder lokalem Bezug laufen im „3001“, oftmals auch in einmaligen Sondervorstellungen. Zuguterletzt hat auch das Kino selbst noch einige kleinere Filmreihen, die monatlich einen bestimmten Streifen featuren - im Rahmen des " Cine Club Español" werden Filme aus Lateinamerika und Spanien im original (meist mit Untertiteln) gescreened, „Cinema Obscure“ zeigt rare und selten aufgeführte Genre-Beiträge (demnächst den indonesischen „Crocodile Tears“), und gelegentlich gibt auch die eine oder andere Retrospektive / Werksachau (zur Zeit laufen gerade fast alle Park Chan-Wook-Filme nochmal). Ganz früher, in den 1990ern, gab es noch die Möglichkeit, im Rahmen der unter der Woche stattfindenden Frühnachmittags-Vorstellungen, einen (meist aktuellen) Film für den schon damals unschlagbar günstigen Preis von 5, - DM zu sehen. So habe ich, IIRC, das „3001“-Kino damals überhaupt erst kennen, schätzen und lieben gelernt. Einer der ersten Filme, wenn nicht sogar der erste Film überhaupt, die ich hier sah, war damals Jim Jarmuschs psychedelischer Post-Punk-Western „Dead Man“, in ebenjener preisgünstigen 5-Mark-Nachmittags-Schiene.
Das Interieur
Das „3001“ ist ein eher kleines, aber feines, und ungemein gemütliches Kino. Der Saal hat gerade einmal 91 Sitzplätze (früher waren es 5 mehr), plus einige Rolli-Plätze, die Sesselbreite beträgt gute 50 cm, und abgesehen von einer kleinen Theke (plus Kasse) direkt im Foyer, und einer kleinen Sitzecke direkt vor dem Saal, sowie einem auch nicht viel grösseren Sitzbereich in Nähe der WCs, ist auch sonst nichts weiter an interner Infrastruktur vorhanden. Muss aber auch gar nicht - Hier konzentriert sich Alles einzig und allein auf das Film-Erlebnis. Die Leinwand-Maße betragen 5,50 m x 7,50 m (ca. 41 qm), der Ton wird in Dolby Digital 5.1 wieder gegeben.
Was ich an diesem Kino so sehr schätze
Nun wird’s schwierig - extrem schwierig, sogar. Denn wie um Alles in der Welt soll ich Euch, die Ihr das Kino in der Mehrzahl vermutlich ja gar nicht selbst kennt, erklären, dass ich das „3001“ mehr mag, als den majestätisch prächtigen grossen Saal im „BFI“ an der Londoner South Bank? Ich das Ambiente hier um so Vieles mehr schätze, als das gediegen-luxuriöse FFF-Stammkino „Savoy“ am Steindamm, mit seinen geräumig-bequemen, ausladend-breiten Ledersesseln? Nun, was ich am „3001“ soviel mehr mag, als an allen anderen Kinos, die ich bislang besucht habe, ist dieses nur schwer vermittelbare Gefühl von Aufgehobensein, wenn ich mich auf meinen „Stammplatz“ (ja, auch hier bin ich selbstschreibend mal wieder extremst Sitzplatz-bitchy) in der vorletzten Reihe setze. Diese von Anderen eventuell nur sehr schwer nachvollziehbaren Empfindungen von einer Art cineastischem Daheim-Sein, wenn das Saallicht verlöscht, der samtrote Vorhang sich öffnet, und ich mich in jenen Momenten so wunderbar geborgen und angekommen fühle, wie an vielleicht nur wenigen anderen Orten auf der Welt. Diese gemeinsame, nun auch schon gute drei Jahrzehnte währende Geschichte, und filmische Biographie, die mich mit diesem Kino, und den dort von mir gesehenen Filmen mehr verbindet, als mit jedem anderen Lichtspiel-Theater. Diese unglaublich stark empfundene Wahrnehmung von Verbundensein, nicht nur mit dem Haus an sich, und seinem Personal (dem damaligen Programmchef Jan Fangmeier, der jetzt das „Bizarre Cinema“ im Kommunalen „Metropolis“-Kino mit-kuratiert, programmiert, und moderiert, habe ich in den Nullerjahren hier mal mein Buch-Exemplar von "Giger’s „A L I E N“ ", welcher damals schon wieder mal out of print war, für 'nen Appel und 'n Ei überlassen, und, weil er ja auch gern gesehener Stammgast auf dem FFF war, oft und viel mit ihm (nicht nur) über das Genre-Kino gefachsimpelt), sondern oft auch mit den anderen Gästen (mit denen zu kommunizieren sich fast immer um soviel besser und tiefgründiger gestaltet, als bei fast allen anderen Anlässen (und ja, das schliesst durchaus auch das Hamburger FFF mit ein - hier anwesende Hamburger (oder auch Berliner) Foren-Mitglieder selbstschreibend fast durchweg ausgenommen…)). Und wenn dann nach dem Ende des Films die Deckenbeleuchtung wieder aufscheint, die hier so ausschaut, wie Sternbilder, dann bin ich meist in einem emotionalen Gemisch aus aufrichtig empfundener Dankbarkeit, tiefer Erfüllung und ergriffenem Angerührtsein begriffen, und brauche oft einige Augenblicke, um mich innerlich wieder zu sammeln, und den Weg aus dem Kinosaal zu finden. Ein Gefühl, welches ich so, und in dieser Intensität, kaum bis fast nie, in einem anderen Kino wahrnehme. Seien es der riesige Hauptsaal im BFI, das heimelig-denkmalgeschützte Interieur im Metropolis-Kino, oder auch die stylishe Aktualität und moderne Technik im Savoy: Sie alle kommen nicht mal im Ansatz an diese tiefe Verbundenheit, diese schon persönliche Beziehung, welche ich zu diesem Kino habe, und diese lange zurückreichende filmbiographische Prägung heran. Meist, wenn ich einen Film schauen möchte, dann gucke ich zuerst mal nach, ob er nicht vielleicht doch auch im „3001“ gezeigt wird. Und wenn das der Fall sein sollte, dann warte ich gerne auch mit der Sichtung, bis ich ihn da und dort mitnehmen kann. Alleine schon die Tatsache, dass ein Streifen dort gezeigt wird, macht ihn, die Sichtung, und das filmische Erleben, für mich oftmals, meist sogar, nochmal um Einiges besser, intensiver, und tiefgehender. Viel mehr kann mensch sich, kann zumindest ich mir, von einem Kino, und dessen Besuch, eigentlich kaum erhoffen. Für mich persönlich wird das „3001“-Kino, ein wenig versteckt in einem Hinterhof im Hamburger Schanzenviertel gelegen, wohl immer die Nummer Eins auf meiner ganz persönlichen Kino-Besten-Liste sein. Egal, welches I-Net-Magazin da wie, und was, Anderes sagen mag. Und ich freue mich jetzt schon auf meinen nächsten Besuch dort. Der wohl am kommenden Montag abend sein wird, wenn noch einmal die queere Dom-Com „Pillion“ zu sehen sein wird. Mit anderen Gästen, und auch mit mir, auf meinem innig geliebten Stammplatz, in meinem innig geliebten Lieblingskino. Das es so nur einmal auf der Welt gibt. Hier im Herzen von Hamburg.
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